Knut Kircher: „Schiedsrichter sind Wettkampftypen“

Langjähriger Bundesliga-Referee zu Gast in Legden

Knut Kircher erinnert sich noch sehr gut an den Tag, als er in der Schalker Arena förmlich einen Düsenflieger starten hörte. Die Fans der Königsblauen waren am 5. November 2006 so sauer auf ihr Team, dass sie die ersten 19:04 Minuten streikten. Gerade als die Zeit um war, schoss der Schalker Levan Kobiashvili gegen Bayern München ein Tor, die Fans jubelten schlagartig ausgelassen. „Das war absolutes Gänsehaut-Feeling“, sagte der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter.

LEGDEN

09.11.2016, 18:17 Uhr / Lesedauer: 2 min
Was einem als Bundesliga-Schiedsrichter durch den Kopf geht, berichtete Knut Kircher seinen Zuhörern in Legden.

Was einem als Bundesliga-Schiedsrichter durch den Kopf geht, berichtete Knut Kircher seinen Zuhörern in Legden.

Der Schwabe war jüngst einer Einladung des Schiedsrichter-Ausschusses des Fußballkreises Ahaus/Coesfeld gefolgt und gab den rund 100 Unparteiischen im Legdener Landhotel Hermannshöhe Einblicke in das Leben eines Bundesliga-Schiedsrichters. „Die wahren Helden pfeifen in den untersten Spielklassen“, sagte Kircher. Oder es sind diejenigen, die in Libyen lebend vom Platz kommen. Ein von den Rängen geworfener Dolch steckte nur wenige Meter neben Kirchers Assistenten im Rasen. „Andere Länder, andere Sitten“, sagte Kircher schmunzelnd.

Emotional geht es auch auf den deutschen Bundesliga-Plätzen zu. Man müsse Ruhe bewahren, so Kircher. Wenn neben dem Spieler auch der Schiedsrichter emotional reagiere, „schaukelt sich die Situation hoch“.

Grundsätzlich lägen 80 bis 85 Prozent aller Entscheidungen im Ermessensspielraum des Schiedsrichters. „Das ist die Würze“, sagte Kircher. Rund 300 Entscheidungen müsse ein Unparteiischer durchschnittlich pro Spiel treffen, damit seien aber nicht nur die tatsächlich ausgeführten Pfiffe gemeint.

Authentisch sein

Oft versuchten Spieler und Trainer „psychologische Kriegsspiele während des Spiels“. Wie zum Beispiel Trainer Ottmar Hitzfeld. „Das war kein Abseits, war aber nicht so schlimm“, sagte der Trainer nach einem wegen Abseits aberkannten Tores in ruhigem Ton. Auf ausschweifende Diskussionen ließ sich Kircher in all den Jahren nicht ein. Knappe, kurze Kommentare seien das Beste, so der Experte. Das Meiste könne ein Schiedsrichter mit seiner Mimik und Gestik erreichen. Der beste Schiedsrichter ist aus seiner Sicht weder der mit der besten Regelkenntnis noch „der Superverkäufer“. Es ist die Mischung. Wichtig: „Seid so, wie ihr sonst auch seid, seid authentisch.“ Hilfreich sei es, „ab und zu mal ein Lächeln einzustreuen“.

„Schiedsrichter sind Wettkampftypen“, sagte der Schwabe weiter. Sie wollten immer die wichtigen Spiele. Knut Kircher bekam am 11. April 2012 ein solches Spiel: Borussia Dortmund gegen Bayern München. Bayerns Arjen Robben verschoss in der 85. Minute einen umstrittenen Elfmeter. Dortmund gewann 1:0 und wurde später Deutscher Meister. Die Bundesliga-Schiris stehen unter einer extremen Beobachtung. Bei besonderen Spielen werden bis zu 50 Kameras eingesetzt. Jede Szene wird von den Journalisten aus zahlreichen Positionen bewertet. Dazu müssen sie zwischen zwölf und 14 Kilometern in den 90 Minuten laufen. Und das bei einer durchschnittlichen Herzfrequenz von 168 Schlägen. Eine Grenze, so Kircher, sei die menschliche Wahrnehmung. So könnten zwei Spieler, die sich voneinander wegbewegten, in nur einer Zehntelsekunde bis zu 1,6 Meter auseinanderstehen. Dort richtige Abseitsentscheidungen zu treffen, sei eine große Leistung, so Knut Kircher.

Kurze Hose und Bierflasche

Wie schwierig Abseitsentscheidungen sind, musste der 47-Jährige zuletzt in der Bezirksliga erfahren. Als die Zuschauer von draußen einen Abseitspfiff forderten, schaute Kircher an die Linie. Doch dort stand kein neutraler Assistent, nur einer „mit kurzer Hose, einer Flasche Bier und der Fahne unterm Arm“.

In seiner aktiven Zeit schaute er sich in der Halbzeit – obwohl es die Möglichkeit gegeben hätte – keine Fernsehbilder an. „Vorsicht vor Informationen“, so sein Credo. Es gebe immer unterschiedliche Perspektiven. Eine Ausnahme machte er bei seiner Frau. Die schickte ihm Kurznachrichten aufs Handy – und konfrontierte ihn auch mit seinen Fehlentscheidungen. Da konnte ihn auch ein liebevoller Abschiedsgruß seiner Gattin nicht trösten.

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