Einfach mal Halbgas

Kolumne

In der Leben-Kolumne schreibt Marc Bracht über Gesundheit und Wellness. Diesmal geht es um Entschleunigung. Mehr Trabi, weniger Sportwagen.

08.12.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Höher, schneller, weiter - das scheint das Credo unserer Gesellschaft zu sein. Redakteur Marc Bracht findet: Manchmal reicht auch der Trabi-Modus.

Höher, schneller, weiter - das scheint das Credo unserer Gesellschaft zu sein. Redakteur Marc Bracht findet: Manchmal reicht auch der Trabi-Modus. © Montage: Adobe Stock/Kaminski

In der DDR war er von 1957 bis 1991 DAS Auto. Die Rede ist, Sie ahnen es, vom Trabant. Allein 1976 stellte der von Sachsenring produzierte Kleinwagen 47 Prozent aller Fahrzeuge in der Republik. Zweitaktmotor, Karosserie aus Duroplast - der Trabi, wie das Auto bis heute von Liebhabern und Spöttern genannt wird, war zwar erschwinglich und robust, aber galt auch als unbequem und laut. Und ein Rennwagen war er auch nicht. Die 600er-Variante brachte es gerade einmal auf 103 Kilometer pro Stunde. Ich finde das nicht schlimm. Langsamkeit hat Vorteile.

Entschleunigung: Fuß vom Gas

Das Trabant-Gefühl wirkt heute völlig aus der Zeit gefallen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Ansehen, Macht, Prestige, Vermögen - das alles bekommt man nur bei entsprechender Leistung. Die ersten Trabis hatten 18 PS. Der Bugatti Chiron bringt es auf 1500. Damit passt der flinke Franzose auf den ersten Blick natürlich viel besser zu unserem gesellschaftlichen Credo: Höher, schneller, weiter.

Entschleunigung in Auto-Form

Die Vorteile des Trabi werden allerdings bei diesem Vergleich schnell übersehen. Ein Bleifuß beim Chiron resultiert in einer Spitzengeschwindigkeit von 420 km/h. Praktisch, um möglichst schnell von A nach B zu kommen, z.B. von einem Geschäftstermin zum nächsten. Doch es geht etwas verloren. Der Blick nach draußen. In die Umwelt, die unmittelbare Umgebung. Bei 103 Spitze habe ich Zeit, durchs Fenster zu schauen oder mich mit meinem Beifahrer zu unterhalten. Auch über einen längeren Zeitraum. Der Trabi, das ist mechanische Entschleunigung.

Stress macht krank

Okay, Schluss mit den Autos. Fakt ist: Die meisten von uns sind gestresst. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov aus dem letzten Jahr fühlen sich 63 Prozent der Deutschen im Job gestresst. Top 3 der Gründe: Zeitdruck, unangenehme Atmosphäre, Leistungsdruck. Einige halten das bestimmt für total normal. So ist Arbeit eben, oder? Nur wer was leistet, bekommt auch was. Wir haben das weiter oben ja schon erörtert. Fakt ist aber auch: Stress macht krank.

Er kann zu Herz- und Kreislaufbeschwerden wie Bluthochdruck, Schwindelgefühle, Herzrasen und Atembeschwerden führen. Kopf-, Nacken-, Rücken- und Gelenkschmerzen hat er auch im Repertoire, genauso wie Magen-Darm-Erkrankungen wie Durchfall, Verstopfung, Reizdarm und Sodbrennen. Im schlimmsten Fall drohen Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Und das sind nur die körperlichen Auswirkungen. Die Liste der psychischen Probleme ist auch ziemlich lang.

Entschleunigen. Jetzt!

Okay, noch mal zurück zu den Autos. Ich plädiere für ein neues Credo: Mehr Trabi, weniger Sportwagen. Wir sollten uns regelmäßig Zeit für das Trabi-Feeling nehmen. Nicht von 0 auf 100, sondern von 100 auf 0. Es ist wichtig, dass wir lernen, auch mal laut und bestimmt „Nein!“ zu sagen, dass wir uns täglich ein paar Minuten zum Innehalten, Verschnaufen und Durchatmen nehmen. Wir brauchen einen Ausgleich. Schließlich sang schon Peter Maffay einst „Arbeit ist das halbe Leben“. Nutzen wir die andere Hälfte deshalb nur für uns. Seien wir Trabis. Einfach mal Halbgas.

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