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Überleben in der Dortmunder Nordstadt

Neuer Film "Marija"

Es gibt Spielfilme, die sich in einem Fabelkosmos bewegen und solche, die es mit der Wirklichkeit aufnehmen. Letztere haben ein Anliegen, werfen Fragen auf, fordern uns eine Stellungnahme ab - wie Michael Kochs starkes Kinodebüt "Marija", gedreht in der Dortmunder Nordstadt. Und genau dort, im Roxy-Kino, feierte der Film am Mittwochabend (22. Februar) seine Premiere.

DORTMUND

, 23.02.2017

Marija (wunderbar: Margarita Breitkreiz) putzt gegen Billiglohn Hotelzimmer. Als sie sich als Langfinger betätigt, wird sie von einer Kollegin verpfiffen, der Job ist futsch. Was soll werden aus ihrem Traum vom Frisiersalon? Es geht ums nackte Überleben. Bloß nicht zurück in die Ukraine. Lieber ist Marija ihrem Vermieter Cem (Sahin Eryilmaz) sexuell gefällig oder dolmetscht, wenn er Geld aus den Rumänen presst, armen Teufeln, die anders als Marija kein Deutsch sprechen und gnadenlos abgezockt werden.

Michael Koch hat gedreht, wo sich solche kleinen und großen Dramen abspielen, im Beritt Mallinckrodtstraße/Nordmarkt, wo Tagelöhner auf Arbeit hoffen und ein besseres Leben. Sie zahlen horrende Mieten für Bruchbuden, in der Hackordnung stehen sie ganz unten.

Alltagsgesicht der Stadt

Marija tut alles, um nicht dorthin abzurutschen, längst hat sie einen nüchternen Pragmatismus entwickelt, um mit Scheißkerlen und einem Scheißleben fertig zu werden. "Marija" ist kein Film, der die Profis vom Stadtmarketing zum Jubeln bringt. Wir sehen nicht die Schokoladenseite, sondern das Alltagsgesicht der Stadt, Leute, die sich abstrampeln, um auf einen grünen Zweig zu kommen.

Willkommen im "Brennpunkt" Nordstadt. Michael Koch gelingt eine  Milieustudie, deren fast schmerzlicher Realismus tiefer geht als die synthetischen Problemklischees im Dortmunder "Tatort". Nähe und Echtheit glaubwürdig herzustellen, ist kein Leichtes, dem Film gelingt es. Dabei verliert er sich nicht in Elendsfolklore. Er zeigt nur, was nötig ist, um Marijas Geschichte voranzutreiben. Im rechten Moment ein Schnitt, ein Zeitsprung - so geht ökonomisches Erzählen. Über Cem macht Marija die Bekanntschaft von Georg (als halbseidene Type immer toll: Georg Friedrich). Er vermittelt Arbeiter an russische Geschäftsleute, "schwarz", unter der Hand. Marija horcht die Russen aus, wird Georgs Assistentin. Man sieht sie lachen, sie beginnt ein Techtelmechtel mit Georg.

Täglicher Kampf

Winkt jetzt das Glück? Wir bangen mit Marija, hier liegt der Quell der Spannung. Dass sie unsere Sympathie genießt, ist auch das Verdienst von Margarita Breitkreiz. In ihrem Gesicht spiegeln sich Unrast, Müdigkeit, Lebenshunger, sie ist angefressen vom täglichen Kampf, doch Wille und Stolz sind auch zu erkennen in ihrem Spiel.

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