Kirchstraße bekommt ein neues Gesicht: Haus von Baujahr 1648 abgerissen

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Das Haus in der Legdener Kirchburg hat eine lange Geschichte. Als Sattlerei Beßmann, später als „Domschänke“. Der Gebäudeteil von Baujahr 1648 mit der Hausnummer 31 wird nun abgerissen.

Legden

, 05.08.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Stück Geschichte wird seit Montag abgerissen. Das als „Hauß Beßmann“ oder „Domschänke“ bekannte Haus an der Kirchstraße stammte aus dem Jahr 1648. Im August 2020 zerlegt ein Bagger Mauerwerk und Holzständerwerk des Gebäudes, das wohl in Urzeiten als Speichergebäude in der Kirchburg genutzt wurde. Das erzählt Christof Hintemann, der mit seiner Frau Claudia das Haus gekauft hat und es jetzt abreißen lässt. Die angegriffene Statik und auch die schlechte Grundsubstanz des Gebäudes seien der Grund, so Hintemann.

Christof Hintemann und seine Frau Claudia haben 2017 die benachbarten Gebäude an der Kirchstraße gekauft. Das "Haus Beßmann" wurde jetzt abgerissen: Die Statik und der Allgemeinzustand des 1648 errichteten Hauses führten dazu, dass das Haus offiziell aus der Denkmalliste genommen wurde.

Christof Hintemann und seine Frau Claudia haben 2017 die benachbarten Gebäude an der Kirchstraße gekauft. Das "Haus Beßmann" wurde jetzt abgerissen: Die Statik und der Allgemeinzustand des 1648 errichteten Hauses führten dazu, dass das Haus offiziell aus der Denkmalliste genommen wurde. © Anne Winter-Weckenbrock

Das Legdener Ehepaar hat die aneinander gebauten Häuser an der Kirchstraße 29 und 31 im Frühjahr 2017 erworben. „Die Nummer 31 für einen Erinnerungswert“, sagt Christof Hintemann. Sie hätten gewusst, dass das Gebäude unter Denkmalschutz stand. Der vorherige Eigentümer vielleicht auch, aber geschert hat er sich nicht darum: Im Erdgeschoss war umgebaut worden. Und zwar so, dass tragende Eichenbalken abgeschnitten worden waren. „Die Grundsubstanz des Holzständerwerks“, so der Legdener.

Zuletzt Büro einer Zeitarbeitsfirma

Der Blick ins zweite Geschoss war auch nichts für empfindliche Gemüter: Vogelkot über Vogelkot, tote Tiere. Bis etwa 2014 hatte im umgebauten Erdgeschoss eine Zeitarbeitsfirma ein Büro betrieben, im Nebengebäude hatten sie Mitarbeiter untergebracht. Bis ein Baustopp des Kreises dem ein Ende machte, wie Christof Hintemann zurückblickt. Dann stand auch das Gebäude Nr. 31, das seit 50 Jahren nicht mehr zum Wohnen genutzt worden sei, leer.

So sah es bis Sonntag noch an der Kirchstraße 31 aus. Mit den Abrissarbeiten des Hauses, das 1648 errichtet wurde, ist am Montag begonnen worden.

So sah es bis Sonntag noch an der Kirchstraße 31 aus. Mit den Abrissarbeiten des Hauses, das 1648 errichtet wurde, ist am Montag begonnen worden. © Firma Bogenstahl

Christof Hintemann macht keinen Hehl daraus, dass er sich über den Anblick ärgerte. „Viermal am Tag bin ich an der Rummelbude vorbeigefahren“, sagt er. Als sich zufällig die Gelegenheit bot und er Kontakt zum Eigentümer herstellen konnte, ging alles sehr schnell mit dem Kauf. Aber dann ging es um die Nutzung. An einen Abstellraum war zuerst gedacht worden. Bis der katastrophale Zustand des Gebäudes sich auftat und der Gedanke an Abriss nach vorn trat.

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Ein Gutachten, das die Hintemanns in Auftrag geben mussten, brachte erst einmal eine Überraschung zutage: Nicht 1871, wie es bei der Denkmalbehörde verzeichnet war, sondern 1648 konnte als Baujahr bestimmt werden.

Per Dendrochronologie , einer Methode zur Holzaltersbestimmung, fand der Gutachter das heraus. Die Eichenbalken an der Fassade und innen hatte er einzeln analysiert und die Wachstumsjahre erkennen können.

Deckenhöhe lag bei 1,81 Metern

Das machte die Sache für die Hintemanns nicht einfacher. Als der Gutachter alles frei gelegt hatte, sah es katastrophal aus. Und die zerstörte Statik in dem Gebäude mit einer Deckenhöhe von 1,81 Metern – „dann war klar, wir können das nicht erhalten“, so Christof Hintemann. Er und seine Frau gingen das Projekt an, das Gebäude aus der Denkmalliste entfernen und abreißen zu lassen.

Wie bei jedem Abriss muss der Bauschutt sortiert werden, auch bei einem Haus mit Baujahr 1648.

Wie bei jedem Abriss muss der Bauschutt sortiert werden, auch bei einem Haus mit Baujahr 1648. © Anne Winter-Weckenbrock

Ein Denkmal aus der Liste zu entfernen ist ein sehr seltener Vorgang. Christof Hintemann kennt nun durch das Gutachten so gut wie die ganze Geschichte des Hauses, ist da aber nicht nostalgisch sondern nüchtern. Er leitet eine Provinzial-Geschäftsstelle in Legden, bei ihm sind viele Gebäude versichert und seine Erfahrung ist: „Ein gutes Gebäude kann 150 Jahre alt werden.“ Dann werde es kritisch, was Statik und vor allem auch Brandschutz angeht.

So sah es vor ungefähr 60 Jahren an der Kirchstraße 29 und 31 aus – von der Kirchenseite her: Paul, Bernhard, Franz, Clemens Melchers (v. l.) vor ihrem Elternhaus, seinerzeit ein Lebensmittelgeschäft. Das hintere Gebäude ist das, was jetzt abgebrochen wurde. Das Foto hat uns Bernhard Melchers zur Verfügung gestellt.

So sah es vor ungefähr 60 Jahren an der Kirchstraße 29 und 31 aus – von der Kirchenseite her: Paul, Bernhard, Franz, Clemens Melchers (v. l.) vor ihrem Elternhaus, seinerzeit ein Lebensmittelgeschäft. Das hintere Gebäude ist das, was jetzt abgebrochen wurde. Das Foto hat uns Bernhard Melchers zur Verfügung gestellt. © privat

Zuerst wandte sich das Ehepaar Hintemann an die Untere Denkmalbehörde im Legdener Rathaus. Dort wurde ihre Einschätzung geteilt, und auch in der Kommunalpolitik: Im April 2017 stimmte der Bauausschuss zu, dass das Haus Nr. 31 aus der Denkmalliste gestrichen werden sollte. Das letzte Wort hatte aber die LWL-Denkmalpflege. Einige Gespräche wurden in und mit der Behörde aus Münster geführt.

Abrissgenehmigung kam vor einigen Monaten

Dort wurden den Hintemanns auch gesagt, dass die Erhaltung des Gebäudes bezuschusst werden würde. Das stand für die Legdener aber zu dem Zeitpunkt nicht mehr zur Debatte, das konnte nicht wirtschaftlich sein. Das Gutachten kam zum Ergebnis, dass die Substanz nicht zu erhalten sei. Am Ende lenkte die Behörde, die das Bewahren in den Vordergrund stellt, ein. Vor einigen Monaten kam die Abrissgenehmigung des Kreises Borken.

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Der Abriss hat genaue Auflagen. Familie Hintemann muss den Abbruch fotografisch dokumentieren. Einige Elemente aus der Hausnummer 31 mussten gesichert werden und werden künftig beim LWL in Münster gelagert – für den Fall, dass ein anderer Hauseigentümer aus Legden sein etwa gleich altes Haus sanieren möchte. Dieser könnte dann auf einige Eichenbalken, auf vier kleine Zimmertüren oder auf ein historisches Fensterelement zurückgreifen.

Ein Eichenbalken aus der Außenfassade: An der Gestaltung des Balkens soll damals abzulesen gewesen sein, wie wohlhabend die Hausbewohner waren.

Ein Eichenbalken aus der Außenfassade: An der Gestaltung des Balkens soll damals abzulesen gewesen sein, wie wohlhabend die Hausbewohner waren. © Anne Winter-Weckenbrock

Der Giebel des Hauses 29 – in dem Gebäude haben Claudia und Christof Hintemann drei große Mietwohnungen untergebracht – soll zudem so gestaltet werden, wie der Giebel von Nr. 31 ausgesehen hat.

Haus von Baujahr 1648 abgerissen

Die Abrissarbeiten mitten in Legden – die Kirchstraße ist weiträumig um die Nr. 31 gesperrt – sehen auch viele Passanten. Mancher mag es kritisch sehen, das Ehepaar Hintemann erntet – auch beim Besuch der Redaktion am Dienstag – nur positive Reaktionen. „Viele haben beim Abriss auch sehen können, wie schlecht die Substanz ist“, sagt der Eigentümer.

Bebaut werden soll die Fläche nicht. Dort, wo Christof Hintemann in jungen Jahren Billard gespielt hat im Nebenraum der „Domschänke“, sollen die Mieter von nebenan ihre Autos abstellen können.

Donnerstagabend: Vom Haus ist eigentlich nichts mehr zu sehen.

Donnerstagabend: Vom Haus ist eigentlich nichts mehr zu sehen. © privat

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