Michael Esser im Interview – „Ich hänge gerade ein wenig in der Luft“

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Der Vertrag von Profi-Torwart Michael Esser in Hoffenheim läuft im Sommer aus. Im Interview spricht er über seine aktuelle Situation, die Corona-Saison und warum er Hoffenheim-Spiele nicht mit voller Aufmerksamkeit guckt.

Castrop-Rauxel

, 25.06.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der gebürtige Castrop-Rauxeler Michael Esser steht gerade noch bei Hoffenheim unter Vertrag. Im Winter wechselte der 32-Jährige von Hannover 96 zum Bundesligisten ins Kraichgau, weil Stammtorhüter Oliver Baumann sich verletzt hatte. Der Kontrakt des Torhüters läuft jedoch im Sommer aus und wird nicht verlängert. Im Interview mit Lukas Wittland geht es um Enttäuschung, Corona und die Zukunft.

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Herr Esser, Ihr Vertrag in Hoffenheim wird nicht verlängert. Wissen Sie schon, wie es weitergeht?

Dass der Vertrag nur bis zum Sommer läuft, war ja von vornherein so vereinbart. Hoffenheim hatte im Winter einen Engpass, weil Oli Baumann verletzt war. Ich hänge gerade ein wenig in der Luft, weil sich durch Corona alles nach hinten verschoben hat. Es gibt aber Interessenten aus der ersten und zweiten Liga.

Sehen Sie sich in der nächsten Saison denn eher wieder in der ersten Liga, oder sagen Sie, ich gehe lieber in die zweite und spiele?

Dass ich Bundesliga-Niveau habe, konnte ich bei meinen Stationen in Darmstadt und Hannover zeigen, denke ich. Auch das Lob von Alex Rosen zuletzt hat mich sehr gefreut. Es ist aber natürlich auch davon abhängig, was sich letztlich ergibt. Klar ist: Ich würde gern noch am Wochenende im Tor stehen. Ich habe einfach noch den Ehrgeiz und merke, dass ich noch top-fit bin.

Michael Esser im Duell mit Robert Lewandowski am 32. Spieltag der Saison 2018/19.

Michael Esser im Duell mit Robert Lewandowski am 32. Spieltag der Saison 2018/19. © picture alliance/dpa

Wie blicken Sie denn auf Ihre Zeit in Hoffenheim?

Für mich war es in gewisser Hinsicht noch mal eine andere Welt. Hier gibt es perfekte Trainingsbedingungen, man bekommt das bestmögliche Umfeld, um sich wirklich nur auf Fußball konzentrieren zu können. Von daher war das eine super Erfahrung.

War das bei Ihren anderen Stationen vorher nicht so?

Die anderen Vereine, für die ich gespielt habe, waren auch immer professionell und gut geführt, aber in Hoffenheim ist es noch mal eine andere Stufe. Es stecken einfach noch mehr personelle und strukturelle Möglichkeiten dahinter.

Sind sie enttäuscht, dass Sie in Hoffenheim keine Einsatzzeiten bekommen haben?

Nein, es war von vornherein abgesprochen, dass es darauf hinauslaufen kann, dass ich nicht spiele. Ich wusste, auf was ich mich einlasse. Klar, ich hätte gern noch mal ein, zwei Spiele gemacht, aber die Situation hat sich leider nicht ergeben.

Bis zum Winter stand Michael Esser bei Hannover 96 unter Vertrag.

Bis zum Winter stand Michael Esser bei Hannover 96 unter Vertrag. © picture alliance/dpa

Hat sich die Zeit trotzdem für Sie gelohnt?

Ich habe ja vorher auch schon unter Profibedingungen trainiert, aber das Torwarttraining in Hoffenheim hat mich noch mal ein Stück nach vorne gebracht, obwohl ich nicht gespielt habe. Ich hoffe, dass ich das demnächst unter Beweis stellen kann und im Sommer neu durchstarten kann – wo genau auch immer. Da ist noch ein bisschen Geduld gefragt, für die Vereine ist es gerade auch eine schwierige Situation.

Für die Spieler war es das aber sicherlich auch.

Ja, wir haben uns nach dem Corona-Ausbruch auch gefragt, wie es weitergeht. Erst haben wir gar nicht trainiert, dann nur in Kleingruppen. Für uns bedeutete das dann alleiniges Training der Torhüter. Das haben wir ja ohnehin regelmäßig. Weil sich unser Torwarttrainer auch immer etwas Neues einfallen lässt, war das schon absolut okay. Aber nach dem Training kannst du in Hoffenheim auch nicht mehr so viel machen. Da habe ich die Normalität schon vermisst.

Der Bundesligastart wurde in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Wie standen Sie zu dem Thema?

Ich habe das auch ein bisschen kritisch beäugt. Ich glaube aber, dass es für den Erhalt einiger Vereine wichtig war, dass man den Spielbetrieb wieder aufnimmt, um dort auch Arbeitsplätze zu erhalten. Fußballer spielen aber auch für die Fans. Vor zwanzig Zuschauern zu spielen, die auch noch aus der eigenen Mannschaft kommen, kann für alle Beteiligten kein Dauerzustand sein.

Welche Rolle spielen denn die Fans? Brauchen Profis sie, oder ist der sportliche Erfolg Motivation genug?

Ich glaube schon, dass jeder, der auf dem Platz steht – egal, gegen wen es geht -, immer gewinnen will. Aber wenn die Fans nicht da sind, dann fehlt ein bisschen die Anspannung. Da können je nach Spielertyp schon mal fünf, sechs Prozent fehlen, um alles rauszuhauen. Ich glaube, das sieht man auch vereinzelt. Die Werte zeigen auch, dass nicht ganz so viel gesprintet wurde in den Spielen. Ein volles Stadion kann da noch mal aus jedem Spieler etwas herauskitzeln.

Im März haben sich die Corona-Nachrichten überschlagen. Sind sie überhaupt davon ausgegangen, dass es weitergeht?

Ich habe ja auch die Interviews gelesen und die Nachrichten verfolgt. Wie entwickeln sich die Zahlen? Gehen sie hoch oder runter? Da hatte ich auch Phasen, in denen ich dachte, dass es schwierig wird. Aber dadurch, dass wir das Training irgendwann langsam gesteigert haben, bin ich davon ausgegangen, dass es weitergehen wird. Zweifel hatte aber wahrscheinlich jeder im Kopf.

Sie standen seit dem Ausbruch der Pandemie nicht mehr im Kader. Durften Sie mit ins Stadion?

Nein, ins Stadion durften nur die Spieler, die auch im Kader standen. Getestet wurden wir alle aber zweimal die Woche und wir mussten uns natürlich aus sonst an die Maßnahmen halten. Wir haben das schon gut hinbekommen. Die Vorgaben immer zu hundert Prozent umzusetzen, ist manchmal schwierig.

Aber gerade unser Teammanager hat penibel darauf geachtet. Da wurde zum Beispiel immer wieder in die Team-Whatsapp-Gruppe geschrieben: Passt auf, konzentriert euch und beachtet bitte alle Regeln. Das war schon ordentlich Arbeit für die Verantwortlichen und vor allem für die Ärzte, die die Tests immer durchgeführt haben.

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Im letzten Spiel dieser Saison geht es gegen Dortmund, fahren Sie denn da mit? Ihre Heimatstadt Castrop-Rauxel ist direkt nebenan. Ist es für sie deshalb auch ein besonderes Spiel?

Ja klar ist das ein besonderes Spiel. In Castrop-Rauxel gibt es viele Dortmund-Fans, aber die sollen am Samstag mal nicht so genau hingucken (grinst). Der BVB ist ja schon in der Champions League. Vielleicht können wir noch einen Dreier holen, das wäre für uns enorm wichtig. Dann sind die Dortmund-Fans zufrieden, weil sie in der Champions League spielen und wir können zufrieden sein, wenn wir mit einem Sieg vielleicht noch den sechsten Platz erreichen.

Spiele gegen Dortmund, Bayern, aber auch Schalke sind immer besondere Duelle, natürlich auch, weil ich aus dem Ruhrgebiet komme. Wenn auf der Torwartposition nichts passiert, werde ich aber wahrscheinlich zu Hause auf dem Fernseher gucken. Ob das jetzt in Castrop-Rauxel oder Hoffenheim ist, weiß ich noch nicht.

Wie ist es denn für Sie, wenn Sie dann zu Hause Fußball gucken?

Wenn ich ein Einzelspiel gucke, dann ist es manchmal schon zäh, gerade wenn nicht viel passiert. Es wirkt immer etwas wie ein Testspiel. Da muss man manchmal schon aufpassen, nicht so sehr von etwas anderem abgelenkt zu werden.

Auch bei Hoffenheim-Spielen?

Ja, auch da (lacht). Wenn man die Konferenz gucken kann, ist das schon aufregender, weil es immer hin und her geht und mehr passiert. Dann kommen noch ein paar Sprüche vom Kommentator und dann lässt sich das auch ohne Fans ganz gut gucken.

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