Christopher Nöthe im Interview: Hat man als Fußballprofi nach der Karriere ausgesorgt?

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Der Castrop-Rauxeler Fußballprofi Christopher Nöthe musste seine Karriere wegen einer erneuten Verletzung beenden. Im Interview erzählt er von Rückschlägen, seinen Plänen und ob er als Fußballprofi ausgesorgt hat.

Castrop-Rauxel

, 15.08.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Castrop-Rauxeler Fußballprofi Christopher Nöthe hat seine Karriere beendet. In seiner Karriere blickt er auf strahlende Momente, wie den Aufstieg mit Greuther Fürth in die 1. Bundesliga 2012. Aber auch auf dunkle Stunden: 1.207 Tage fällt er in seiner Profi-Laufbahn verletzt aus, beachtet man nur seine Sportverletzungen.

Im Interview mit Lukas Wittland spricht der 32-Jährige über Alltagsschmerzen, die Niedergeschlagenheit nach neuen Rückschlägen und die Annahme Fußballer hätten nach ihrer Karriere ausgesorgt.

Herr Nöthe, Sie waren nach ihrem zweiten Kreuzbandriss lange in der Reha. Wie geht es Ihnen jetzt?

Ich bin auch weiterhin in der Reha, das Knie ist einfach nicht so geworden, dass es noch mal für den Profi-Sport reicht. Zurzeit kann ich nicht mal Joggen gehen, weil ich immer noch Probleme mit dem Knie habe. Es ergibt gerade einfach keinen Sinn, über eine Rückkehr auf den Fußballplatz nachzudenken, weil das Knie bei höherer Belastung immer reagiert. Mein Arzt und ich sind deshalb zu dem Entschluss gekommen, dass es besser wäre, wenn ich aufhöre. Ich hoffe, dass ich im Alltag irgendwann keine Schmerzen mehr habe.

Ist das das Ziel?

Ja, genau, dass ich irgendwann wenigstens joggen kann oder längere Zeit Fahrradfahren ohne Schmerzen.

Sie haben vorher Profi-Sport betrieben, auf einmal geht es darum, im Alltag keine Schmerzen zu haben. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Das ist für den Kopf schon anstrengend. Wenn es dann auch einfach nicht gut wird, ist man irgendwann niedergeschlagen und denkt schon ans Aufhören. Jetzt ist einfach der Punkt erreicht, sich eine neue Aufgabe im Leben zu suchen.

Christopher Nöthe jubelt im Trikot des FC St. Pauli nach einem Treffer.

Christopher Nöthe jubelt im Trikot des FC St. Pauli nach einem Treffer. © picture alliance / dpa

Was hilft Ihnen, sich von diesem Gedanken zu befreien und positiv in die Zukunft zu blicken?

Wenn ich nach Hause komme und meine Familie sehe, reicht mir das schon. Da ist es recht leicht, mich auf andere Gedanken zu bringen. Fußball hat einen Großteil meines Lebens ausgemacht und ich habe viel Zeit hinein gesteckt, aber ich habe noch einen deutlich größeren Teil meines Lebens vor mir. Ich freue mich auf das, was kommt und trauere dem was war nicht hinterher.

Wann haben Sie für sich den Entschluss gefasst aufzuhören?

Das ist ein Prozess gewesen. Ich bin alle zwei bis vier Wochen zur Kontrolle beim Arzt und ich habe einfach nicht gemerkt, dass es besser wird. Das Knie fühlt sich nach wie vor instabil an. Ich war nicht einmal auf dem Platz und konnte nichts mit dem Ball machen. Klar habe ich immer gehofft, aber irgendwann ist auch der Punkt erreicht, an dem man merkt, das wird nichts mehr.

Wie geht es jetzt weiter für Sie?

Ich bin gerade in Gesprächen mit der Berufsgenossenschaft VBG, ob es die Möglichkeit einer Umschulung gibt. Ich hatte ja einen Arbeitsunfall. Wenn es mit dem Beruf Fußballer nicht mehr weiter geht, hilft die VBG einem, damit man nicht mit Nichts auf der Straße steht. Ich würde gerne ein Sportmanagement-Studium beginnen. Ich hoffe, dass sich das in den nächsten Wochen klärt.

Christopher Nöthe feiert nach seinem Tor für Arminia Bielefeld. Im Sommer 2019 lief dort sein Vertrag aus und wurde nicht verlängert.

Christopher Nöthe feiert nach seinem Tor für Arminia Bielefeld. Im Sommer 2019 lief dort sein Vertrag aus und wurde nicht verlängert. © picture alliance / dpa

Würden Sie dann gerne weiter im Fußball arbeiten?

Das wäre schön, aber mich interessiert der ganze Sportbereich. Es muss jetzt nicht speziell Fußball sein. Da bin ich wirklich offen, auch für andere Sportarten, weil mich das Hintergrundwissen interessiert.

Viele Leute denken, ein Profi-Fußballer muss nach seiner Karriere nicht mehr arbeiten gehen. Können Sie dieses Gerücht bestätigen?

Ich kann für mich sagen, ich habe auf jeden Fall nicht ausgesorgt. Klar habe ich etwas angespart und auch etwas investiert, aber ich möchte meinen Kindern vorleben, dass man Arbeiten muss. Und ich möchte selbst ja auch arbeiten. Auf Dauer ist das Leben zu langweilig, wenn man nur zu Hause sitzt.

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Sie hätten wahrscheinlich noch ein paar Jahre spielen können, hatten Sie sich schon mal damit beschäftigt, was passiert, wenn Sie mal kein Profi mehr sind?

Klar, als Fußballer kann es ganz schnell vorbei sein. Gerade ich weiß das, ich habe ja nicht nur eine Verletzung gehabt, sondern mehrere längere. Aber man will den Zeitpunkt so lange wie möglich herauszögern und weiter das machen, was man am liebsten tut, Fußball spielen. Als es dann nicht mehr weiterging, stand ich erst mal da.
In der Reha habe ich mich die ganze Zeit darauf konzentriert und gehofft, dass das Knie noch mal besser wird, mal keine Schmerzen da sind. Aber so war es leider nicht. Und dann gilt es, nach vorne zu schauen. Ich hatte dann ja genug Zeit, mir einen Plan zu machen, wie es weitergeht.

Sie haben viel Zeit in das Leben als Fußballer investiert. Dann kommt wieder eine Knieverletzung, was haben Sie da gedacht?

Scheiße, habe ich gedacht. Ich habe so viel Zeit in die Reha gesteckt und dann reißt nach nur einem Jahr das zweite Mal das Kreuzband. Jemand springt dir ins Knie und alles ist vorbei, das passiert leider. Das ist das Berufsrisiko. Es ist bitter, aber ich kann es nicht ändern. Es geht anderen auch so.

War das der schlimmste Moment in Ihrer Karriere?

Ja, ganz klar. Ich war in der Vorbereitung wieder gut dabei, habe gut trainiert, in Spielen getroffen, ein neuer Trainer war da. Ich habe gemerkt, da ist wieder was möglich und dann reißt mir das Kreuzband. Das war einer der schwärzesten Tage in meiner Karriere.

Christopher Nöthe (Mitte) jubelt nach seinem Treffer zum 1:0 im Heimspiel gegen Union Berlin in der Aufstiegssaison mit seinen Mitspielern.

Christopher Nöthe (Mitte) jubelt nach seinem Treffer zum 1:0 im Heimspiel gegen Union Berlin in der Aufstiegssaison mit seinen Mitspielern. © picture alliance / dpa

Was ist Ihre schönste Erinnerung?

Der Bundesliga-Aufstieg mit Greuther Fürth. In der Mannschaft hat es super gepasst und dann sind wir auch noch in die Bundesliga aufgestiegen, das war schon echt gut.

Ihre ehemaligen Kollegen in Bielefeld sind jetzt aufgestiegen. Seit Sommer 2019 sind Sie kein Spieler mehr. Haben Sie die Spiele trotzdem verfolgt und dann auch gratuliert?

Mit ein, zwei Spielern habe ich schon noch Kontakt gehalten, ich muss aber ganz ehrlich sagen: Ich habe es nicht mehr so verfolgt, wie zu der Zeit, als ich dort gespielt habe. So dicke Freundschaften sind dort in den vergangenen zwei Jahren nicht entstanden. Ich habe andere gute Freunde aus Bielefelder Zeiten, die ihr Glück aber bei anderen Vereinen gesucht haben.

Wohnen Sie denn aktuell noch in Bielefeld oder geht es für Sie in naher Zukunft zurück nach Castrop-Rauxel?

Nein, wir sind in Bielefeld geblieben. Meine Kids gehen hier in die Kita. Meine Frau hat hier ihren Job. Was ich vorhabe, kann ich auch von Bielefeld aus machen. Wir fühlen uns wohl hier. Zurzeit denken wir nicht daran, woanders hinzuziehen.

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