Über Geschichte stolpern

Asbeck "Ein Kerzenständer," sagt der Laie. "Ein schöner Kerzenständer", fügt der Ästhet hinzu. "Einer aus dem Barock", stellt der Kunstinteressierte fest. Und dann betritt zufällig ein Experte das 800 Jahre alte Haus der Familie van Wüllen, sieht das gute Stück, und weiß es ganz genau: "Eine Dankesgabe des Münsteraner Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen."

10.09.2008, 19:11 Uhr / Lesedauer: 1 min

<p>Eine preußische Mineralwasserflasche (Mitte) befindet sich neben Steingut- und Töpferware aus der Region in der Vitrine.</p>

<p>Eine preußische Mineralwasserflasche (Mitte) befindet sich neben Steingut- und Töpferware aus der Region in der Vitrine.</p>

Hausherr van Wüllen schmunzelt, als er den Ständer wieder zurück stellt in die Vitrine. So geht es dem Restaurator oft: "Manchmal dauert es Jahre, aber dann gibt ein historisches Fundstück plötzlich doch seine Geschichte preis."

Und davon gibt es viele in dem ehemaligen Äbtissinnenhaus im Herzen des Stiftsdorfs, das die van Wüllens als Wohn- und Geschäftshaus nutzen. Eine Auswahl davon ist ab Sonntag in einer Ausstellung zu sehen, die van Wüllen zusammen mit seiner Tochter Stefanie zusammengestellt hat, die als Diplom-Restauratorin für Objekte aus Holz bereits Erfahrungen im Ausland gesammelt hat. Anlass ist der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, der unter dem Motto "Vergangenheit aufgedeckt - Archäologie und Bauforschung" steht.

Wer in einem so geschichtsträchtigen Haus lebt, stolpert mitunter über Zeugnisse der Vergangenheit - im Garten zum Beispiel, wo Rudolf van Wüllen zwischen den Blumen eine elf Kilogramm schwere Kanonenkugel fand, die eine Reiterkompanie im 30-jährigen Krieg abgefeuert hat. Erst recht treten Fundstücke aus dem Alltag der adeligen Stiftsdamen bei Renovierungsarbeiten zu Tage.

In einer Glasvitrine liegt ein sorgfältig verziertes Steinwappen der Äbtissin von Droste Vischering, die von 1597 bis 1614 die Geschicke des Stifts leitete. Eine tragende Rolle kam ihr bis in die heutige Zeit zu. Auf dem Stein ruhte bis vor wenigen Jahren der Fachwerkbalken eines Anbaus. Der einstige Bauherr - vermutlich im 19. Jahrhundert - habe so verhindert, dass Wasser ins Holz dringt - und dass das Wappen zerstört wurde. Denn anders als heute beurteilten die Vorfahren Zeugnisse der Vergangenheit nach ihrer praktischen Verwertbarkeit. Was nicht mehr zu gebrauchen war, wurde weggeschmissen. Oder ging verloren: wie ein eiserner Haustürschlüssel, der ausgerechnet unter dem Sprechgitter der Nonnen wieder zum Vorschein kam. Wer ihn einst verlor, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben - anders als die Identität des Kerzenleuchters. sy-

<p>Diesen Kerzenständer hat der Münsteraner Fürstbischof von Galen, der auch in Ahaus residiert, einst einem seiner Getreuen als Dankesgabe überreicht. Rudolf van Wüllen freut sich, ihn ausstellen zu können - und seine Geschichte zu kennen.  MLZ Fotos Lüttich-Gür</p>

<p>Diesen Kerzenständer hat der Münsteraner Fürstbischof von Galen, der auch in Ahaus residiert, einst einem seiner Getreuen als Dankesgabe überreicht. Rudolf van Wüllen freut sich, ihn ausstellen zu können - und seine Geschichte zu kennen. MLZ Fotos Lüttich-Gür</p>

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