Spruchkammer-Urteil: So lauten die drastischen Strafen für Rot-Weiß Türkspor Herne

rnSchiedsrichter geschlagen

Das abgebrochene Spiel zwischen RWT Herne und dem FC Castrop-Rauxel Mitte Oktober schlug hohe Wellen. Nun wurde das Urteil gegen die Herner gesprochen - mit drastischen Strafen.

Castrop-Rauxel

, 31.10.2019, 23:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war der 13. Oktober: Die Kreisliga-A-Partie zwischen dem FC Castrop-Rauxel bei Rot-Weiß Türkspor (RWT) Herne ging in die 73. Minute. Dann ging alles ganz schnell.

Mehrere Herner stürmen Richtung Linienrichter, laut Augenzeugenberichten soll der Herner Anil Yilmaz den Linienrichter gewürgt und in den Bauch geschlagen haben. Das Spiel wurde abgebrochen, die RWT-Spieler Yilmaz und Senad Lekaj sahen die Rote Karte.

Kreisspruchkammer möchte „deutliche Sperre“ setzen

Die Vorfälle während des Spiels wurden nun am Donnerstagabend (31. Oktober) vor der Kreisspruchkammer im Jugendraum des SV Sodingen verhandelt - ganze 2 1/2 Stunden dauerte die Verhandlung inklusive Urteilsverkündung.

„Wir wollen für den Kreis bzw. den Verband eine deutliche Sperre setzen. Wesentlich zur Entscheidung beigetragen haben die Einschätzung des Schiedsrichters und seines tätlich angegriffenen Linienrichters“, sagte der Kreisspruchkammer-Vorsitzende Heinz Rychlik vor der Verkündung des Urteils.

Ebenso dazu beigetragen hätten die vielen widersprüchlichen Aussagen, die vor allem vonseiten RWT Herne getätigt wurden.

Anil Yilmaz habe den Linienrichter nicht gewürgt

So gab der Spieler Anil Yilmaz nicht zu, dass er den erst 16-jährigen Linienrichter gewürgt habe. „Der Linienrichter hat mich und meinen Teamkollegen mit der Fahne geschubst. Daraufhin hat ein Spieler die Fahne des Assistenten festgehalten. Der hat sich losgerissen und mich mit der Fahne unglücklich getroffen. Daraufhin habe ich ihn an der Schulter gepackt und zu Boden gerissen“, lautete die Aussage des Herner Spielers.

Pech für Yilmaz: Nicht nur der Schiedsrichter sah das Würgen des Linienrichters. Ein Spieler des FC Castrop-Rauxel fertigte eine schriftliche Zeugenaussage, zudem war der Spruchkammer-Beisitzer Wolfgang Baumann ebenfalls vor Ort bei der Partie, weil er auf dem benachbarten Sportplatz das Auswärtsspiel des FC Frohlinde verfolgte.

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Auch Baumann sah, dass der Spieler den Linienrichter nicht nur umriss und sich die Szenerie nicht, wie von einem RWT-Zeugen vorgetragen, nach wenigen Sekunden auflöste, sondern deutlich länger andauerte. Die Aussagen der Herner bewertete Rychlik zum Teil als „einfach und primitiv“, zumal die RWT-Verantwortlichen keine Reue gezeigt hätten - mit Ausnahme des Trainers Serhat Hakan, der ein flammendes Plädoyer hielt. „Ich möchte mich entschuldigen für alles was passiert ist. Die Szenarien gehen mir immer noch durch den Kopf“, sagte der Coach während der Verhandlung.

So lautet das Urteil der Kreisspruchkammer

Die Kreisspruchkammer sprach gleich mehrere Strafen gegen RWT Herne aus:

  • Der Spieler Anil Yilmaz erhält eine Spielsperre von drei Jahren aufgrund des tätlichen Angriffes gegen den Linienrichter. Es wäre sogar eine Sperre nach dem Höchstmaß von acht Jahren möglich gewesen. Der Kreisspruchkammer-Vorsitzende Heinz Rychlik sagte aber: „So eine hohe Strafe haben wir noch nie ausgesprochen.“
  • Der Spieler Senad Lekaj wird für vier Monate gesperrt aufgrund einer Bedrohung des Schiedsrichters. Er soll den Unparteiischen mit den Worten „Ich zeig‘s dir, Gott ist groß, er wird‘s dir zeigen“ bedroht haben.
  • Der Torwart der Herner, Hikmet Öztürk, wurde bis Ende Dezember für sechs Wochen gesperrt, da er eine grobe Unsportlichkeit beging. Der Keeper hatte dem Schiedsrichter vorgeworfen, nur einseitig zu pfeifen und keine Neutralität zu wahren.
  • Der erste Vorsitzende von RWT Herne, Kemal Sari, muss wegen einer Unsportlichkeit gegenüber den Schiedsrichtern eine Geldstrafe von 150 Euro zahlen. Die Schiedsrichtervereinigung Dortmund hatte sogar ein Verbot der Amtsausführung auf bestimmte Zeit gefordert, da Sari nicht auf das Hilfeersuchen des Schiedsrichters reagierte, der die Polizei und einen Krankenwagen vor Ort haben wollte.
  • RWT-Trainer Serhat Hakan erhält einen Verweis, da er zweimal seine Coaching-Zone während der Partie verließ und schließlich, als die Rudelbildung einsetzte, einfach auf das Spielfeld lief.
  • Zudem wird der Verein RWT Herne aufgrund des verursachten Spielabbruchs mit einer Geldstrafe von 300 Euro belegt. Die Partie wird mit 2:0-Toren und drei Punkten zugunsten des FC Castrop-Rauxel gewertet.
  • Rot-Weiß Türkspor muss alle Partien bis zum Saisonende mit einem Schiedsrichter-Gespann bestreiten. Ob RWT Herne dann jeweils die Kosten dafür trägt, war am Donnerstagabend noch offen. Der Kreisliga-A-Staffelleiter Andreas Pelzing wolle diese Angelegenheit schnellstmöglich klären.
Kommentar

Die mutige Aussage

Die Kreisspruchkammer-Sitzung am Donnerstagabend war meine erste Verhandlung, bei der ich vor Ort war. Als Fußballer und als Reporter habe ich so etwas noch nie miterlebt. Und am liebsten hätte ich fast durchgängig nur mit dem Kopf geschüttelt. Man muss sich das mal vorstellen: Ein 16-jähriger Linienrichter wird gewürgt und auch noch am Boden malträtiert und in der Verhandlung wird dann gesagt, das sei nicht so passiert? Ich war selbst nicht vor Ort beim Spiel, doch ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen mit vielen Personen gesprochen, die sogar auf dem Feld standen. Und selbst den Spielern des FC Castrop-Rauxel gehen die Szenen nicht aus dem Kopf. Dass der 16-jährige Linienrichter sogar bei der Verhandlung vor Ort war und eine Aussage tätigte, fand ich sehr mutig! Es bleibt nur zu hoffen, dass die hohen Strafen eine Wirkung zeigen und auch einmal mehr als Abschreckung dienen. So etwas hat auf dem Fußballplatz - nein, eigentlich auch im Alltag - keinen Platz!
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