Versorgungslücke und Lieferengpässe bei Arzneimitteln hat Legden erreicht

rnMedikamentenknappheit

Immer mehr Arzneimittel sind bundesweit nicht lieferbar. Apotheker wie die Legdenerin Petra Hruby sorgen sich um ihre Patienten. Ein Ende des Engpasses ist nicht in Sicht.

von Alex Piccin

Legden

, 11.05.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Situation war absehbar und doch hat sie sich in den vergangenen vier Wochen verschärft. Die Versorgung der Apotheken mit bestimmten Medikamenten ist ins Stocken geraten. Gut 200 Mittel sind derzeit nicht oder kaum lieferbar: Blutdrucksenker vor allem, aber auch Tropfen gegen erhöhten Augeninnendruck, Ibuprofen in höherer Dosierung und Langzeitwirkung oder Antidepressiva.

Damit haben auch jene Patienten Last, die auf bestimmte Präparate angewiesen sind. Petra Hruby, Inhaberin der Hubertus-Apotheke an der Hauptstraße, bemüht sich, aus anderen Apotheken Ersatz zu bekommen oder Medikamente aus der gleichen Wirkstoffgruppe zu finden und kann den Unmut ihrer Kunden nachvollziehen.

„Schon wieder etwas anderes, das gibt es ja nicht“, war der erste Gedanke Roland Müllers, als er erneut von einem Engpass bei seinem Blutdruckmedikament erfahren hat. Als Vorsitzende der Bezirksgruppe des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe (AVWL) weiß Petra Hruby nur zu gut um die angespannte Versorgungslage in der Region. „Das Ganze kostet uns Zeit, weil wir viel erklären müssen, ist aber vor allem für die Patienten äußerst ärgerlich – und manchmal riskant“, sagt sie.

Rückrufaktion von Arzneimitteln

Ihren Ursprung hat die Versorgungslücke im Rückruf von Valsartan-Produkten im vergangenen Sommer. Die Hubertus-Apotheke hatte sich beispielsweise mit einem Halbjahresbedarf an Blutdrucksenkmittel bevorratet, doch seit vergangenen Dienstag ist dieses nicht mehr lieferbar. Einen weiteren Grund für die Engpässe nennt Dr. Klaus Michels, Vorstandsvorsitzender des AVWL: „Das liegt an dem Spardruck im Gesundheitswesen.“

Die Pharmafirmen produzieren Wirkstoffe kostengünstig im Ausland, meist in Asien und Ost-Europa. Aufgrund von Produktionsproblemen in diesen Werken können die deutschen Pharmafirmen ihrerseits die Herstellung nicht aufrecht erhalten. Lediglich das Cuxhavener Unternehmen TAD Pharma erzeugt deutschlandweit derzeit die benötigten Medikamente, die Produktion läuft am Anschlag. Generika gäbe es dementsprechend keine mehr. Ferner sei es für Hersteller meist lukrativer, ihre Ware in andere Länder zu liefern, in denen höhere Preise gezahlt werden.

Gespräch mit dem Apotheker oder Arzt suchen

Die Medikation auszusetzen, kann gefährlich werden, daher sei ein Gespräch mit dem Apotheker und, oder dem Arzt unersetzlich, wie Kornelia Müller, Kundin der Hubertus-Apotheke, bekräftigt: „Das Risiko, auf die Blutdrucksenker zu verzichten, wäre mir zu hoch. Die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls oder eines Herzinfarkts würde ansteigen.“

Sie hat jetzt seit Ostern zweimal das Präparat wechseln müssen. Von einer Tablette am Tag musste sie bei gleicher Dosierung auf vier umsteigen. Ihr Mann hätte einen solchen Fall bei sich nur zähneknirschend hingenommen: „Jede Tablette, die ich nicht nehmen muss, ist eine gute.“

Die neue Packung neigte sich entsprechend schneller dem Ende entgegen und Nachschub hatte die Hubertus-Apotheke keinen mehr, sodass Kornelia Müller den Gang zum Hausarzt anzutreten hatte. Der stellte ihre Therapie um.

Mehrere Arzt- und Apothekengänge wegen der Versorgungslücke

Der Aufwand bei einem Medikamentenwechsel ist nicht gerade gering. Für das Gesundheitssystem fielen höhre Kosten an, sagt Petra Hruby. Selbst draufzuzahlen, hält Roland Müller nicht für möglich: „Wir freuen uns über jeden Euro, den wir sparen können“, sagt Roland Müller. Zu zweit müssen seine Frau und er etwa zehn Prozent ihrer Nettorente an die Krankenkasse überweisen.

Ein Patient müsste im Zweifel mehrere Gänge zwischen Apotheke und Hausarzt absolvieren. Für die Müllers ist das ein eher kleineres Problem. „Wir haben Glück, dass die Wege kurz sind und wir so weit noch fit sind“, sagt Kornelia Müller. Über die Sprechstundenhilfe werde das neue Rezept fix ausgestellt.

Umstellung auf andere Arzneimittel dauert

Müssten ihr Mann und sie hingegen deswegen zwischen Asbeck und Legden pendeln, wäre es ärgerlich. Die Umstellung komme einem Verlust von Lebensqualität gleich, fügt Petra Hruby an: „Es kann ein paar Wochen dauern, ehe der Patient neu eingestellt ist.“

Roland Müller trug in dieser Phase ein automatisiertes Blutdruckmessgerät, das tagsüber alle 15 Minuten die entsprechenden Werte kontrolliert. Bei erfolgter Umstellung genügt eine Überprüfung ein- bis zwei Mal die Woche. Gut für ihn und seine Frau, dass die Tochter examinierte Altenpflegerin ist und einen geschulten Blick auf ihre Eltern werfen kann.

Dass die gesamte Geschichte gut ausgehen kann, zeigt der Fall Roland Müller. Beim vorherigen Mittel litt er lange unter Hustenattacken. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine typische Nebenwirkung seines alten Präparates. Das neue kam, der Husten ging.

Ende der Versorgungslücke nicht abzusehen

Hamsterkäufe bei verschreibungspflichtigen Medikamenten seien nicht möglich, betont Petra Hruby. Und von Internetapotheken halten die Müllers nichts, sagt Roland Müller: „Das Rezept muss eingeschickt werden, bis die Medikamente hier sind dauert es weitere Tage. Hier vor Ort hat man einen direkten Ansprechpartner.“ Petra Hruby hat festgestellt, dass der fachliche Blick bei den Patienten ebenso geschätzt wird wie die kurzen, unbürokratischen Wege: „Ich gehe zudem fest davon aus, das auch Internetapotheken Lieferschwierigkeiten haben oder haben werden.“

Wann sich das ändern wird, ist offen. Eine Zulassung für die Herstellung von Wirkstoffen und Medikamenten zu bekommen, dauere mehrere Monate bis Jahre, sagt sie: „Daher ist eine Ende dieser Lage nicht absehbar. In den nächsten Wochen wird sie sich wohl nicht entspannen.“

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