Nicht alle Castrop-Rauxeler Trainer fordern Rücktritt von Jogi Löw

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Nach dem Desaster von Sevilla wächst der Druck auf Joachim Löw. Sein sofortiger Rücktritt steht zur Diskussion. Das sagen die Castrop-Rauxeler Trainer dazu.

Castrop-Rauxel

, 19.11.2020, 17:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach der historischen 0:6-Pleite gegen Spanien steht Joachim Löw

im Mittelpunkt der Kritik – auch bei manchen Trainerkollegen in Castrop-Rauxel. Wir haben bei den Fußball-Coaches nachgefragt und präsentieren hier das Meinungsbild.

Stich: Viele Nationen sind uns mehr als einen Schritt voraus

Steffen Golob, neben Aytac Uzunoglu Trainer sowie Sportlicher Leiter beim Westfalenligisten Wacker Obercastrop, erklärt: „Ich hätte Herrn Löw nach der WM 2018 ausgetauscht. Er hat den richtigen Zeitpunkt für einen Rücktritt nicht erkannt. Offenbar wollte er noch die EM gewinnen. Ich bin der Meinung, dass Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller definitiv in die Nationalmannschaft gehören. Das sind drei Charakter-Spieler, die viel Qualität mitbringen. Man muss aber auch sagen, dass die Ausbootung den drei Spielern aber auch einen Schub gegeben hat.“

Patrick Stich, Coach des FC Castrop-Rauxel

Patrick Stich, Coach des FC Castrop-Rauxel © Volker Engel

Patrick Stich, Coach des Bezirksliga-Aufsteigers FC Castrop-Rauxel, sagt: „Zur Entwicklung einer jungen Mannschaft gehören Tiefschläge und Zeit dazu. Ich sehe uns in Blickrichtung EM eh nicht vorne dabei. Wir sind eine Turniermannschaft. Aber die Franzosen, Spanier und die Engländer sind einen Schritt, wenn nicht sogar zwei, voraus. Und da habe ich Belgien und Italien noch nicht erwähnt.“

Ob ein Trainerwechsel etwas bewirken würde, sei schwer zu beurteilen, so Stich: „Löw weiß, wie es geht. Daher würde aus meiner Sicht ein Trainerwechsel nichts bringen.“ Das Trio Müller/Hummels/Boateng hätte viel zu verlieren bei einer Rückkehr, da alle die Trendwende erwarten, erklärt Patrick Stich: „Daher denke ich nicht, dass es zu einer Rückkehr kommen wird.“

Tino Westphal, Trainer des Bezirksligisten SG Castrop.

Tino Westphal, Trainer des Bezirksligisten SG Castrop. © Marcel Witte

Tino Westphal, Trainer des Bezirksliga-Schlusslichts SG Castrop, sagt: „Zum einen ist das Vertrauen in Löw nicht mehr da. Zum anderen wäre es aber nicht die feine Englische Art, ihn vor die Tür zu setzen. Und solange Oliver Bierhoff hinter Löw steht, wird nichts passieren.“

Für Westphal ist Löw selbst Schuld, dass es zu dieser Diskussion gekommen ist: „Er hat sich darauf festgelegt, nur mit jungen Spielern ein neues Nationalteam aufzubauen - und muss jetzt dabei bleiben, um nicht sein Gesicht zu verlieren. Vor der Europameisterschaft wird trotzdem nichts mehr passieren.“

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Grundsätzlich würde Westphal gerne einen Mann wie Jürgen Klopp als Bundestrainer sehen: „Der redet auch mal Tacheles mit den jungen Spielern und sorgt von der Seitenlinie aus für Emotionen auf dem Spielfeld - das brauchen junge Spieler.“ Der größte Fehler von Jogi Löw sei aber gewesen, nach dem WM-Titel 2014 nicht aufgehört zu haben. „Es heißt nicht von ungefähr, dass man gehen soll, wenn es am schönsten ist.“

Kim Weber, Trainer von Arminia Ickern.

Kim Weber, Trainer von Arminia Ickern. © Jens Lukas

Kim Weber, Coach von Arminia Ickern (Kreisliga A), sagt: „Mit den Ergebnissen der Nationalmannschaft kann man seit längerer Zeit nicht mehr zufrieden sein. Leider hat man den Punkt verpasst, sich von Löw zu trennen. Weil es vor der EM nur noch wenige Test-Möglichkeiten gibt, macht es allerdings keinen Sinn, den Trainer auszutauschen. Einen Effekt wie in der Bundesliga gibt es bei einer Nationalmannschaft nicht. Für mich hätte es Sinn gemacht, wenn Löw Hummels, Müller, Boateng an dem Verjüngungsprozess beteiligt hätte.“

Habinghorsts Trainer Danny Jordan setzt auf Kuntz als Nachfolger

Danny Jordan, Trainer von Victoria Habinghorst (Kreisliga A), meint: „Eine Trennung von Löw darf es bitte nicht aufgrund des 0:6 gegen Spanien geben.

Der Wechsel hätte schon früher passieren müssen. Ich denke, mit Stefan Kuntz hätte man schon einen geeigneten Nachfolger beim DFB.“

Spieler wie Boateng oder Hummels würden in ihren Vereinen überragend spielen, findet Jordan und fragt dann: „Werden aber in der Nationalmannschaft nicht gebraucht? Komisch. Und: Ein Müller, der auch bei einem Rückstand niemals aufgibt und eine Mannschaft mitreißen kann, würde bei mir solange im DFB-Trikot auflaufen, wie ihn die Porree-Piepen tragen können.“

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VfB-Coach Olschewski kritisiert Löws Außendarstellung

Marc Olschewski, Trainer des VfB Habinghorst (Kreisliga A), sagt: „Meiner Meinung nach hätte schon nach dem WM-Aus 2018 ein anderer Trainer kommen müssen. Ich kann nicht nachvollziehen, wo bei Löw das Selbstverständnis herkam, dass er weitermachen soll.“

Löws Außendarstellung und Souveränität würden sich immer weiter verschlechtern, so Olschewski: „Boateng, Hummels und Müller müssen zurückkommen. Deren Ausbootung muss mit Löws Eitelkeit zu tun haben. Und ich frage mich, warum Mario Götze, der in Eindhoven deutlich im Aufwind ist, keine Einladung bekommen hat?“

Jimmy Thimm, Trainer des FC Frohlinde II.

Jimmy Thimm, Trainer des FC Frohlinde II. © Volker Engel

Jimmy Thimm, Coach des FC Frohlinde II (Kreisliga A), meint: „Wenn ich Jogi Löw wäre, hätte ich 2014 mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft die Chance genutzt, erhobenen Hauptes zurückzutreten. Er und der DFB haben sich aber darauf geeinigt, den Weg weiter gemeinsam zu gehen. Man muss abwarten, ob die Niederlage in Spanien der richtige Nackenschlag zur richtigen Zeit war. Man darf auch nicht vergessen, dass wir vor dem Spanien-Spiel in den vergangenen zwei Jahren nur eine Niederlage kassiert haben.“

Als Fan sei man zu weit weg, um bemessen zu können, warum Boateng, Hummels und Müller aussortiert wurden. Thimm: „Ich hätte das nicht gemacht - und gehe dennoch davon aus, dass wir bei der EM das Halbfinale erreichen. Wir sind noch immer eine Turnier-Mannschaft.“

Henrichenburgs Trainer Alexander Schmottlach betont, dass er kein Löw-Fan ist.

Henrichenburgs Trainer Alexander Schmottlach betont, dass er kein Löw-Fan ist. © Volker Engel

Alexander Schmottlach, Übungsleiter des TuS Henrichenburg (Kreisliga B Recklinghausen), sagt: „Ich bin kein Löw-Fan und der Meinung: Wir sind trotz des Trainers 2014 Weltmeister geworden, nicht durch ihn. Wenn Trainer Erfolg haben, werden sie in Deutschland leider nicht hinterfragt. Leider sind aktuell keine guten Trainer für den Posten frei.“

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