Tausende Nikoläuse gehen am 5. Dezember zu den Kindern. Einer der heiligen Männer ist Michael Jansen. Für Kinder hat er guten Rat. Mit Erwachsenen macht er als Schlagersänger Party.

Legden, Ahaus, Stadtlohn

, 30.11.2018, 14:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Stimme wird tief, beruhigend. „Wie war denn das Jahr?“, fragt der Nikolaus den kleinen Jungen. Der ist ehrlich. „Die Mama schimpft sehr viel mit mir.“ Einen Nikolaus darf man schließlich nicht belügen. Michael Jansen ist der Mann mit der tiefen Stimme, dem es riesigen Spaß macht, im Bischofsgewand den Nikolaus zu spielen. Und der so manches Mal hinter seinem weißen Bart schmunzeln muss.

Gerade hat Michael Jansen den Umhang aus der Reinigung geholt. Das weiße Untergewand angezogen, den Umhang übergeworfen, weiße Lockenperücke und einen Bart befestigt, zum Schluss die Mitra, also die Kopfbedeckung eines Bischofs aufgesetzt, und den Hirtenstab in die Hand genommen - fertig ist der Nikolaus, wie er seit Jahrhunderten Kinder beschenkt. „Ich bin kein Weihnachtsmann mit roter Zipfelmütze“, sagt Michael Jansen. Dafür aber, so viel sei schon vorweg verraten, ist er ein Showtalent, der sehr verschiedene Bühnen nutzt.

Der Brauch führt zurück auf Bischof Nikolaus von Myra, der im dritten Jahrhundert in der heutigen Türkei lebte. Um ihn ranken sich viele Legende. Als belegt gilt, dass er sein ererbtes Vermögen unter die Armen verteilt hat. Er ist Schutzheiliger für viele Berufe wie Seefahrer oder Bäcker und Pfandleiher. Und er ist Patron für Reisende, Liebende, Diebe, Gefangene, der Alten und eben auch der Kinder.

Ein Nikolaus wie Michael Jansen (48) erlebt viele tolle Geschichten

So sieht Michael Jansen aus, wenn er keinen weißen Bart trägt. © privat

„Ich bin kein strafender Nikolaus“

In diesen Tagen startet die kurze Nikolaussaison. Wie viele Tausende andere Nikoläuse besucht Michael Jansen jetzt viele Familien. Den Sack auf der Schulter und oft mit Knecht Ruprecht als Begleitung. Für den 48-jährigen Legdener ist das ein großes Vergnügen. Einige der Familien kennt er bereits aus den Vorjahren. Per Whatsapp verständigt er sich ein paar Minuten vor seinem Erscheinen mit den Eltern, packt schnell die bereit gelegten Geschenke ein und hat seinen großen Auftritt. Aus seinem goldenen Buch liest er den Kindern vor. Meist nur Gutes. „Ich bin kein strafender Nikolaus“, sagt er. Obwohl manche Eltern ihm schon einen kleinen Erziehungsauftrag auf den Weg geben.

Dass der Nikolaus die Kinder fragt, ob sie im vergangenen Jahr auch artig waren, findet Nele Warner-van Schie (35) völlig in Ordnung. Die Psychologin, Pädagogin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, die in Ahaus-Wessum ihre Praxis hat, sagt: „Der Nikolaus ist aus psychologischer Sicht unbedenklich.“ Und warum solle er nicht fragen, wie das Kind sich benommen hat. Das machen, so sagt Nele Warner-van Schie, Lehrer oder Eltern ja auch. „Der Knecht Ruprecht allerdings könnte schon mal ein Update vertragen“, sagt sie. „Er könnte fröhlicher, verspielter sein.“ Mit der Rute drohen, das ist heute glücklicherweise die Ausnahme.

Nachbereitung inklusive

Manchmal kann der Nikolaus den Eltern helfen. „Ich sammle schon mal Schnuller ein“, erzählt Michael Jansen, „die sind dann für die Engel bestimmt.“ Er lacht. „Ich mache auch Nachbereitung“, sagt er. Wie das? Wenn es dann doch nicht klappt mit dem Schnuller oder den Pampers, rufen die Eltern einfach beim Nikolaus an. „Soll ich noch mal vorbeikommen“, fragt er dann mit tiefer Stimme und erntet immer ein deutliches „Nein“ von den Kindern.

Angst vor dem Nikolaus haben heute Kinder viel weniger als früher. „Sie sprechen den Nikolaus von sich aus an“, sagt Klaus-Dieter Weßing, „früher war der Respekt viel größer. Heute sind sie viel offener.“ Er muss es wissen. Weßing ist Vorstandsmitglied der Nikolausgesellschaft Stadtlohn und steckt auch im Kostüm, wenn der Nikolaus am 5. Dezember vom Rathaus aus zu den Kindern spricht. Dann erzählt er als Nikolaus auch, dass es gut ist, wie der Bischof von Myra zu teilen und vielleicht auch etwas abzugeben von dem, was man vom Nikolaus bekommen hat.

Nikolausgesellschaft verteilt 2800 Tüten

2800 Nikolaustüten wird die Gesellschaft an diesem Tag in Stadtlohn an Kinder verteilen. Finanziert wird das vor allem durch das plattdeutsche Theaterstück, das im November seine fünf Aufführungen gesehen hat. Zwei Nikoläuse, gleich gekleidet, mit Knecht Ruprecht an der Seite, sind im Einsatz. Bereits seit 1927, als der Kaufmann Ferdinand Terrahe die Nikolausgesellschaft gründete, wird das Brauchtum hochgehalten. Für Klaus-Dieter Weßing ist es eine große Freude, den Nikolaus zu verkörpern. „Wenn man zu den Kindern und ihren strahlenden Augen sieht, bekommt man schon Gänsehaut“, sagt er.

Ein Moment, den Michael Jansen gut kennt. Wenn Kinder gläubig und voller Freude zu ihm aufsehen, ist das ein großartiges Gefühl. Manchmal ist es einfach nur schön, wie sich Kinder freuen. Und manchmal rührend. „Ein Fünfjähriger, den ich nach seinen Wünschen gefragt habe, sagte: ,Ich möchte endlich eine Freundin.‘“ Und manchmal müssen die Eltern schlucken. Ein Junge, ebenfalls befragt nach seinen Wünschen, sagte: „Die Mama soll nicht so viel Wein trinken.“

Ein Nikolaus wie Michael Jansen (48) erlebt viele tolle Geschichten

Von drauß‘ vom Walde komm ich her... © Ronny von Wangenheim

Viele andere Geschichten kann Michael Jansen erzählen. Eine davon handelt von einer Polizeikontrolle. Jansen war von einem Nikolausauftritt auf dem Weg nach Hause in seinem Auto, das er gerade erst gekauft und noch eine Beule hatte. Die hatte sich der Vorbesitzer kurz zuvor in einem Safaripark bei einem unverhofften Zusammentreffen mit einem Elefanten eingefangen. Als die Polizeibeamten Jansen anhalten und nach Alkoholkonsum fragen, erzählt dieser, er habe nicht getrunken, er sei doch der Nikolaus und sein Beifahrer der Ruprecht. „Da musste ich erst mal aussteigen. Dann fragte der Polizist nach der Beule.“ Ob er einen Unfall gehabt hätte. Seine Antwort: Sie werden mir das nicht glauben, aber das war ein Elefant. „Unser Auto wurde daraufhin so was von auseinandergenommen“, erzählt Michel Jansen und kann immer noch herzhaft lachen.

Das Ziel: Mit Musik Geld verdienen

Auftritte sind nicht Ungewohntes für den 48-Jährigen, der Bäcker und Koch gelernt hat und heute in der Lebensmittelbranche tätig ist. Schon als Kind liebt er Musik. Mit 14 Jahren verdient er sich seine ersten Sporen in einem Altenheim, wo er mit seinem Akkordeon auftritt. „Mein Vater war ein Musikfanatiker. Wenn ich ein Instrument beherrschte, kam er gleich mit einem neuen.“

Klavier hat Michael Jansen gelernt, auch Orgel. „Mein Ziel war damals: Ich wollte mit Musik Geld verdienen. Ich wollte ins Fernsehen.“ Doch erst einmal fordern die Eltern ein solides Fundament. Jansen wird Bäcker, schiebt eine Kochausbildung nach. Und er macht weiter Musik. Ungewöhnlich für einen jungen Menschen: „Ich stand auf Volksmusik, auf bayrische Musik, wo man Tuba und Akkordeon raushört.“

Ein Nikolaus wie Michael Jansen (48) erlebt viele tolle Geschichten

Michael Jansen bei einem Auftritt © privat

Bei der Bundeswehr dann spricht sich sein Talent rum. Michael Jansen darf im Vorprogramm des Bigband-Orchesters auftreten. „Da war Nervosität ohne Ende“, erinnert er sich. Es war der Anfang.

Mehrere Jahre tingelt Michael Jansen durch die Lande. Jansen ist jung, hat Energie. Morgens arbeitet er als Bäcker, abends tritt er in Discotheken, bei Schützenfesten und Galaveranstaltungen auf. Wolfgang „Wolle“ Petry, Howard Carpendale, Ibo oder das Rias-Tanzorchester mit Paul Kuhn, sie alle kreuzen seinen Weg. Endlich kommt die Anfrage, eine Single aufzunehmen. Als „Ein Engel weint doch nicht“ das erste Mal bei WDR 4 läuft, ist Michael Jansen unendlich stolz.

Auftritte im Fernsehgarten

Der nächste Sprung kommt. Michael Jansen tritt jetzt als Duo „Zweiklang“ mit seiner Partnerin auf. Der Song „Und dann auch nur du“ ist der Türöffner für die ganz großen Auftritte. „Das war eine coole Nummer“, erinnert sich der Sänger. ZDF-Fernsehgarten, „Immer wieder sonntags“ und andere Fernsehshows bieten dem Duo ihre Bühne. In allen Radiosendern laufen ihre Titel. Der einzige Wermutstropfen damals: „Mein Vater, der mich so gefördert hat, hat das leider nicht mehr erlebt.“

Doch dann kommt der Bruch. Michael Jansen und seine Partnerin trennen sich, nach anderen Schicksalsschlägen zieht er sich zurück. Nach einer Pause startet er neu. Legden wird eher durch Zufall der neue Wohnort, hier gründet er später eine neue Familie. Und er tritt wieder auf. Mallorca-Partys, Schützenfeste, Clubtouren zählt er auf. Gerade vor kurzem war er auf Norderney. Wenn die Menge tobt, die Menschen auf den Stühlen stehen und die Arme im Takt schwenken, dann ist Michael Jansen in seinem Element. „Volle Pulle“, wie er sagt.

Aber auch das Gegenteil liebt er. Stimmungsvoll wird es, wenn der Legdener wie Ende November beim Geburtstagskaffee im Altenwohnhaus St. Josef in Legden auftritt. Die Senioren sitzen im Rund, nicken im Takt und singen mit Michael Jansen: Junge komm, bald wieder. Und auch die, die schon viel vergessen haben in ihrem Leben, erinnern sich. Hier kann er auch ein weiteres Talent ausspielen. Michael Jansen kann gut Menschen nachmachen. Udo Lindenberg und Rainer Calmund sind zwei von ihnen.

Magische Phase lässt Kinder glauben

Und in diesen Tagen wird er zum Nikolaus. Damit hat er in Legden begonnen. Ist er schon oft vor vielen hundert Menschen aufgetreten, sind es gerade diese Momente mit ein, zwei oder zehn Kindern, die ihm besonders Spaß machen. Wenn die Kinder unerschütterlich glauben, dass der Nikolaus vor ihnen steht und der alles von ihnen weiß.

An den Nikolaus glauben Kinder unterschiedlich lange. So etwa ab acht Jahren, so Nele Warner-van Schie, merken sie, dass da etwas nicht stimmen kann mit dem Nikolaus, der überall gleichzeitig auftaucht und die Kinder so unterschiedlich beschenkt. Bis dahin aber, wenn sie in ihrer magischen Phase sind, wollen sie glauben. Da können andere Kinder oder Erwachsene noch so viel erzählen. „Es ist schön, wenn sie glauben dürfen“, so die Ahauser Psychologin. Kommen Kinder zweifelnd zu ihren Eltern, dann, so ihr Rat, sollen diese mit offenen Karten spielen. „Hättest Du lieber keinen Nikolaus, kein Christkind, keinen Osterhasen, die Geschenke bringen?“, diese Frage könne die Aufmerksamkeit auf das Schöne an den Festen lenken. Und das soll der Nikolaustag für Kinder vor allem sein: aufregend und schön.

Michael Jansen ist häufig ehrenamtlich unterwegs. Auch als Nikolaus. Deshalb kommt er gerne auch zu Familien, die es sich nicht leisten können, einen Nikolaus zu sich einzuladen. Termine hat er dafür am 9. und 16. Dezember, jeweils ab 16 Uhr. Interessenten können sich melden per E-Mail: regenbogengold93@googlemail.com
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