Mysterium um Bombenangriff auf Legden im Zweiten Weltkrieg ist endlich gelüftet

rnZweiter Weltkrieg

Ein Bombenteppich verfehlte am 22. März 1945 Legden wie durch ein Wunder. Martin Kösters und Mario Hoppe von der Gruppe „Broken Wings“ haben das Mysterium gelüftet.

Legden

, 20.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dichte Rauchschwaden liegen in der Luft. Der Zweite Weltkrieg tobt. Es ist der 22. März 1945. Deutschland steht unter schwerer Bombardierung der Alliierten. Auch in Legden geht an diesem Tag ein Bombenteppich nieder. Wie durch ein Wunder bleiben Ort und Pfarrkirche verschont. Seitdem ranken sich Mysterien und Legenden um diesen Bombenangriff.

Doch jetzt endlich gelang es Martin Kösters und Mario Hoppe zusammen mit ihrer Forschergruppe „Broken Wings“ das Mysterium belegbar zu lüften. Mit etlichen dicken Aktenordnern voller Material haben uns die beiden kürzlich in der Redaktion besucht. Zahlreiche historische Luftbildaufnahmen breiteten sie auf dem Tisch aus. Auf einer Einsatzskizze steht das Wort „Secret“. Und der 10. Februar 2020 war so etwas wie ein Sechser im Lotto für die beiden Geschichtsbegeisterten.

Anhand dieser historischen Luftbilder von Legden aus dem US-Militärarchiv konnten Martin Kösters und Mario Hoppe vieles über den Angriff rekonstruieren.

Anhand dieser historischen Luftbilder von Legden aus dem US-Militärarchiv konnten Martin Kösters und Mario Hoppe vieles über den Angriff rekonstruieren. © Repro Kösters


Es gelang Martin Kösters und Mario Hoppe, aus einem US-Militärarchiv an umfangreiches Material über den Bombenangriff auf Legden zu kommen. Über 6000 Seiten auf Mikrofilm durften sie sich über einen Server des US-Militärarchivs herunterladen. Somit erhielten die beiden die Informationen, nach denen sie schon eine Ewigkeit gesucht hatten. Fakten und Daten zur Bombardierung Legdens.

Seit 30 Jahren mit der Forschung beschäftigt

Seit 30 Jahren forschte Martin Kösters in seiner Freizeit an dem Mysterium rund um den Bombenangriff und weiteren Geschehnissen rund um Legden während des Zweiten Weltkriegs. Seit gut zwei Jahren unterstützt ihn Mario Hoppe in dieser Sache. Er befasst sich seit acht Jahren mit den Geschehnissen im gesamten Westmünsterland während des Zweiten Weltkriegs.

Das Hauptaugenmerk der beiden liegt dabei auf Flugzeugabstürzen und der Suche nach Angehörigen der Flugzeugbesatzungen. Auch die Schicksale zweier Zwangsarbeiter und eines bislang vermissten deutschen Piloten konnten durch ihre Arbeit aufgeklärt werden.

Bomber dieses Typs waren am 22. März 1945 auch über Legden unterwegs.

Bomber dieses Typs waren am 22. März 1945 auch über Legden unterwegs. © Repro Kösters


„Es ist wie ein Puzzlespiel, bei dem oft die Teile nicht zusammenpassen“, sagt Martin Kösters. Und Mario Hoppe ergänzt: „Die Arbeit kostet viele Nerven, aber sie begeistert zugleich.“ Erst recht, wenn die Sache zielführend ist. So wie jetzt in Legden.

Über Jahrzehnte hielt sich die Legende, dass ein irischer Offizier die Anweisung gab, Legden zu verschonen. Genauer gesagt die Kirche St. Brigida Legden. Nicht wenige glaubten, der Offizier habe um die Pfarrpatronin gewusst. Denn Brigida von Kildare ist eine irische Heilige. Darum habe der Offizier es nicht übers Herz gebracht, den Ort bombardieren zu lassen.

Das Legden-Kartenhaus stürzt ein

Jetzt ist dieses Legden-Kartenhaus eingestürzt. „Die Geschichte ist schön, keine Frage, aber sie passt nicht zu Einsatzplänen, die uns vorliegen“, sagt Martin Kösters. Denn in dem Material aus dem US-Militärarchiv sind auch die Einsätze der 9. US-Luftflotte vom 22. März verzeichnet. Jenem Tag, an dem angeblich die Briten mit dem irischen Offizier Legden bombardiert haben sollen.

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Zeitsprung: 9.40 Uhr - 22. März 1945. Schwere viermotorige B-24- Bomber („Liberator“) nähern sich Coesfeld. Eigentlich war Dülmen das auserkorene Ziel, doch die Mission Dülmen wird abgesagt. Darum muss Coesfeld dran glauben. Die Bombenschächte gehen am Nordrand der Stadt auf. Coesfeld brennt und verschwindet unter dichtem Rauch.

Die Bomber ändern spontan ihren Kurs

Der Rauch und die spontanen Planänderungen haben Folgen. 46 weitere Bomber vom Typ B-26 („Marauder“) der 344. Bombergruppe sind im Anflug. Massives Flakfeuer und der dichte Qualm erschweren die Mission. Die Bomber drehen Richtung Norden ab, tangieren Gescher und Ahaus. Aus Richtung Heek kommend, nehmen einige der Bomber den Zielpunkt an der Osterwicker Straße ins Visier.

Diese Einsatzplan belegt die Flugrouten der US-Bomber am 22. März 1945.

Diese Einsatzplan belegt die Flugrouten der US-Bomber am 22. März 1945. © Repro Kösters


Dann rauschen aus einigen Maschinen 50-Kilo-Bomben in die Tiefe. Von 56 bis 65 berichtete seinerzeit die Ortspolizei in ihren Meldungen. Der Abwurf erfolgte aus gut 4000 Metern Höhe. Doch warum dort? Was war das Ziel? Die Dokumente aus dem Militärarchiv liefern die Antwort.

Die Piloten suchen „lohnenswerte Ziele“

„Wir haben alles sorgfältig studiert“, so Martin Kösters. Das Ergebnis: Die Bomben sollten die drei Flakstellungen der Deutschen an der Hermannshöhe – dort, wo heute die Umgehungsstraße in die B 474 mündet – zerstören. „Die Piloten haben also offensichtlich bei all der Improvisation noch nach „lohnenswerten“ Zielen gesucht“, schildert Mario Hoppe.


Doch der Bombenhagel verfehlt die Stellungen. Lediglich eine Bombe schlägt zwischen den Geschützen ein. „Wenn dieser Bombenteppich Legden getroffen hätte, dann hätte der Ort heute ein anderes Gesicht“, stellt Martin Kösters klar. Doch so blieb es beim Flurschaden.

Während in Legden glücklicherweise nur ein 13-jähriger Schüler beim Einsturz eines Luftschutzgrabens verschüttet und in letzter Sekunde gerettet wurde, forderten die über Gescher abfliegenden Bomber dort einen nicht unerheblichen Blutzoll : Hier fielen geschätzt 150 Bomben auf die Stadt, sieben Menschen kamen ums Leben.

Wie kann so eine Legende entstehen?

„Die Dokumente belegen also ganz eindeutig, dass es nicht die Briten waren, die Legden bombardiert haben, sondern die Amerikaner“, hebt Mario Hoppe hervor. Aber wie konnte so eine Legende überhaupt entstehen? „Der Mensch sucht nach Erklärungen“, entgegnet Martin Kösters. Die Gründe dafür können vielfältig sein.


Was jedoch klar ist: Die Legende um den irischen Offizier, der Legden wegen Brigida von Kildare absichtlich per Befehl verschonte haben soll, ist den Nachforschungen von Martin Kösters und Mario Hoppe zu urteilen ohne einen Funken Wahrheit versehen. Letztlich verdankt es Legden wohl einer Verkettung von Umständen, dass die Bomben haarscharf neben dem Ort niedergingen.

Und wer weiß, vielleicht veröffentlichen die „Broken Wings“ auch irgendwann mal ein Buch, in dem sie alle ihre Forschungsergebnisse präsentieren. Denn die Arbeit wird wohl nie ausgehen. „Es gibt noch so viel aus dieser Zeit zu erforschen. Wir bleiben dran. Und die Sache mit dem Buch wäre schon noch mal ein weiteres Ziel“, sagt Mario Hoppe vielsagend.

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