Pro & Contra: Sollte jeder Fußballer einen Schiedsrichter-Lehrgang absolvieren?

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Massenschlägerei in Baukau, Prügelei bei Gedächtnispokal, Linienrichter gewürgt: Leidtragende sind oft Referees. Sollte jeder Spieler verpflichtend Schiri-Lehrgänge belegen?

Castrop-Rauxel

, 30.12.2019, 13:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Gewaltspirale auf den Fußball-Sportplätzen drehte sich in diesem Jahr immer weiter. Oft richtete sich die Gewalt auch gegen die Schiedsrichter, weil den Spielern beispielsweise die Entscheidung des Unparteiischen nicht passte.

Immer wieder wird diskutiert, wie die Gewaltexzesse auf den Sportplätzen eingedämpft werden können. Könnte ein verpflichtender Schiedsrichter-Lehrgang für Fußballer die Lösung sein? Diese Frage diskutieren unsere Redakteure Iris Müller und Marcel Witte.

Die Pro-Argumentation von Iris Müller:

Ohne Schiri geht es nicht. Da sind sich alle einig. Doch im Zweifel ist der Schiri eine Pfeife und soll das auch zu spüren bekommen. Diese Meinung scheint sich zu verfestigen. Die Zahl der Gewalttaten gegen Schiedsrichter im Amateurfußball ist nach Angaben des Deutschen Fußballbundes in der Saison 2018/2019 auf 2906 gestiegen, bei über eine Millionen erfasster Fußballspiele. Nicht viel? Doch. Jede einzelne Tat ist zu viel. Hinzu kommt, dass die Taten heftiger werden. Waren es früher verbale Attacken wird heute öfter zugeschlagen.

Das Auswärtsspiel des SuS Merklinde II bei BW Baukau in Herne endete Anfang September in einer Massenschlägerei. Einige Merklinder mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Der Castrop-Rauxeler Gregor Werkle, Vorsitzender des Kreisschiedsrichter-Ausschusses: „Das ist eine neue Dimension, die hiermit erreicht wurde.“ Wenige Tage zuvor gab es vor den Augen von Kindern beim Pit-Steinert-Gedächtnispokal eine Prügelei unter Erwachsenen. Beteiligt waren Trainer und Zuschauer - nur zwei Beispiele aus dieser Saison.

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Die Konsequenzen: Strafanzeigen, Urteile vor dem Sportgericht, die Verantwortlichen setzen auf Kommunikation, Deeskalation und eine bessere Ausbildung der Schiedsrichter. Eine weitere Konsequenz: Dem Fußballkreis Herne/Castrop-Rauxel fehlten zuletzt 25 Referees, um alle Spiele besetzen zu können. Kein Wunder. Wer will denn unter diesen Umständen noch Schiedsrichter werden?

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Würde jeder Fußball-Spieler nicht nur trainieren, sondern auch mal die Seite wechseln und einen Schiedsrichter-Lehrgang besuchen - verpflichtend, würde der Fußballkreis zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einige Spieler würden vielleicht am Ball beziehungsweise an der Pfeife bleiben und so den Schiri-Mangel bekämpfen und die Spieler würden die Perspektive wechseln und merken, was ein Schiedsrichter aushalten muss, unter welchem Druck er steht, wie schwierig die Themen Konfliktlösung, Durchsetzungs-, Entschlusskraft und Kommunikation auf dem Platz sein können. Denn das alles müssen Schiedsrichter mitbringen.

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Und das ist auch das Tolle an dem Job: Referees tanken nicht nur Selbstvertrauen, sie entwickeln ihre Persönlichkeit und erlangen Fähigkeiten, die sie in anderen Lebens-Situationen immer wieder gebrauchen können.

Regelmäßige Schiri-Lehrgänge statt Training auf dem Platz würde also maßgeblich zu Frieden und Deeskalation auf den Plätzen beitragen.


Die Contra-Argumentation von Marcel Witte:

Jeder attackierte Schiedsrichter ist ein Referee zu viel - das steht außer Frage. Die Gewalttaten auf den Sportplätzen verurteile ich auch aufs Schärfste. Die zum Teil hohen Strafen, die darauf folgten, sind absolut gerechtfertigt. Tatsächlich ist die Zahl der Taten gestiegen, aber nur minimal im Vergleich zur Vorsaison: nämlich um 40 Fälle.

Dass es weniger werden müssen, ist klar. An sich ist es keine verkehrte Idee, dass Fußballer auch die andere Seite kennenlernen. Tatsächlich bestätigen viele Schiedsrichter, dass sie dieser Job auch für ihr Privat- oder Berufsleben prägt und sich die Persönlichkeit deutlich weiterentwickelte.

Der Kreis-Schiedsrichter-Ausschuss in Herne würde sich über eine Zunahme der Zahlen bei den Lehrgängen sicherlich freuen. Ob die Freude jedoch auch auf Seite der Spieler zu finden wäre, dürfte zumindest angezweifelt werden.

Der Zwang wäre nicht unbedingt von Vorteil

Verpflichtend die Fußballer zum Lehrgang zu schicken, würde eine Art Zwang bedeuten. Zwang, der Duden beschreibt es als „Beschränkung der eigenen Freiheit“. Die Fußballer würden die Ausbildung zwar machen, weil sie weiterhin kicken wollen, doch ob sie danach zur Pfeife greifen, wäre noch einmal dahingestellt.

Vor allem würden sich einige Spieler wohl überlegen, ob sie dann überhaupt noch Fußball spielen, wenn ein Schiri-Lehrgang zwingend daran angeknüpft wäre. Auch zeitliche Gründe spielen eine Rolle. Letztlich müssten die Vereine darunter leiden. Es gibt sowieso schon weniger Fußballer als früher, dann wohl noch weniger. Manche Klubs würden mehr denn je ums Überleben kämpfen.

Vereinsarbeit und Respekt statt Zwang

Klar, ohne Schiedsrichter geht es auch nicht. Vor allem nicht in den höheren Ligen. In der Kreisliga C wird vermehrt schon ohne Referee gespielt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: schön ist das nicht.

Doch letztlich muss es andere Ideen geben, als die Fußballer zu etwas zu verpflichten. Die Spieler sollten auf eine andere Art und Weise in die Pflicht genommen werden: Der Respekt gegenüber den Unparteiischen muss wieder größer werden.

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Und der Schiedsrichter-Job muss wieder interessanter werden. Die Schiri-Vereinigung versucht schon vieles, doch das alleine reicht nicht. Die Vereine müssen ihren Spielern aufzeigen, warum der Job als Schiedsrichter viel Spaß machen kann.

Am Ende profitieren nämlich nicht nur die Fußballer und die Schiri-Vereinigung von der höheren Zahl an Referees. Auch für die Vereine wäre es von Vorteil. Denn so müssten sie keine hohen Strafen mehr zahlen, weil sie zu wenige Schiedsrichter vorweisen können.

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