„Bis zum Scheintod“ – der TTV Hervest und der Stein der Weisen

rnDas Sportporträt

Alte Liebe rostet nicht. Vier Tischtennisspieler bringen über 330 Jahre Erfahrung an die Platte. Doch wer sind die ewig Junggebliebenen des TTV Hervest?

Dorsten

, 17.10.2019, 09:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Noch dürfen wir in der Liga von 40 bis Scheintod spielen“, sagen die Spieler der Ü80-Tischtennismannschaft des TTV Dorsten lachend.

In diesem Team spielen mit Roland Axmann, Jochen Nitsche, Josef Hesping und Josef Frank vier Tischtennis-Verrückte. Die goldene Ehrennadel für die 50-jährige Mitgliedschaft beim Westdeutschen Tischtennis Verband haben sie längst alle. Und gemeinsam bringen sie rund 333 Jahre Spielerfahrung an die Platte. Ans Aufhören denkt noch keiner der ewig Junggebliebenen. Der Vergleich um den Stein der Weisen, der ein ewiges Leben schenkt, hinkt nicht.

Der Senior in der Senioren-Truppe

Roland Axmann ist mit 87 Jahren der Senior in der (Senioren)-Truppe. Seit über 70 Jahren steht er an der Platte, war in der Jugend Handballer und kam mit 17 Jahren nach Langenfeld. Er erinnert sich: „Da gab es keine Handballer, aber in der Kneipe stand eine Tischtennisplatte.“ Da hat er zugeschaut und Spaß daran gefunden. „Egal wo ich später gewohnt und gearbeitet habe, es gab immer einen Verein, in dem ich spielen konnte.“ Seit 2001 wohnt er in Dorsten und spielt seitdem für den TTV Hervest.

Als Nietsche seine erste Meisterschaft gewann, war Deutschland nicht mal Fußball-Weltmeister

Bereits seit 1952 ist Jochen Nitsche (81) Mitglied des Hervester Tischtennisvereins. Damals, das weiß Nitsche auch noch nach all den Jahren, hieß der Verein noch TTV Gewerkschaft Hervest-Dorsten. Nach einer schlimmeren Verletzung konnte der heute 81-Jährige kein Fußball mehr spielen. „Wir haben damals als Jugendliche noch in der alten Holzbaracke von der Zeche gespielt“, erinnert er sich. 1953 gewann er seine erste Jugendmeisterschaft im Einzel und studierte später in Hagen. In dieser Zeit spielte er beim SSV Hagen und wechselte danach für rund acht Jahre zum Hervester Lokalrivalen TSC Dorsten. Erst 1981 folgte die (sportliche) Rückkehr zum TTV. Dort hatte Nitsche neben den eigenen sportlichen Aktivitäten gesellschaftlich aber immer seine Heimat behalten, von 1965 bis 1971 war er gar Vereins-Vorsitzender in Hervest.

„Bis zum Scheintod“ – der TTV Hervest und der Stein der Weisen

Roland Axmann und Jochen Nitsche nutzen an der Platte all ihre Erfahrungen. © Joachim Lücke

Der dritte der Hervester Ü80-Bande ist Josef Hesping (83). Er begann 1958 mit dem Sport. Er kam über den TuS Altstadt in Gelsenkirchen und die DJK Essen Katernberg 1989 nach Dorsten und spielt hier bis heute.

Der Jüngste holt den Kasten

Der Junior im Team ist Josef Frank. Mit seinen 80 Jahren ist er wohl heute noch der Jüngste, der nach dem Training die vier Bier holen muss. Er lernte mit 15 Jahren in einem Essener Lehrlingsheim den Sport kennen. Gespielt wurde in einem engen Kellerraum und Frank sagt in Erinnerung schwelgend: „Da haben wir mit dem Hintern an der Wand gespielt. So eng war das.“ Er spielte später beim Polizeisportverein Gelsenkirchen und trat 1978 dem Verein in Hervest bei.

Alle haben in ihren langen Sportkarrieren viele verschiedene Mannschaften durchlaufen und in unterschiedlichen Klassen von der Kreis- bis in die Bezirksklasse gespielt. Dabei wurden sie zwangsläufig zu aktiven Zeitzeugen der teilweise radikalen Veränderungen in ihrem Sport.

Alles hat sich geändert: Ball, Schläger, Tisch

Junior Frank sagt: „Wir haben viele Jahre mit dem Barna-Schläger gespielt. Das war unsere Universalwaffe mit den Außennoppen und einer Schwammschicht unter dem Belag.“ Die Beläge haben sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert, wurden dichter oder dünner, und die Innennoppen machten das Spiel wesentlich schneller. Aus diesen stetigen Verbesserungen entwickelte sich auch das Topspinspiel. Die Bälle waren zu Anfang noch aus Celluloid mit einem Durchmesser von 38 Millimetern. „Das hat damals eher die Defensivspieler bevorteilt“, erklärt Nietsche.

„Bis zum Scheintod“ – der TTV Hervest und der Stein der Weisen

Josef Hesping und Josef Frank verlieren nie die Konzentration an der Platte. © Joachim Lücke

Vor etwa 15 Jahren kamen dann die 40 Millimeter großen Bälle, mit denen die Angreifer Vorteile hatten, weil sie diese besser kontrollieren konnten. Aktuell wird nur noch mit den modernen Kunststoffbällen gespielt. Auch an den Tischen hat sich vieles verändert, denn zu Anfang spielte man noch auf eher „durchgebogenen“ Holzplatten, die lose auf zwei Ständern lagen. Nach und nach wurden daraus immer besser bespielbare Tische modernster Prägung, an denen heute auch die Beleuchtung mit vorgegebenen Luxzahlen Standard ist. Mit dem Verbot von weißen Trikots, die keinen klaren Kontrast boten, wurde auch bei der Spielbekleidung eine klare Linie gezogen.

„Früher war das echt nur Ping Pong. Da haben wir gerne auch mal zu Hause am Küchentisch mit dem Frühstücksbrett gespielt.“
Roland Axmann, der Senior im Team

„Früher war das echt nur Ping Pong“, blickt Axmann lachend auf seine Anfänge zurück. „Da haben wir gerne auch mal zu Hause am Küchentisch mit dem Frühstücksbrett gespielt.“ Und Frank erklärt: „In den Anfängen ging das einfach hin und her, erst nach und nach haben wir uns an den Topspin gewagt und auch mal einen unterschnittenen Ball gespielt.“ Heute beginnt der Nachwuchs sofort mit Angriff und Blockspiel. Doch eines blieb auch in all den vielen Jahren beim Alten: Mit Angreifer, Abwehrer und Allrounder unterscheidet der Tischtennis immer noch nur zwischen drei Spielertypen. Und dabei gilt auch heute noch die alte Regel: „Wenn der Angreifer keine Fehler macht, kann auch der beste Abwehrer nicht gewinnen.“

Alte Liebe rostet nicht

Doch das ist für die Jungs mittlerweile längst Geschichte. Nach den vielen Jahren ist es ihnen egal, wie schnell der Ball kommt. Sie wissen genau, was zu tun ist. Mit dem Alter kommt die Erfahrung. Und davon haben sie alle vier genug. Sie haben nie die Leidenschaft für ihre alte Liebe, den Sport, verloren, und so hadert Frank immer noch über ein verlorenes Meisterschaftsspiel von vor vier Jahren. Da lag er im fünften Satz mit 10:6 vorne – doch verlor noch. „Bis heute grübele ich, wie das passieren konnte“, sagt er.

Axmann dagegen wundert sich schon lange nicht mehr über manche Spielergebnisse. Er erinnert sich noch gut an ein Spiel, in dem er mit 2:8 zurücklag, am Ende aber als Sieger an der Platte stand. „Manchmal gelingen dir Schläge, die hätte auch ein Timo Boll nicht mehr gekriegt“, erzählt er. „Nur scheitert es dann zu oft an der Wiederholung dieser Schläge“, lacht er.

So lange, wie es der Stein der Weisen ermöglicht.

Ihr Idol früher hieß aber nicht Timo Boll, es waren die deutschen Weltklassespieler Wilfried Lieck, Conny Freudendorfer oder Eberhard Schöller. Deren Klasse haben sie zwar nie erreicht, in einem Punkt sind sie sich aber alle sicher: „Wir spielen heute alle besser als früher.“ Ein Leben ohne Tischtennis kann sich keiner vorstellen. Sie wollen gerne weiter machen und in der Liga gegen gerade mal halb so alte Gegner an die Platte treten – so lange, wie es der Stein der Weisen ermöglicht.

Lesen Sie jetzt