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Vor Gericht entschuldigt sich das Opfer beim Täter

rnAmtsgericht Ahaus

Eine Schlägerei am Bahnhof in Legden brachte drei junge Männer vor das Amtsgericht. Das Opfer zeigte sich an einer Strafe nicht interessiert. Das machte den Richter stutzig.

Legden

, 03.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Zwei 19-Jährige und ein 17-Jähriger wurden wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung verurteilt. Während alle drei bei der Verhandlung im Amtsgericht Ahaus nicht aussagten, überraschte das 19-jährige Opfer: Er entschuldigte sich beim Täter. „Es ist meine eigene Schuld“, sagte er und „Die Anzeige ist nicht notwendig.“ Der Richter konterte: „Darauf kommt es nicht an.“

Im Laufe der Verwandlung gab es weitere erstaunliche Aussagen. Und der 17-jährige Angeklagte musste sich noch wegen zwei weiterer Fälle verantworten.

Ein Blick zurück zum Juli 2018. Der 19-jährige wartete am Bahnhof in Legden mit Freunden auf den Zug, als eine Gruppe Gleichaltriger dazu kam. Darunter der 17-jährige Legdener. Er schlug das Opfer mit der Faust ins Gesicht. Die Wunde musste später genäht werden.

Auf die Schienen geschubst

Es kam dann zu einer Rangelei, ein 19-Jähriger aus Rosendahl hielt das Opfer fest, ein Gleichaltriger, ebenfalls aus Rosendahl, versuchte ihn zu schlagen. Am Ende landete das Opfer im Gleisbett. Erst als sich der Zug ankündigte und ein Autofahrer die Jugendlichen aufforderte, „den Jungen in Ruhe zu lassen“, trennten sich die Gruppen.

Das Opfer, als Zeuge geladen, erläuterte vor Gericht: „Ich habe vorher eine Sache falsch verstanden. Da bin ich damals mit einem Baseballschläger hinter dem Angeklagten hergelaufen. Ich hatte gedacht, er hätte eine Ex-Freundin mit dem Messer bedroht. Das stimmte aber nicht.“ Deshalb zeigte er Verständnis für den Angeklagten. Man habe sich ausgesprochen, er habe sich wegen der Sache mit dem Baseballschläger entschuldigt, die Sache sei erledigt.

Staatsanwalt vermutet Falschaussage

„Sind Sie beeinflusst worden, so auszusagen,“ fragten der Richter und der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Das verneinte er. Der Richter: „Das passt nicht. Sie sitzen hier als Opfer. Und das Opfer entschuldigt sich beim Täter.“

Vielleicht hätte sich das Opfer gewundert, hätte er den weiteren Verlauf des Verfahrens, später dann nichtöffentlich, verfolgt. Denn da ging es auch darum, dass der 17-Jährige seine Ex-Freundin bedroht hatte und dabei auch ein Messer gezeigt habe.

Doch erst zurück zur Körperverletzung: Ein weiterer Zeuge, der zum Kreis der Angeklagten gehörte, zeigte keinerlei Erinnerung. „So eine Klopperei müsste doch in Erinnerung bleiben“, konterte der Richter und der Staatsanwalt sagte: „Sie sind auf dem Weg zur Falschaussage. Da kommt dann ein Verfahren auf sie zu.“ Danach kam die Erinnerung häppchenweise zurück.

Nach weiteren Zeugenaussagen waren sich Richter und Schöffen mit der Staatsanwaltschaft einig. Die beiden 19-Jährigen, eher als Mittäter einzustufen, seien wegen ihrer Entwicklung noch als Jugendliche einzustufen. Beide müssen 50 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Für den Staatsanwalt war der Tatbestand der „lebensgefährlichen Behandlung“ erfüllt. Auch der Richter nannte die Tat brutal und gefährlich. Als erzieherische Maßnahme dürfen deshalb beide ein Wochenende in einer Arrestzelle verbringen. „Damit Ihnen ganz deutlich wird, auf welchem Weg sie sind und einen Vorgeschmack bekommen.“

Messer gegen Ex-Freundin gezückt

Während die beiden jungen Männer das Gericht verlassen konnte, ging es für den 17-Jährigen weiter. Da stand zum einen Körperverletzung und Nötigung zur Debatte. Bei einem Handgemenge mit der Ex-Freundin hatte er wohl das Messer gezückt, dann aber wieder eingesteckt. Im Handgemenge hatten sie sich offenbar gegenseitig geschlagen.

Eindeutiger war der Vorwurf, gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen zu haben. Hier hatte der 17-Jährige zugegeben, dass ihm Haschisch und Marihuana gehörten, die er für rund 650 Euro in den Niederlanden gekauft und in einem Erddepot versteckt hatte. Die Polizei hatte diese entdeckt und den Angeklagten anhand von Kameraaufnahmen überführt.

Hasch für die Geburtstagstorte

Er habe mit dem Hasch einen Kuchen für eine Geburtstagsfeier backen wollen, begründete der Legdener. Den Rest habe er für den Eigenbedarf gekauft. Der Richter wandte ein, dass die Menge, immerhin rund 135 Gramm mit einem THC-Gehalt von knapp 30 Gramm, „ein bisschen viel sei für den Eigenbedarf.“ Auch wenn bei einer früheren Durchsuchung eines Rucksacks des Jugendlichen Waage und Tütchen entdeckt wurden – Handel war ihm nicht nachzuweisen.

Die Staatsanwaltschaft forderte, unter Einbeziehung einer Vorstrafe von 2017, eine Strafe von einem Jahr und sechs Monaten ohne Bewährung. Für den Angeklagten sprach, dass er inzwischen einen Schulabschluss gemacht und eine Lehrstelle konkret in Aussicht hat. Das Urteil: Zwei Jahre Jugendstrafe mit drei Jahren Bewährung und 150 Stunden gemeinnützige Arbeit. Er wird außerdem von einem Bewährungshelfer betreut und muss in einer Gruppe „Männer gegen Gewalt“ Einzelgespräche führen.

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