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Zwei Stars unter Strom

RECKLINGHAUSEN Sie glauben, dass Dieter Thomas Heck schnell sprechen kann? Dann haben Sie Jeff Goldblum und Kevin Spacey noch nicht gehört. Mit ihrem 90-minütigen Geschwindgalopp durch das Stück "Speed-the-Plow" (Die Gunst der Stunde) haben sie den Ruhrfestspielen am Samstag einen furiosen Auftakt beschert.

von Von Bettina Jäger

, 04.05.2008
Zwei Stars unter Strom

Kevin Spacey (l.) als Charlie und Jeff Goldblum als Bobby nutzen in Recklinghausen die "Gunst der Stunde".

Ihre Sprechweise hat sogar einen Namen. "Mamet-Rap" nennt man die Sprache in den Stücken des US-Autors David Mamet, der so schnelle und rhythmische Dialoge schreibt, dass dem Zuhörer schwindelig wird. Packt man noch einen Stapel derber Sprüche dazu, kommt das Drama "Die Gunst der Stunde" von 1988 heraus: 24 Stunden in der Alptraumfabrik Hollywood.

Gleich zu Beginn stürzt Charlie Fox (Spacey) in das Büro von Bobby Gould (Goldblum) - mit einem Ass im Ärmel. Er hat den Star Douggie Brown an der Hand, der mit einem seiner angenehm inhaltsfreien Actionfilme einen Kassenknüller garantiert. Wenn da nicht Aushilfssekretärin Karen wäre! Sie will Gould überreden, einen künstlerisch wertvollen Streifen zu drehen - mit der bizarren Botschaft, dass Gott die Menschheit durch die Strahlung unserer Elektrogeräte genetisch verbessern will. Pures Kassengift, ohne Zweifel. Aber Karen arbeitet mit vollem Körpereinsatz ...

Manager-Karikaturen

Natürlich bezieht der Abend einen Teil seines Charmes aus der Tatsache, dass Pulitzerpreisträger Mamet Drehbücher für Filme wie "Wenn der Postmann zweimal klingelt" oder "Die Unbestechlichen" erdacht hat und weiß, wovon er schreibt. Und dass sich zwei Helden des Systems über das System lustig machen.

Doch vor allem faszinieren Goldblum und Spacey schauspielerisch derart, dass man bald vergisst, die englischen Dialoge zu enträtseln oder auf die deutschen Übertitel zu starren. In der Regie von Matthew Warchus treiben die beiden ihre Figuren in die Karikatur: am Anfang zwei Kerle unter Strom. Am Ende zwei Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich blutig prügeln.

 Vorher buchstabieren sie uns aber noch das ABC des gewissenlosen Managers vor: die ach so dynamischen Gesten vom Schulterklopfen bis zum ständig hochgereckten Daumen. Das Grinsen. Das Getue, das von Erfolg kündet und doch nur knapp die Goldgräber-Gier zu übertünchen vermag. Und das eiskalte, ironische Reden über die Konsumenten. Ein Lehrstück in Sachen Kapitalismus.

Wie entfesselt hüpft Kevin Spacey als Charlie über die Bühne - die Aussicht auf Millionen ist sein ganz persönlicher Düsenantrieb. Jeff Goldblum dagegen nimmt sich in der Begegnung mit Karen plötzlich zurück, lässt Einsamkeit durchscheinen. Da ist ein Fiesling eine romantische Nacht lang von der Möglichkeit infiziert, ein besserer Mensch zu werden. Trotz der innig und liebenswert aufspielenden Laura Michelle Kelly hat dieser zweite Akt, für den Ausstatter Rob Howell das schicke Büro in ein schummriges Liebesnest verwandelt, seine Längen: Zu durchsichtig knackt hier das Räderwerk einer Satire, die auch diese Entwicklung als Illusion abtut.

Heftiger Beifall

In unzähligen Filmen war vor allem Spacey ein Mann der kleinen, bedeutsamen Gesten. Verblüffend, wie er gemeinsam mit Goldblum in "Speed-the-Plow" nun das Overacting - das total übertriebene Spiel - zur Brillanz entwickelt. Heftiger Beifall, auch wenn sich die Künstler am Samstag nur wenige Male verbeugten.

Termine: 6./ 7./ 8./ 9./ 10./ 11. Mai, nur noch Restkarten unter Tel. (02361) 9218-0.