Leo Exuzidis: „Es wird schwieriger, neue Leute zu rekrutieren“

rnFußball-Schiedsrichter

Immer weniger Leute wollen Fußball-Schiedsrichter werden. Oberliga-Schiri Leo Exuzidis hat jetzt mit uns über dieses Problem gesprochen. Bei der Hallenstadtmeisterschaft gab es einen Trend.

Castrop-Rauxel

, 09.01.2019, 16:47 Uhr / Lesedauer: 4 min

Seit dem Jahr 2009 pfeift Leo Exuzidis Fußballspiele. Der Ickerner darf seit dem vergangenen Sommer Spiele in der Oberliga leiten. Zudem ist er für die Pressearbeit des Kreisschiedsrichterausschusses Herne verantwortlich. Unser Mitarbeiter Christian Woop sprach mit ihm am Rande der Hallenstadtmeisterschaft über die Probleme, neue Schiedsrichter zu finden, Unterschiede zwischen dem Feld und der Halle sowie seine eigenen Ambitionen.

Im Gegensatz zu den Vorjahren war die Hallenstadtmeisterschaft sehr ruhig, was den Einsatz von Karten und Zeitstrafen betrifft. Wie bewerten Sie das?

Ich glaube, dass sich hier ein Trend fortsetzt, den wir bereits in den Vorjahren beobachten konnten. Ich habe in den vergangenen Jahren die Hallenstadtmeisterschaft immer verfolgt und es wurde von Jahr zu Jahr besser. Im vergangenen Jahr hatten wir, glaube ich, einen Feldverweis und etwa sechs, sieben Zeitstrafen - also bei solch einer Masse an Spielen ist das nicht viel. Ein großes Lob nicht nur an die Schiedsrichter, sondern auch an die Spieler. Ich glaube, dass alle nun etwas ruhiger agieren. Das merkt man dann auch an der Statistik. Es herrscht eine deutlich bessere Atmosphäre, es macht mehr Spaß.

Worauf kommt es als Schiedsrichter in der Halle an? Was sind die Unterschiede zur Arbeit auf dem Feld?

Wir müssen in der Halle mehr Ruhe als auf dem Feld ausstrahlen. Durchaus auch einmal durchatmen und überlegen, was nun die richtige Entscheidung ist. Wenn der Schiedsrichter in der Halle hektisch agiert und laut ist oder sehr gestenreich agiert, dann färbt das auf die Spieler ab. Manchmal hilft es auch, die Spieler an der kurzen Leine zu halten und ein, zwei Vergehen zu pfeifen, die man auf dem Feld nicht pfeifen würde, gerade im Bereich der Wand. Wenn das alles klappt, sehen wir ein Ergebnis - wie nun in diesem oder im vergangenen Jahr.

Ist es denn schwieriger, in solch einem hektischen Spiel die Situationen zu bewerten?

Durchaus, man ist schließlich auch komplett auf sich alleine gestellt und hat keine Assistenten. Das schafft jeder auch alleine, aber in der Halle ist es eben so, dass viele Zweikämpfe aufeinander folgen. Es ist nicht ganz so leicht, alles richtig zu bewerten, denn es ist auch oft so, dass sich Dinge einfach aufstauen. Wenn man den einen harten Zweikampf laufen lässt, kann es sein, dass beim nächsten Zweikampf zu einem heftigen Vergehen kommt, was vielleicht sogar mit einer Zeitstrafe geahndet wird. Dementsprechend ist es einen Tick schwieriger, aber die Kollegen, die bei einer Hallenstadtmeisterschaft agieren, sind alle geschult und ausreichend erfahren, um solch ein Turnier bewältigen zu können.

Leo Exuzidis: „Es wird schwieriger, neue Leute zu rekrutieren“

Die Schiedsrichter verlebten bei der Hallenstadtmeisterschaft zwei relativ ruhige Tage im Vergleich zu den Vorjahren. © Volker Engel

Sie und Ihre Schiedsrichterkollegen treffen sich also vor den Turnieren, damit alle Kollegen auf den neuesten Stand gebracht werden?

Der Kreisschiedsrichterausschuss legt Wert darauf, dass wir in jedem Jahr die Hallenregeln einmal komplett durchgehen. Jahr für Jahr gibt es neue Änderungen. Nach der Neuausrichtung auf die Futsal-Regeln haben wir das noch intensiver gemacht, aber auch wenn sich danach nur noch kleinere Dinge verändert haben, sprechen wir alles noch einmal neu an. Alle Schiedsrichter, die entweder das Hallen-Turnier in Castrop-Rauxel oder in Herne gepfiffen haben, sind entweder jung und ambitioniert oder sehr erfahren.

Wie bewerten Sie in der Halle beispielsweise Situationen wie das Auflaufen? Dabei wird mitunter ja unterschiedlich reagiert.

Das ist tatsächlich schwierig. Es gibt in der Halle Situationen, die man auf dem Feld tendenziell eher laufen lassen würde, beispielsweise wenn der Spieler den Körper reinstellt. In der Halle reicht aber bei so vielen kleinen Bewegungen der minimalste Kontakt zum Mann aus, um den Gegenspieler zu Fall zu bringen. Das sind diese Grenzentscheidungen, die man auf dem Feld nicht unbedingt pfeifen würde.

Erweitern wir den Blick. Wie sieht die generelle Situation des Nachwuchses aus? Es wird ja oft gesagt, dass sich viele Leute auch nicht mehr trauen würden, Schiedsrichter zu werden.

Wir können uns davon nicht freisprechen, dass es schwieriger wird, neue Leute zu rekrutieren. Wir bieten zwei Lehrgänge pro Jahr an, wo wir neue Schiedsrichter ausbilden. Die Resonanz wird leider immer geringer, dennoch schaffen wir es zweimal pro Jahr, neue Leute zu finden. Die Frage ist allerdings: Wie lange bleiben die neuen Leute dabei? Man muss sie bei Laune halten, sie müssen Spaß an der Sache haben und dass der eine oder andere wieder aufhört, ist völlig normal. Aber ich glaube, es liegt an uns und den Verantwortlichen, dafür auch ein bisschen Verständnis zu zeigen. Es ist uns häufiger aufgefallen, dass sich Emotionen aufstauen und das tut den jungen Leuten einfach nicht gut. Wir merken dann leider auch, dass wir immer mehr Spiele nicht besetzen können - im Jugendbereich, aber auch im Seniorenbereich. Denn wenn in der Jugend niemand ausgebildet wird, kann auch niemand bei den Senioren Spiele pfeifen.

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Ab wann sind Schiedsrichter Pflicht?

Wir im Fußballkreis Herne besetzen alle Spiele ab der E-Jugend. Früher, als ich noch im Jugendbereich gepfiffen habe, gab es sogar noch Schiedsrichter bei der F-Jugend. Das wurde dann peu-a-peu aufgestockt.

Könnte es also mittelfristig dazu kommen, dass man die Spiele erst ab der D-Jugend mit Schiedsrichtern besetzt?

Ich glaube, auszuschließen ist es nicht. Wir sind davon derzeit noch weit entfernt im Kreis Herne. Ich kann jeden nur lobend erwähnen, der sich samstags auf den Platz stellt und diese Spiele pfeift. Wenn sich die Entwicklung allerdings etwas verschärft und wir anhaltende Probleme haben, Jungs und Mädels für die Schiedsrichterei zu begeistern, kann das passieren. In anderen Fußballkreisen ist die Situation bereits wesentlich schlimmer, wir im Fußballkreis Herne haben also im Vergleich noch ganz gute Karten.

Schiedsrichterausbildung

Der nächste Lehrgang

Der nächste Ausbildungslehrgang für Unparteiische beginnt – während der Osterferien – am Freitag, 5. April, um 15 Uhr in der Kreisgeschäftsstelle an der Schaeferstraße in Herne. Der Seminartag geht bis 19 Uhr. Weiter geht es hier tags darauf zwischen 9 und 18.30 Uhr. An den folgenden drei Freitagen und Samstagen wird das Seminar fortgesetzt und mit der Prüfung am Samstag, 6. Oktober, ab 10 Uhr abgeschlossen. Diesmal ist der Kurs als Kompaktseminar angelegt. Weshalb die Fortsetzungen bereits am Sonntag. 7. April (ab 9 Uhr) sowie Dienstag, 9. April (ab 18 Uhr, inklusive Prüfung) in Herne über die Bühne gehen. Anmeldungen für das Seminar sind über die offizielle Homepage des Kreises Herne möglich.

Welche Fußballkreise sind das beispielsweise? Ist Essen ein Problemfall?

Wenn man zum Beispiel in den südwestfälischen Raum guckt, sind die Kreise weitaus größer. Dort ist es dann natürlich schwieriger, Spiele zu besetzen. Essen ist beispielsweise ein Negativbeispiel, das häufiger in den Medien ist und wo bestimmte Vergehen medial aufgearbeitet werden. Solch ein Bericht kann erhebliche Auswirkungen haben. Die Leute überlegen sich zweimal, ob sie sich sonntags bei Regen auf den Platz stellen und für 20 Euro ein Kreisliga-C-Spiel pfeifen wollen oder stattdessen lieber auf der Couch bleiben und Bundesliga gucken. Aber ich kann jeden nur dazu ermutigen, denn man übernimmt Verantwortung und wird auch gefördert.

Sie pfeifen schon sehr lange Spiele. Merken Sie, dass Sie sich durch die Arbeit als Schiedsrichter auch als Mensch verändert haben?

Absolut. In jungen Jahren steht man alleine auf dem Platz und übernimmt Verantwortung. Das ist im ersten Moment schwierig. Aber wenn man sich daran gewöhnt hat, dann wird es immer leichter. Ich merke, dass sich meine Persönlichkeit über die Jahre entwickelt hat und dass ich es schaffe, in Stresssituationen viel ruhiger zu agieren. Das sind Dinge, die automatisch kommen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei jedem anderen.

Wie sehen Ihre Ambitionen aus? Soll es noch höher hinaus gehen?

Träumen darf natürlich jeder. Meine Ambitionen zu formulieren, ist schwierig. Das hängt auch nicht nur von mir ab, sondern von vielen anderen Faktoren. Wir haben viele talentierte junge Schiedsrichter in Deutschland. Meine Ambition ist es immer, einen Schritt nach oben zu schaffen. Aber zu sagen: Ich möchte in die Bundesliga oder in den DFB-Bereich - das ist so schwierig. Das als Ziel zu haben, ist nicht förderlich.

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