Marcel Sieberg muss wieder bei Null anfangen

Radsport: Interview

Für den aus Rauxel stammenden Radprofi Marcel Sieberg hat die Saison 2017 leider so begonnen wie die Saison 2016 geendet hatte: mit gesundheitlichen Problemen. Im Interview spricht der 34-Jährige über die fast dreiwöchige Auszeit, die er zuletzt nehmen musste – und auch über die Ziele, die er in diesem Jahr verfolgt.

CASTROP-RAUXEL

, 15.03.2017, 12:44 Uhr / Lesedauer: 3 min
Marcel Sieberg muss wieder bei Null anfangen

Vor dem DM-Rennen präsentierten der Castrop-Rauxeler Marcel Sieberg (rechts) und sein Sprint-Kapitän Andre Greipel einen Aufnäher auf ihren Trikots. Dieser zeigte den Spruch „Fight for Stig“. Stig Broeckx liegt nach einem Unfall während der Belgien-Rundfahrt Ende im Mai im Koma.

Herr Sieberg, auf den Startlisten Ihres Rennstalls tauchte Ihr Name zu Beginn der Saison durchweg nicht auf. Woran hatte das gelegen? Sieberg: Ende des Jahres 2015 hatte ich eine Operation, weil ich große Probleme mit den Nasennebenhöhlen hatte – ich bekam nur sehr schwer Luft. Ende der Saison 2016 ist das Problem wieder aufgetreten – vor allem wenn ich ein hohes Renntempo gehen wollte – und ich musste erneut operiert werden. Mein Team hat mir Anfang des Jahres geraten, eine Auszeit zu nehmen und mich erst einmal richtig auszukurieren. Daraus sind über zwei Wochen geworden, in denen ich nicht trainiert habe. Danach habe ich das Training langsam wieder aufgenommen.

Wie muss man sich einen solche Neustart vorstellen? Sieberg: Gefühlt habe ich bei Null wieder angefangen. Den ersten Tag bin ich einfach ganz ruhig zwei Stunden Fahrrad gefahren. Danach war ich doch recht müde. In den Tagen danach habe ich das Pensum nach und nach gesteigert. Nach drei Wochen Training war ich wieder zurück im Team.

In den Rennen, die Ihr Sprint-Kapitän André Greipel gefahren ist, sind Sie allerdings nicht am Start gewesen. War das eine Vorsichtsmaßnahme? Sieberg: André ist zu dieser Zeit Rundfahrten wie Paris-Nizza und gefahren. Das sind keine geeigneten Rennen für einen Wiedereinstieg in die Saison. Ich bin vor zwei Wochen die Premiere des belgischen Rennens „Dwars Door West-Vlanderen“ gefahren. Das lief recht gut, auch wenn ich am Ende ausgestiegen bin. Bis dahin haben wir trotz des hetigen Winds noch Jasper De Buyst in Position gebracht, der am Ende dann Vierter wurde.

Und am vergangenen Samstag sind Sie dann bei der „Ronde de Drenthe“ die 206 Kilometer durchgefahren und sind selbst 18. geworden. Werten Sie auch diese Fahrt als Erfolg? Sieberg: Ja, auf jeden Fall. Ich war direkt aus dem Training auf Mallorca dorthin gefahren. In dem Rennen haben wir als Team noch besser auf die Ausreißer reagieren können. De Buyst ist hier Dritter in der Endabrechnung geworden. Das war auf jeden Fall eine erfolgreiche Fahrt.

Nach Ihrem Neustart in die Saison: Welches sind die großen Ziele, die Sie 2017 verfolgen? Sieberg: In diesem Jahr findet die Weltmeisterschaft in Norwegen statt. Wie es aussieht, ist die WM aber nicht für André Greipel und mich geeignet. Denn wie ich gehört habe, geht es im Streckenverlauf immer wieder 30 Kilometer lang den Berg hinauf. Daher bleibt die Tour de France als Saisonhöhepunkt für uns.

Diese wird in diesem Jahr in Düsseldorf gestartet. Ist das eine zusätzliche Motivation für Sie, dafür auf den Punkt fit zu sein? Sieberg: Es ist auf jeden Fall eine schöne Sache, dass es diesmal einen Start in Deutschland gibt. Aber leider kann man dabei keinen Etappensieg in Deutschland feiern, weil das Rennen ja offiziell im belgischen Liége endet. Dennoch bleibt unser Ziel, so viele Etappen wie möglich zu gewinnen und am Ende in Paris anzukommen.

Alle Jahre wieder werden die Etappen an neue Orte vergeben. Auf welche Strecke der vergangenen Jahre würden Sie gerne verzichten? Sieberg: Alle, auf denen ein Berg im Weg steht.

2016 war Ihre siebte Teilnahme an einer Tour de France. Wie viele Jahre möchten Sie gerne noch dabei sein? Sieberg: Jens Voigt ist ja noch im Alter von 42 Jahren dort gefahren. Ich bin 34. Mein derzeitiges Ziel ist das Jahr 2020.

Nach der aktuellen Frankreichrundfahrt ist die Saison noch nicht beendet. Werden wir Sie wieder wie die Jahre zuvor beim Giro in Bochum sehen können? Sieberg: Leider nicht. Unser Rennstall hat neben den Cyclassics in Hamburg ein Rennen in England, die „Prudential Ride London-Surrey Classic“ in den Terminkalender mit aufgenommen. Da stehe ich natürlich bei meinem Arbeitgeber in der Pflicht, dort am Start zu sein. Ich bin in all den Jahren sehr gerne in Bochum gefahren. Aber so ist nun einmal das Geschäft.

Wenn das Rennen im benachbarten Bochum wegfällt. Wann bleibt da noch Zeit, in der Heimat bei den Eltern in Castrop-Rauxel vorbeizuschauen? Sieberg: Das ist tatsächlich eher immer seltener geworden. Der Rennkalender ist ziemlich dicht geworden. Zudem will ich mich in der rennfreien Zeit intensiv um meine beiden Kinder kümmern. Und rund um unser Haus in Bocholt will auch ein großer Garten „bedient“ werden. Zum Glück kommen meine Eltern öfters vorbei.

Seit zwölf Jahren ein Profi
Im Jahr 2005 schloss sich der Rauxeler Marcel Sieberg dem Team Lamonta an und kam über die Stationen Team Wiesenhof Akud, Pro Team Milram, Team Columbia zum belgischen Rennstall, der aktuell den Namen Lotto-Soudal trägt. Als Anfahrer  von André Greipel, der 2011 WM-Dritter wurde und drei DM-Titel verbuchte, machte sich Sieberg einen Namen. Eigene Erfolge feierte Marcel Sieberg daher eher weniger. Siege gelangen ihm aber beim Sparkassen Giro Bochum 2012, 2014 und 2015. Nach der 2. Etappe der Tour de France 2007 wurde er als kämpferischster Fahrer mit der roten Rückennummer ausgezeichnet.

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