Vorwurf Kindesmissbrauch: Traumatisierter Angeklagter kann vor Gericht nicht sprechen

rnGericht in Ahaus

War es sexueller Missbrauch, was vor zweieinhalb Jahren nahe der Reithalle passierte? Oder nur ein Missverständnis? Eine juristische Antwort auf diese Frage wird es vorerst nicht geben.

Legden

, 19.02.2019 / Lesedauer: 3 min

Minutenlange Stille. Der Angeklagte bemüht sich krampfhaft, Worte hervorzubringen. Aber es gelingt ihm nicht. Trotz der aufmunternden Blicke des Richters. Trotz geduldigen Wartens. Dann ein Laut. Der Richter schaut die Dolmetscherin erwartungsvoll an. Sie sagt: „Tut mir leid, das war kein Wort. Ich weiß nicht, was er sagen will.“

Anklage: sexueller Missbrauch im Oktober 2016

Der 38 Jahre alte Syrer stand am Montag wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs vor dem Amtsgericht in Ahaus. Der Vorfall, der verhandelt wurde, ereignete sich laut Staatsanwaltschaft am Sonntag, 2. Oktober, gegen 13 Uhr an einer Koppel im Bereich Nordring/Mühlenbrey/Bleikenkamp. Zwei Mädchen, damals acht und zehn Jahre alt, streichelten Pferde, ehe sich ihnen der Angeklagte auf einem Fahrrad näherte. Er hatte, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, seine Hose geöffnet und zeigte sich den Kindern in schamverletzender Weise. Er habe die Kinder auch zu sexuellen Handlungen aufgefordert und ihnen gedroht, so heißt es in der Anklageschrift weiter.

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Die Kinder entfernten sich daraufhin in Richtung des Pferdestalls, der Täter versuchte nicht, dies zu verhindern und folgte den Mädchen auch nicht. Am Pferdestall sprachen die Mädchen eine Frau an, die dann die Eltern eines der Mädchen informierte, so hieß es damals im Polizeibericht. Bereits einen Tag nach diesem Vorfall ermittelte die Polizei den Syrer, der mit seiner Familie seit 2016 in Legden lebt, als Tatverdächtigen.

Angeklagter erzählte Gutachter von einem Missverständnis

Vor Gericht gelang es dem Angeklagten nicht, seine Sicht der Dinge zu äußern. In einem Gespräch mit einem Psychiater im Vorfeld der Verhandlung aber hatte er seine Version geschildert. Der Angeklagte, so der Gutachter, habe ihm gegenüber den Vorwurf zurückgewiesen. Er habe lediglich uriniert, als ihn die Mädchen gesehen hätten. „Die Kinder könnten das falsch wahrgenommen haben“, so zitierte der Gutachter den Angeklagten. Für den Angeklagten sei es eine „Frage der Ehre“ sich vor Gericht zu verantworten.

Im syrischen Bürgerkrieg schwer traumatisiert

Der heute offensichtlich gehandicapte Mann hatte dem Gutachter aus seinem Leben erzählt: Er sei ein kerngesunder Handwerker gewesen bis er in den syrischen Bürgerkriegswirren inhaftiert worden sei. Im Gefängnis habe man ihn zum Krüppel gemacht. Der Gutachter beschrieb die schwere posttraumatische Störung, die sich in Angstattacken, Zittern und spastischen Krampfanfällen äußere. „Er kann sich nicht mehr die Zähne putzen, das muss seine Mutter erledigen.“ Der Gutachter betonte aber: „Der Angeklagte leidet nicht an einer Psychose. Er kann der Verhandlung kognitiv folgen. Er ist grundsätzlich verhandlungsfähig.“

Richter: Der Angeklagte ist zurzeit nicht verteidigungsfähig

Das wollten Richter, Staatsanwalt und Verteidiger im Grundsatz nicht bezweifeln. Doch waren sich alle drei einig: Verteidigungsfähig ist der Angeklagte nicht, weil er sich vor Gericht nicht äußern könne. So sei ein faires Verfahren kaum möglich, da er die Tat nicht einmal abstreiten konnte. Die Ausführungen, die der Angeklagte im Gespräch mit dem Psychiater gemacht hat, kann das Gericht nicht verwerten. Der Richter entschied das Verfahren vorläufig einzustellen. Zunächst soll der Angeklagte sich in ärztliche Behandlung in die Uniklinik Münster begeben. Das Verfahren wird neu aufgenommen, wenn der Angeklagte in der Lage ist, sich vor Gericht zu äußern. Die als Zeugen geladenen Kinder, ihre Eltern und die ermittelnden Polizeibeamten blieben vorerst ungehört.

Das sagt das Strafgesetzbuch

  • Paragraf 183 des Strafgesetzbuches: „Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“
  • Exhibitionismus vor Kindern kann strenger bestraft werden. Nach Paragraf 176 kann sexueller Missbrauch von Kindern mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet werden.
Paragraf 205 der Strafprozessordnung: Steht der Hauptverhandlung für längere Zeit die Abwesenheit des Angeschuldigten oder ein anderes in seiner Person liegendes Hindernis entgegen, so kann das Gericht das Verfahren durch Beschluss vorläufig einstellen.
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