Toxic Positivity: Glücklichsein um jeden Preis

Kolumne

In der Leben-Kolumne schreibt Marc Bracht über Gesundheit und Wellness. Diesmal gehts um Toxic Positivity und das Recht darauf, auch mal mies drauf zu sein.

29.06.2021, 13:32 Uhr / Lesedauer: 2 min
Gut drauf, komme, was da wolle: Toxic Positivity ist ungesund, auch mal schlecht drauf sein dafür völlig okay.

Gut drauf, komme, was da wolle: Toxic Positivity ist ungesund, auch mal schlecht drauf sein dafür völlig okay. © Montage: Adobe Stock/Kaminski

Wenn ich abends auf der Couch sitze und durch meinen Instagram-Feed scrolle, bin ich immer verblüfft: Ich sehe fast ausschließlich strahlende, glückliche Menschen an wunderschönen, außergewöhnlichen Orten. Alles ist rosa-rot, positiv. Und was ist mit mir?

Toxic Positivity: Vorgegaukelte Perfektion

Aufgrund dieses #goodvibesonly-Getues stell ich mir dann häufig die Frage, warum ich nicht gerade breit grinsend mit einem Cocktail in der Hand auf Bali abhänge. In einer perfekten Welt, in der alles toll, toll, toll ist.

Doch dann fällt mir immer wieder auf: Hey, das ist Social Media, nicht die Realität! Für dieses eine Bild sind die Insta-Fans ganz sicher auch erst mal durch die brütende Hitze getapert, wurden vom Taxifahrer übers Ohr gehauen und mussten fürs Posen vor malerischer Kulisse ein, zwei Stunden anstehen - wegen der ganzen anderen Insta-Fans.

Diese Erkenntnis ist wichtig. Denn wenn man nicht zwischen Schein und Sein unterscheiden kann, hat man schnell ein Problem. Denn seien wir mal ehrlich: Es ist nicht immer alles positiv.

Positive Gedanken als Zwang

Im Interview mit „Zeit Online“ warnt die Journalistin Anna Maas ausdrücklich vor erzwungener Positivität: „Das Mantra Good vibes only, also Fröhlichkeit um jeden Preis zur Schau tragen zu müssen, ist weder authentisch noch gesund.“

Früher habe man, so Maas, sich mit den Worten „Wie geht es dir?“ begrüßt. Heute frage man stattdessen: „Alles gut?“ Für ein „Nein, mir geht es schlecht“ scheint kein Platz mehr zu sein. „Muck nicht auf, sondern sieh zu, dass du dich selbst optimierst“, beschreibt Maas diese neue Norm.

Schlechte Laune ist ganz normal

Aber heißt das jetzt, dass wir alle Hardcore-Pessimisten werden sollen, die in allem nur etwas Schlechtes sehen? Nein. Positive Gedanken sind wichtig und gesund. Aber die negativen auch. Es geht die um Balance.

„Ein ehrliches Auskotzen und ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft schließen einander nicht aus. In bin nicht gegen Optimismus, sondern vielmehr für ein authentisches Gefühlsleben“, sagt Anna Maas im Interview.

Schlechte Laune sollte man nicht verdrängen. Sie gehört einfach dazu. Niemand kann 24/7 als Grinsefix durch die Gegend rennen. Man muss auch dieses Gefühl zulassen. Und sich fragen, wo es eigentlich herkommt.

Negative Gefühle nicht verdrängen

Viele setzen bei schlechter Laune konsequent auf Verdrängung. Keine gute Idee. Immer so zu tun, als hätte man gute Laune, sei anstrengend und auf Dauer ungesund, erklärt Diplom-Psychologin Doris Röschmann in der „Apotheken Umschau“.

„Ich deckle damit etwas in mir ab und das kostet psychische Energie“, so die Expertin. Das könne in manchen Fallen sogar eine Depression auslösen. Also: Lassen Sie uns alle hin und wieder auch mal miesepeterig unterwegs sein - und auf die Frage „Alles gut?“ mit einem ehrlichen „Nein“ antworten.

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