So funktioniert das Indoor-Surfen

Knallharte Kopfsache

Surfen in der Halle - kann das gehen? Und können blutige Anfänger so vielleicht sogar Surfen lernen? Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja, vielleicht, zumindest ein wenig.

19.07.2020, 09:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Surfer Martin im Berliner Wellenwerk: Die Anlage in Berlin soll echtes Surf-Feeling bieten, ganz ohne Strand und Meer.

Surfer Martin im Berliner Wellenwerk: Die Anlage in Berlin soll echtes Surf-Feeling bieten, ganz ohne Strand und Meer. © Florian Schuh/dpa

„Stütz dich auf die Welle, nicht auf mich“, sagt die Trainerin. „Vertrau deinem Körper.“ Denn ohne Körpergefühl und Selbstvertrauen geht es nicht - beim Wellenreiten generell und auf der stehenden Welle im Berliner Wellenwerk schon gar nicht.

Die erste Indoor-Surfanlage der Stadt - und eine der ersten ihrer Art in Deutschland - verspricht Surf-Feeling wie an den Stränden von Bali, Kalifornien oder Sylt. Nur halt unter dem Dach einer Halle. „Uns gab es in Berlin einfach zu wenig Wassersportmöglichkeiten“, sagt Julius Niehus, einer der sieben Gründer des Wellenwerks. „Gerade in den langen Wintern wird es dann oft deprimierend.“ Die Lösung: Surf-Feeling nach Berlin bringen.

Indoor-Surfen: Zurückgeworfen durch die Corona-Krise

Den Anfang machte die Halle mit Wasserbecken und der etwa neun Meter breiten Welle, das Drumherum entsteht gerade - Gastronomie, ein Biergarten, ein Surfshop. Die Schließung in der Corona-Krise hat die Planung etwas zurückgeworfen, inzwischen hat das Wellenwerk aber wieder geöffnet, mit Mindestabständen und Masken-Regelungen.

Der Plan von Niehus und seinen Mitstreitern hat sich nicht verändert: Surfen nach Berlin bringen, so grün wie möglich, Ökostrom und Recycling-Baumaterial inklusive. „Die Surfkultur ist in ihrem Ursprung ja sehr naturverbunden und ökologisch - das Problem ist halt immer nur, dass man in irgendetwas Diesel- oder Kerosingetriebenes einsteigen muss, um dorthin zu kommen, wo man den Sport ausüben kann“, sagt er.

Als Konkurrenz zum „richtigen“ Surfen sieht Niehus das Surfen im Wellenwerk aber nicht, eher als separate Disziplin - mit Überschneidungen natürlich. „Was bei uns wegfällt, ist die Wellenauswahl, das Anpaddeln, das Durchtauchen unter der Welle - dafür lernt man hier, gut und sicher auf dem Brett zu stehen.“ Im Idealfall erspart das vor allem Anfängern Frust, wenn sie im Urlaub das erste Mal im Meer surfen: Was am Anfang kommt, muss man dann noch lernen - was auf dem Brett folgt, kann man schon.

Einsteigerkurs in halsbrecherischem Tempo

Doch diese Art des Schnupper-Surfens bedeutet: Langsam heranpaddeln ist nicht, es geht gleich los, auf einer nicht gerade kleinen Welle. Und so entpuppt sich Surfen schnell als klassischer Vertreter der Gattung „Sieht entspannt aus, ist aber höllisch schwer“.

Was auch am halsbrecherischen Tempo der Anfänger-Surfsession liegen mag: In 60 Minuten - alternativ gibt es Drei-Stunden-Kurse für Einsteiger - soll man hier das erste Mal ohne Haltestange auf dem Brett stehen. Das bedeutet: Neopren-Anzug an, eine knappestmögliche Einführung in Theorie und Sicherheit, und los.

Das geht zu Beginn noch ganz gut, immerhin gibt es die Stange zum Festklammern. Die Kraft der stehenden Welle ist da aber schon ganz gut zu spüren. Und die Tücken des Indoor-Surfens für Anfänger werden schnell klar: Während die Profis am Ende ihrer wilden Manöver elegant-entspannt an den Beckenrand lenken, gibt es für Neulinge nur einen Weg hier raus - durch die Welle. Und das bedeutet: Arme vor den Kopf, fallen und dann rausspülen lassen.

Viel Zeit im Wasser - und manches Erfolgserlebnis

Um das zu üben, gibt es reichlich Gelegenheit: Spätestens als die Haltestange das Becken verlässt, verbringt so mancher Teilnehmer mehr Zeit unter als im Wasser, allen voran der Autor dieser Zeilen.

Andere schaffen es gen Ende der 60 Minuten tatsächlich, länger auf dem Brett zu stehen - auch der jüngste Teilnehmer im Teenager-Alter, unter tosendem Applaus der Umstehenden. Mit breitem Grinsen klettert er wieder aus dem Wasser, genau wie andere erfolgreiche Anfänger. Angefixt, oder? „Unbedingt“, so die einhellige Antwort.

„Surfen ist eine enorme Anstrengung, die aber auch belohnt wird, mit einem Flow-Erlebnis ähnlich wie dem Runner’s High“, sagt Sabine Kind, Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und selbst begeisterte Surferin.

Lebensgefühl und knallharter Sport

Andere Aspekte des Surfens lassen sich unter Hallensport-Bedingungen und in einem solchen Schnupperkurs natürlich nur erahnen - das Lifestyle-Gebilde rund um den Sport etwa, so Kind. „Wenn man da einmal in der Szene ist, ist dieses besondere Gefühl schon auch ein Teil der Faszination.“

Surfen ist aber eben auch: Sport. Knallharter Sport sogar, dem anhaltenden Muskelkater am Abend der Anfänger-Session nach zu urteilen. Ohne eine gewisse Grund-Fitness geht es daher nicht. Gleichzeitig sagt Surf-Expertin Sabine Kind aber: Wer erstmal schnuppern will, muss kein Super-Sportler sein. „Machen kann das jeder, der schwimmen kann und keine Angst vor dem Wasser hat. Und natürlich sollte man grundsätzlich gesund sein.“

Jeder Muskel wird gebraucht

Umgekehrt kann Surfen aber durchaus super-sportlich machen. „Surfen beansprucht als Sport den ganzen Körper - Bauch und Rücken, die Rumpfmuskulatur also, die Beine sind ganz wichtig, aber auch die Arme, beim Anpaddeln vor allem.“ Und gerade beim Surfen im Meer, abseits der Halle, gibt es eine große Ausdauerkomponente - schließlich müssen Surfer zur Welle ja erst hinschwimmen.

Wer sich auf den Surfkurs im Urlaub vorbereiten will, oder auch nur auf die Schnupperstunde in der Halle, der macht mit fast keiner Vorbereitungssportart etwas falsch: Kraft- oder Ausdauertraining können ebenso sinnvoll sein wie Yoga und Pilates, sagt Kind. Denn davon profitieren unter anderem Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit und Rumpfmuskulatur.

Gleichzeitig ist Surfen Kopfsache - was dem Autor spätestens bei diesem Satz klar wird: „Und jetzt die Stange loslassen“, ruft die Trainerin. „Vertrau deinem Körper.“ Das ist nicht nur physisch schwer, sondern kostet echte psychische Überwindung - ein Eindruck, den Sabine Kind bestätigt. „Gerade zu Beginn geht es da sehr ums Durchhalten, ums immer wieder Aufstehen“, sagt sie. „Für viele bedeutet das schon einen Schritt aus der Komfortzone.“ Und in die Welle.

Weitere Freizeit-Tipps gibt es unter:

www.ruhrnachrichten.de/leben

dpa