Wie der Strom ab 1928 ganz langsam nach Legden kam

rnHochspannungsleitung

1928 wurde die 220-KV-Leitung in Legden gebaut, die jetzt verschwindet. Sie führte Strom durch Legden. Elektrifiziert war Legden da schon etwas länger. Davon erzählt Peter Grethen (93).

Legden

, 27.04.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Elektrisches Licht, Waschmaschinen und Backherde – Peter Grethen ist immer mit den modernsten elektrischen Geräten aufgewachsen. Das war vor 90 Jahren keine Selbstverständlichkeit. Im Hause Grethen schon: Schließlich hat seine Familie Legden vor mehr als 100 Jahren elektrifiziert und modernisiert.

Wenn jetzt 91 Jahre nach dem Bau die 220-Kilovolt-Leitung aus Legden verschwindet, ist Zeit, nachzufragen, wie damals der Strom nach Legden kam. „Das war damals eine reine Durchleitung ohne Abgänge“, erzählt Peter Grethen. Er ergänzt: „Das war eine Protestleitung.“ Im westlichen Münsterland war eigentlich VEW der Versorger. Doch RWE habe in Ibbenbüren ein Kraftwerk gebaut und den Strom demonstrativ durch VEW-Gebiet nach Wesel geleitet.

Wie der Strom ab 1928 ganz langsam nach Legden kam

Peter Grethens Leben ist mit dem Thema Energie eng verknüpft. © Ronny von Wangenheim

Ein Foto, entstanden am Mast Nr. 226 in der Nähe des Bahnhofes, zeigt den stolzen Betoniertrupp in Anzug und mit Hut oder Kappe. Etliche Legdener haben mitgearbeitet an der Stromleitung. „Damals wurde mit einfachen Mitteln gebaut“, sagt Peter Grethen. „Die Leitung war aber immer ein Fremdkörper. Die Bauern haben geflucht wegen der großen Fundamente“, erzählt er weiter. Später, auch das erzählt er schmunzelnd, waren die Strommasten Ziel „für mutige Akrobaten, die halbbesoffen in die Spitze kletterten.“ Höchst gefährlich das Ganze. Passiert sei aber nie etwas.

Elektrizitätswerk 1907 gegründet

Strom gab es damals in Legden schon gut 20 Jahre, war aber keine Selbstverständlichkeit. 1907 gründete der Ingenieur Christoph Michely mit seinem Neffen Peter Grethen in Legden ein Elektrizitätswerk. Es war das erste in der Region. Ahaus zog beispielsweise erst zehn Jahre später nach.

Wie der Strom ab 1928 ganz langsam nach Legden kam

1928 wurde die 220-Kilovolt-Leitung durch Legden gebaut. Das Bild zeigt die Masten Nr. 226 und 227 in der Nähe des Bahnhofs. © Archiv Terhörst

Die Technik war einfach: Gasmotoren trieben Dynamos an, in Generatoren wurde Braunkohle vergast. Ein das ganze Land umspannendes Netz wie heute gab es nicht. Michely und Grethen bauten in Legden ein Inselnetz auf, so erinnert sich Peter Grethen an die Anfänge der Firmengeschichte. 1909 folgte der Netzbetrieb in Darfeld, 1936 in Büren. Dabei handelte es sich um Gleichstromversorgung. Mit dem Energiewirtschaftsgesetz Mitte der 1930er-Jahre wurde das Ende der Inselnetze eingeläutet. Bis in die 1950er-Jahre hielt sich Gleichstromversorgung für die drei Orte allerdings noch – „als wohl einzige – eine nennenswerte Fläche versorgende – der dezentralen E-Werke im Münsterland“, so heißt es in der Firmenchronik.

„Am Anfang war das Licht“

Wie viel Haushalte man heute noch mit dem Strom der ersten Tage versorgen könnte? Peter Grethen lacht. Nicht sehr viele wahrscheinlich. Denn alles fing erst einmal nur mit Licht an. Und längst nicht jeder Legdener ergriff die Chance zur Elektrifizierung. Das ist heute nur noch schwer nachvollziehbar.

Gas, Kerze und Petroleum brachten bis dahin Licht oder Wärme in die Häuser. Nach und nach haben die Firma Michely und Grethen erst die Ortsmitte und dann die Bauerschaften angeschlossen. Doch mancher, so erzählt Peter Grethen, wollte nicht. „Da gab es immer ein paar Querköpfe. Broukt wi nich, haben sie gesagt.“

Bei manchen blieb die Petroleumlampe noch viele Jahre

Und so gab es einige Höfe, in denen auch 30 Jahre später, vereinzelt bis 1946, noch die Petroleumlampe die Zimmer erleuchtete. „Mitten im Dorf war eine Wirtschaft mit Bäckerei und Kolonialwaren. Der Inhaber hat 18 Jahre lang mitten im Dorf nicht den Anschluss gesucht. Wenn man da rein kam, kam er mit der Petroleumlampe aus der Küche und schnitt das Schwarzbrot mit dem Messer“, erzählt Peter Grethen lächelnd: „Das klingt heute wie ein Märchen.“

Die Stromerzeugung musste permanent ausgebaut werden. „Am Anfang war das Licht“, so Grethen. Doch dann erkannten Legdener die Chancen, die sich im Handwerk boten. Möbelfabrikation wurde dank elektrischer Motoren ein Schwerpunkt in der Gemeinde.

Zurückhaltung bei neuen elektrischen Haushaltsgeräten

Haushaltsgeräte eroberten die Haushalte nur langsam. „1938 gab es den ersten Kühlschrank in Legden. Bei uns“, erinnert sich Peter Grethen. Da der Familienbetrieb auch elektrische Haushaltsgeräte verkaufte, war man immer vorne dabei. So technikaffin wie heute waren die Hausfrauen damals noch nicht, so erzählt er weiter und nennt die Constructa-Waschmaschine als Beispiel aus den 1950er-Jahren. „Was ist das unhygienisch“, so zitiert Grethen Hausfrauen von damals, die ihre Wäsche üblicherweise noch kochten. Zurückhaltung gab es auch beim Kochen. Gerne wurde der Backherd angeschafft, weil Kuchen darin einfach gut gelangen. Die Kochplatten allerdings blieben oft aus und der alten Holzofen mit seinen eisernen Ringen in Betrieb.

Weil im Hause Grethen alle Neuerungen zu finden waren, gehörte Peter Grethen, das hat er als Kind wohl bemerkt, zu den Priviligierten. „Elektrisches Licht und heißes Wasser aus dem Boiler, das führte damals zur Klassifizierung“, sagt er. „Das war so ähnlich wie heute mit Autos.“

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Neue 380-KV-Höchstspannungsleitung kommt

Die Freileitung, an der Legdener vor 91 Jahren mitgearbeitet haben, verschwindet in diesen Wochen aus Legden. 2021 wird die 380-KV-Höchstspannungsleitung in Betrieb gehen. In Legden werden große Teile unter der Erde verlaufen. Sogar ein zwei Kilometer langer Tunnel wird unter Legden gebaut. Wenn dann der Strom fließt, kann mehr als drei Gigawatt an Leistung übertragen werden. Das entspricht dem doppelten Bedarf einer Großstadt wie Hamburg. Davon hätten Christoph Michely und Peter Grethen, Großonkel und Vater von Peter Grethen, 1907 nie zu träumen gewagt.

  • Peter Grethen, Sohn des Mitbegründers des Unternehmens, trat 1950 als Geschäftsführer ein. 2000 trat er aus Altersgründen zurück.
  • Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Betrieb zu einem Dienstleister für Energieversorger von Strom, Gas, Wasser und Kommunikationstechnik. Leitungsbau und Versorgungstechnik sind Schwerpunkte.
  • Seit 1995 ist der Firmensitz im Gewerbegebiet Heying Esch.
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