ArGe-Projektleiter Klaus Vennekötter und Amprion-Projektsprecher Jonas Knoop (von links) sind mit dem Fortschritt des Stromtrassenbaus in Legden sehr zufrieden. © Stefan Grothues
Stromtrasse

Mit Video: Energiewende zieht in Legden einen breiten Graben

Es geht voran: Im Oktober wird der große Graben, den der Stromtrassenbau in Legden gezogen hat, wieder verfüllt. Das 30-Millionen-Euro-Projekt ist ein Puzzleteilchen für den Klimaschutz.

Legden leistet ein großen Beitrag zur Energiewende und das pünktlich: Er ist über sechs Kilometer lang, liegt mal tief im Erdreich oder hängt mal hoch in der Luft. Nach nur einem Jahr Bauzeit ist ein Ende schon in Sichtweite: die Bauarbeiten für die Amprion-Stromtrasse liegen im Zeitplan.

Jonas Knoop und Klaus Vennekötter stehen am Freitagmorgen am Rande des großen Grabens in der Bauerschaft Deipenbrock. Der große Regen hat gerade aufgehört. Die Bauarbeiter im Graben brauchen den großen schwarzen Schirm nicht mehr, der sie bis gerade noch beim Zusammenschweißen der sechs roten Kunststoffrohr-Trassen schützte.

Grüner Strom fließt vom Wattenmeer über Legden ins Ruhrgebiet

In diese Schutzrohre werden sechs Erdkabel eingezogen, die als 380-kV-Hochspannungsleitung den grünen Strom der Offshore-Windkraft-Anlagen im Wattenmeer dahin fließen lassen, wo er gebraucht wird: ins Ruhrgebiet und ins Rheinland. 180 Kilometer ist der neue Leitungsabschnitt lang, erklärt Amprion-Projektsprecher Jonas Knoop.

Im Frettholt sind bereits die ersten Freileitungsmasten errichtet worden. Insgesamt werden auf dem Legdener Gemeindegebiet 13 Masten errichtet, die zwischen 60 und 90 Meter hoch sind.
Im Frettholt sind bereits die ersten Freileitungsmasten errichtet worden. Insgesamt werden auf dem Legdener Gemeindegebiet 13 Masten errichtet, die zwischen 60 und 90 Meter hoch sind. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Die Strecke reicht von Dörpen im Emsland bis nach Wesel am Niederrhein. Zumeist als Freileitung, streckenweise als Erdkabel und selten in Tunnelbauweise.

In Legden sind alle drei Bauarten anzutreffen: Freileitungen aus südwestlicher Richtung (Stadtlohn/Gescher) kommend, dann Kabel in einem Tunnel, der Legden nordwestlich streift und die offene Grabenbauweise ab Bleikenkamp bis nach Frettholt. Von dort führt wieder eine Freileitungsstrecke in Richtung Wettringen.

Leitung in der Erde und in der Luft

Von den insgesamt knapp zehn Kilometern Leitungsstrecke auf Legdener Gebiet werden 5,2 Kilometer als Erdkabel verlegt, 4,5 Kilometer als Freileitung. 2,2 Kilometer Erdkabel werden in Tunnelbauweise verlegt. Davon sind 1,3 Kilometer schon geschafft.

Der Tunnel soll Ende des Jahres fertig sein. Für die Freileitung auf Legdener Gebiet sind 13 Masten erforderlich, die 60 bis 90 Meter hoch sind. Die ersten Masten wurden bereits in der Bauerschaft Frettholt errichtet. 30 Millionen Euro kostet der Leitungsbau auf Legdener Gebiet insgesamt.

3,2 Kilometer Erdkabel werden auf Legdener Gemeindegebiet in offener Bauweise verlegt.
3,2 Kilometer Erdkabel werden auf Legdener Gemeindegebiet in offener Bauweise verlegt. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Dabei schlägt die offene Bauweise die größten Wunden in die Landschaft, die allerdings auch schnell wieder verheilen. 45 Meter breit ist die 3,2 Kilometer lange Schneise, die als Arbeitsbereich durch Äcker und Wiesen gegraben wird. Acht Meter breit ist der eigentliche, 2,20 tiefe Graben, in den die zunächst noch leeren Schutzrohre für die Erdkabel gebettet werden.

Graben-Finale im Deipenbrock

„Dies ist das letzte noch offene Teilstück“, sagt Bauingenieur Klaus Vennekötter beim Blick in den großen Graben im Deipenbrock. Der Ahauser ist Projektleiter der „Arbeitsgemeinschaft Amprion Legden-Asbeck“, die die Großbaustelle mit 60 Mitarbeitern in Gang hält. Für die beteiligten Firmen Heitkamp & Hülscher (Stadtlohn), Bogenstahl (Legden), Epping (Bocholt) Stewerding (Borken) und Rohrleitungsbau Niederrhein ist es nicht das erste Gemeinschaftsprojekt.

Ende Oktober wird auch hier der Graben wieder sorgsam verfüllt werden, schichtweise, damit die verschiedene Bodenhorizonte wie vor dem Eingriff liegen. Wenn zuletzt die Mutterbodenschicht wieder zuoberst liegt, dann müssen die Landwirte nur noch auf grünes Licht vom Bodenkundler warten, bis sie ihre Äcker wieder wie gewohnt bestellen können.

Stromkabel werden in Leerrohre eingezogen

Sie werden sich auch nicht daran stören müssen, wenn im nächsten Jahr die 1000 Meter langen Kabel in die Leerrohre eingezogen werden. Das ist mit punktuellen Eingriffen möglich.

Im Frettholt wurden bereits zahlreiche Betonfundamente für die Übergabestation gegossen. Hier treten die Erdkabel wieder zu Tage und werden in die Freileitung überführt, die über 35 Kilometer bis nach Wettringen führt und 2023 fertig sein soll.

So viele Ergebnisse nach überschaubare Bauzeit, das könnte doch optimistisch für den weiteren Netzausbau stimmen, der ja für die Energiewende erforderlich ist, oder? In Legden sei im Großen und Ganzen alles reibungslos gelaufen. Jonas Knoop und Klaus Vennekötter loben die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde und den 15 direkt betroffenen Landwirten.

Aber Jonas Knoop erinnert auch an die lange Vorgeschichte: 2009 wurde der Leitungsbau beschlossen, 2012 begannen die Planungen. „Die Bauzeit ist nicht das Problem. Die Genehmigungsverfahren dauern zu lange.“

In der Asbecker Bauerschaft Frettholt wird das Erdkabel wieder zu Tage treten und an einer großen Übergabestation in die Freileitung überführt. Die Fundamente sind bereits gegossen worden.
In der Asbecker Bauerschaft Frettholt wird das Erdkabel wieder zu Tage treten und an einer großen Übergabestation in die Freileitung überführt. Die Fundamente sind bereits gegossen worden. © Stefan Grothues © Stefan Grothues

Wenn die Leitung in Legden verlegt sein wird, wird noch lange kein Strom fließen. Oder höchstens test- und abschnittsweise. Denn in Niedersachsen klafft noch eine Leitungslücke von rund 50 Kilometern. Knoop: „Das Planfeststellungsverfahren dort wird wohl erst 2023 abgeschlossen. Der Freileitungsbau dort wird dann voraussichtlich bis 2025 dauern.“

Energiewende braucht noch viele neue Nord-Süd-Stromtrassen

Und dabei ist die Amprion-Trasse nur einer von weiteren noch ungenehmigten Baustein. Die Bundesregierung hat das Ausbauziel für Windenergie auf See für das Jahr 2030 auf 20 Gigawatt erhöht.

2040 sollen es schon 40 Gigawatt sein. Das, so Jonas Knoop, entspreche der Strommenge von 40 Atomkraftwerken oder 60 Kohlekraftwerken, die in den Süden transportiert werden müsse. Die neue Amprion-Leitung kann bis zu 3,6 Gigawatt übertragen.

„Es muss jetzt also richtig schnell gehen“, sagt Jonas Knoop. Was ihn optimistisch stimmt: „Es gibt einen Bewusstseinswandel bei vielen Menschen. Der Netzausbau wird angesichts des spürbaren Klimawandels nicht mehr nur als Störfaktor gesehen, sondern als notwendig akzeptiert.“

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Stefan Grothues