Das leere Boot

Kolumne

In der Leben-Kolumne schreibt Marc Bracht über Gesundheit und Wellness. Diesmal geht es um einen antiken Alltags-Tipp aus Fernost.

18.08.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Parabel vom leeren Boot ist zwar sehr alt, aber immer noch aktuell. Findet zumindest Leben-Redakteur Marc Bracht.

Die Parabel vom leeren Boot ist zwar sehr alt, aber immer noch aktuell. Findet zumindest Leben-Redakteur Marc Bracht. © Montage: Adobe Stock/Kaminski

„Jetzt fahr doch!“, brülle ich am Steuer meines Wagens. Ja, der Feierabendverkehr in Dortmund kann einen wirklich zur Weißglut treiben. Es wird Grün, der Vordermann bleibt stehen. Die Straßen sind proppenvoll, trotzdem drängelt sich jemand noch auf meine Spur - ohne zu blinken. Ich werde dann manchmal wütend. Sehr sogar. Doch warum werden wir eigentlich sauer? Und gibt es da vielleicht einen Kniff, um immer cool und entspannt zu bleiben?

Warum wir wütend werden

Es scheint so, als würden wir stinkig, weil gewisse Situationen, die wir uns soundso wünschen, dann doch anders eintreten. Ich finde, man sollte nicht an der Ampel träumen, sondern aufmerksam sein. Einen Spurwechsel leite ich mit dem Setzen des Blinkers ein. Das sind meine Maßstäbe, ja, meine Verhaltensgrundsätze. Machen es meine Mitbürger dann aber anders, wurmt mich das. Ich bin frustriert.

Die Fruststrations-Aggressions-Hypothese besagt, dass auf Frustration - z.B. durch das vermeintliche Fehlverhaltens meines Gegenübers - Aggression folgen kann - mein Wutausbruch im Auto. Klingt nachvollziehbar. Doch immer wieder frage ich mich, wenn ich zwei-, dreimal tief durchgeatmet habe, ob wirklich die anderen an meiner Laune schuld sind. Oder bin ich es vielleicht selbst?

Die Parabel vom leeren Boot

Beim Nachsinnen über diese Frage fiel mir kürzlich die Parabel vom leeren Boot wieder ein. Es ist eine Geschichte aus dem Zen-Buddhismus. In der Parabel fragt der Schüler seinen Meister, wie er besser mit seinem Zorn umgehen kann. Der Meister erklärt:

„Stell dir vor, es ist ein nebliger Tag. Du bist mit deinem Boot draußen auf dem See. Durch den Nebel kannst du kaum etwas erkennen, bis plötzlich ein anderes Boot durch die Schwaden genau auf dich zukommt und dich rammt. Du wirst zornig. Du denkst: ‚Na, so ein Idiot, ich habe erst gestern mein Boot neu angestrichen.‘ Du kannst die frische Farbe, die du gestern so mühevoll aufgetragen hast, geradezu abblättern hören. Zorn! Dann dann schaust du genauer hin und siehst: das andere Boot ist leer. Da ist niemand, der dich absichtlich gerammt hat. Dein Zorn verfliegt und du denkst: ‚Ach, was soll’s, dann muss ich demnächst eben noch mal streichen.‘ Die Sache ist für dich damit gelaufen.“

Was wir vom leeren Boot lernen können

Die Anekdote zeigt, dass wir den Grund für unsere Wut ständig in anderen Menschen sehen. Wir sind wie der Mann im Boot. Wir suchen stets einen Schuldigen. Tatsächlich sind es aber immer wieder leere Boote, die uns wütend machen. Wir sehen: Die Wut ist in uns. Sie ist nichts Externes.

Der Meister fährt fort: „Je mehr wir mit dem Bild des leeren Boots üben, umso leichter können wir uns beruhigen und sehen, dass der Zorn nutzlos ist, und nicht an ihm festhalten. Schuld ist immer das leere Boot.“ Da ist natürlich leichter gesagt, als getan. Aber lassen wir uns doch einfach mal auf dieses Gedankenspiel ein.

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