Zwei Amerikaner auf den Spuren eines feigen Mordes in der Broeke

rnMord in der Broeke

Der Gedenkstein in der Broeke: Vor 100 Jahren wurde hier Ernst Schmitz von einem Wilderer erschossen. Das ist nicht die einzige tragische Geschichte, an die sich vier Menschen erinnern.

Legden, Ahaus

, 13.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Bill und Tim Schmitz stehen vor dem Gedenkstein in der Broeke. Es regnet am Mittwoch, und das immer mehr heftiger. Kein Wetter, um sentimental zu werden – hier an dem Ort, wo der Groß- und Urgroßonkel feige von einem Wilderer erschossen wurde. 100 Jahre ist das her, und doch immer noch Thema bei Bill und Tim Schmitz in Cleveland/Ohio.

Ein Bericht der Münsterland Zeitung passend zum 100. Jahrestag am 29. März hat Vater und Sohn aus den USA nach Ahaus geführt. Tim Schmitz (39) steht zum ersten Mal an dem Gedenkstein, Bill Schmitz (69) war schon 1975 einmal hier. Wenig wusste er damals von dem, was passiert war. Auch nicht, dass zur gleichen Zeit die Familie Menge nach den Verwandten in Cleveland forschte.

Internet führt Verwandte zusammen

Vergeblich erst einmal. Das können Doris und Walter Menge lächelnd erzählen. Denn dank Internet und genealogischen Rechercheplattformen haben die Cousine aus Menden und der Cousin aus Cleveland Jahrzehnte später zueinander gefunden. Auch jetzt ist das Ehepaar dabei, als Vater und Sohn Schmitz in die Broeke fahren.

Zwei Amerikaner auf den Spuren eines feigen Mordes in der Broeke

Kurzer Stopp an der dicken Eiche: (v.l.) Walter Menge, Tim Smith, Bill Smith, Revierförster Udo Hüning und Doris Menge. © Ronny von Wangenheim

Udo Hüning, Revierförster der Fürstlich Salm-Salm‘schen Verwaltung, führt die kleine Gruppe vorbei an der dicken Eiche, dann den zweiten Wanderweg links. „Ich kannte Karl Lücke noch“, erzählt er ihnen. Karl Lücke war vor 100 Jahren 14 Jahre alt und stand neben Ernst Schmitz, als dieser erschossen wurde. Der Schuss, so glaubt man heute, galt wahrscheinlich dem Vater von Karl Lücke, dem eigentlichen Förster in der Broeke. Der hatte den Kampf mit den Wilderern aufgenommen, die in den harten Nachkriegstagen immer dreister das Wild aus dem Wald holten.

Für Ernst Schmitz war es sein erster Arbeitstag in der Broeke, das erzählt Udo Hüning, und zeigt den Weg entlang. Hier aus 200 Metern Entfernung hat der Wilderer geschossen. „Das muss ein geübter Schütze gewesen sein“, vermutet Tim Schmitz. Hüning nickt. Wer der Mörder war, steht bis heute nicht fest. Alle Spuren der Wilderer führten allerdings nach Legden. Für Karl Lücke muss es ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. „Er hat immer wieder von dem Geschehen erzählt“, erinnert sich Udo Hüning, „nachts ging er nicht gerne aus dem Haus und auf einen Hochsitz.“ Die Angst war über die Jahrzehnte geblieben.

Zwei Amerikaner auf den Spuren eines feigen Mordes in der Broeke

Dieses Foto ist im Besitz von Bill Schmitz, eine der wenigen Erinnerungen an den Großonkel Ernst Schmitz. Ihn interessiert sehr, auf was die Uniform hinweist. © privat

Tim Schmitz hört aufmerksam zu. Er ist nur für fünf Tage aus den USA gekommen. Von der tragischen Geschichte hat er schon als Kind gehört. „Wir hatten nur das Foto. Ich wusste nie, was man glauben konnte.“ Jetzt, hier in Ahaus, sagt er: „Es ist interessant, herauszufinden, dass es wahr ist.“

Sehnsucht nach Familie

Bill Schmitz kommt inzwischen immer wieder mal nach Deutschland. „Es ist die Sehnsucht nach der Familie“, vermutet Doris Menge, und Bill Schmitz lächelt. Er mag die Landschaft hier. Jetzt ist er bereits seit zwei Wochen in Europa, hat die Normandie und Belgien besucht, bevor er jetzt ins Münsterland kam. Auch wenn den U2-Fan wie im vergangenen Jahr ein Konzert nach Köln führt, nutzt er den Aufenthalt für Verwandtentreffen.

Bill Schmitz und Doris Menge, geborene Frankenhoff, haben den gleichen Großvater: Wilhelm Schmitz, der Bruder von Ernst Schmitz. Als Ernst Schmitz starb, erreichte die Todesanzeige den Bruder bereits in den USA. 1907 war er von Gemen aus ausgewandert. Ein bitteres Kapitel für die Daheimgebliebenen. „Als er in die USA ging, ließ er eine Frau und ein ungeborenes Kind zurück“, erzählt Bill Schmitz. Der Junge, nach seinem Vater Wilhelm genannt, Vater von Doris Menge, kam nur sechs Wochen später zur Welt.

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Was seinen Großvater damals über den großen Teich getrieben hat – Bill Schmitz weiß es nicht. Er hat seinen Großvater nie kennengelernt. Walter Menge, der viel recherchiert hat, erzählt von der drohenden Zwangsversteigerung der Gaststätte, die Wilhelm Schmitz ab 1904 betrieb. In der Versteigerungsmasse, so hat er herausgefunden, fanden sich zwei goldene Ringe. „Die kamen wohl nicht mehr zum Einsatz“, sagt Walter Menge.

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Würste nach deutschem Rezept

In Cleveland, so berichtet Bill Schmitz hat sein Großvater als gelernter Metzger eine erfolgreiche Wurstproduktion aufgebaut, dazu die Rezepte seiner Heimat verwendet, und so sehr erfolgreich Geschäfte gemacht. Mit der Depression 1929 schloss er die Company, so Schmitz, und machte mit einem kleineren Geschäft weiter.

Bill Schmitz selbst ist lieber Anwalt geworden. Sein Sohn Tim dagegen hat zurück zu den Familienwurzeln gefunden. Als Koch und Metzger, der in der Gastronomie arbeitet, stellt er Würste nach den alten Rezepten her. Seinen Besuch in Deutschland hat er deshalb noch unter anderen Aspekten gesehen. Was ihm hier besonders gefällt? Tim Schmitz lacht: „Das Bier und die Würste.“

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