Bei Familie Naber ist es stiller, aber genauso turbulent wie anderswo

rnHörgeschädigte Eltern

Sabine und Thomas Naber sind hörgeschädigt und gehörlos. Mit ihren zwei Kindern Emma und Leo meistern die beiden Legdener ihren Alltag, den sie selbst gar nicht so ungewöhnlich finden.

Legden

, 21.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei Familie Naber aus Legden ist vieles normal und vieles ganz anders. Die Eltern, Sabine und Thomas Naber, sind gehörlos und hörgeschädigt. Tochter Emma (9) und Sohn Leo (6) hören und sprechen. „Unsere Kinder sind zweisprachig aufgewachsen“, sagt Sabine Naber. Denn Emma und Leo beherrschen auch die Gebärdensprache.

Nur beim Essen ist es stiller als bei anderen Familien

Nur leise geht es deswegen nicht zu bei den Nabers. Obwohl es bei den gemeinsamen Mahlzeiten am Tisch sicher stiller ist als bei anderen Familien. Denn dann gilt die Regel: nur Gebärdensprache. Damit alle alles mitbekommen. Wer etwas sagen möchte, hebt leicht die Hand. Außerhalb des Esstisches kommen die Kinder zu ihren Eltern und stupsen sie leicht an, bevor sie reden oder gebärden.

Emma und ihr Vater im Gespräch:

Emma und ihr Vater im Gespräch: © Simone Schulze Beikel

Sabine Naber, die gebürtig aus Borken kommt, war im Alter von zehn Monaten an einer Hirnhautentzündung erkrankt, die ihr Gehör stark einschränkte. Sie lernte mit Hilfe von Logopäden sprechen, kann heute wegen eines Cochlea-Implantats seit 2018 hören, wenn auch eingeschränkt. Und sie kann Lippen lesen. „Das konnte ich irgendwann von selbst“ sagt sie. Schon als Kind.

Auch Thomas Naber hatte im Kindesalter eine Hirnhautentzündung. Drei Jahre alt war er, als die Krankheit sein Gehör vollständig beschädigte. „Ich kann mich nicht erinnern, gesprochen und gehört zu haben“, gebärdet der 39-jährige beim Besuch der Redaktion, und seine Schwester Simone Schulze Beikel übersetzt. Er ist allein auf Gebärdensprache angewiesen, die seine Mutter damals erlernte und wiederum an die Geschwister Christoph und Simone weitergab. Für Thomas Naber ist die Stille normal, „ich kenne es nicht anders“.

Auch auf der Baustelle im Job: Bisher konnte ich mir immer helfen“

Wie ist der Berufsalltag? Thomas Naber arbeitet als Fliesenleger bei Andreas Haverkock in Legden und fährt auch alleine zu Baustellen. Wenn etwas ist, schreibt er es dem Kunden auf. „Bisher konnte ich mir immer helfen“, so der 39-Jährige. Sabine Naber hat in jungen Jahren Bauzeichnerin gelernt. Aber es war schwer, so sagt sie, einen Job zu finden. Jetzt im August fängt die 36-Jährige etwas Neues an, sie arbeitet in der Pflege.

Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Geburtstagsfeier. Der Anteil von Hörgeschädigten sei in ihrem Freundeskreis schon groß, erzählt Sabine Naber, und ihr Mann nickt. Aber sie haben auch hörende Freunde und Bekannte: Notfalls verständigten sie sich mit Händen und Füßen oder schreiben per Handy, sagt Thomas Naber. Und ihr Nachbar hat sogar einen Gebärdenkurs gemacht, ergänzt der Legdener, und die Freude darüber ist ihm anzusehen.

Ein Stromausfall hat für Familie Naber eine andere Dimension

Die beiden müssen länger nachdenken um zu sagen, was besser laufen könnte. Thomas Naber wünscht sich eine App fürs Handy, die er als Ersthelfer nutzen könnte, wenn er an einen Unfallort kommt. Stromausfälle haben bei Familie Naber natürlich eine andere Dimension als bei anderen: Klingel, Rauchmelder, Babyphone – alle Kommunikations- und Warnsysteme sind elektrisch.

Stichwort Babyphone: Wie war das, als die Kinder klein waren und wie ist es jetzt in Notfällen? Das Smartphone ist ein Segen für die Nabers. Denn Thomas‘ Geschwister Simone und Christoph wohnen in der Nähe und sind erreichbar. Die beiden können wichtige Anrufe tätigen und dolmetschen.

Für Termine beim Kinderarzt wird ein Dolmetscher gestellt

Bei längerfristig geplanten Terminen, etwa beim Kinderarzt, wird ein Dolmetscher gestellt. Die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse. Beim Integrationsamt des Kreises Borken in Ahaus bekommen Sabine und Thomas Naber auch Hilfe, wenn es um Besprechungen oder Videokonferenzen geht. 20 Euro im Monat zahlt die Familie für Dolmetscherkosten pauschal.

Emma und Leo kommen während des Gesprächs dazu, kurz wird über einen gemeinsamen Ausflug mit Familie Schulze Beikel gesprochen, mit Gebärden und ohne. Wie haben die beiden das Sprechen gelernt? Beim Jugendamt gab es Hilfe und Sprechunterricht für die Kinder, blickt Sabine Naber zurück. Mit zweieinhalb Jahren sind Emma und Leo in die Kita gegangen, und dann waren da natürlich noch die Verwandten und Freunde.

Wie wird geschimpft bei Familie Naber?

Und was ist, wenn die Kinder sich lautstark streiten? „Dann nehme ich mein Hörgerät ab“, sagt Sabine Naber und lacht. Wenn sie mit ihren Kindern schimpft, halten die sich im Gegenzug einfach die Ohren zu, ergänzt sie. Wenn es aber ernst wird, kommt die Botschaft an, egal wie.

Wenn die Familie gemeinsam unterwegs ist, bei Ausflügen oder sonstwo, „da gucken die Leute schon mal, aber das ist egal“, meint Thomas Naber. Im Urlaub in Kroatien war die Familie auch schon – es gab keine Probleme.

Mund-Nase-Maske macht das Lippenlesen unmöglich

In jüngster Zeit kommt es dann doch häufiger vor, dass Emma schon einmal beim Einkaufen dolmetschen muss. Die Mund-Nase-Maske, die wegen Corona getragen werden muss, verhindert, dass ihre Mutter Lippen lesen kann. „Manchmal muss ich die Leute bitten, den Mundschutz kurz abzunehmen. Das ist schwer“, erzählt die 36-Jährige. Da ist sie mit ihrer Bitte auch schon mal gescheitert. Aber sie hat dann einen anderen Weg gefunden. Wie ihr Mann Thomas schon sagte: Die beiden wissen sich zu helfen.

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