Altersgrenze für Schiris? „Dann müssten wir den Betrieb einstellen!“

Fussball

Für Manuel Gräfe, den besten deutschen Schiedsrichter, soll am Ende dieser Saison Schluss sein. Mit 47 ist er zu alt für die Bundesliga. In der Kreisliga wäre er dagegen herzlich willkommen.

Kreis Recklinghausen

, 28.04.2021, 15:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ohne Schiedsrichter wie ihn geht es im Fußballkreis nicht: Der Dattelner Hans-Georg Bintakies bei der Arbeit.

Ohne Schiedsrichter wie ihn geht es im Fußballkreis nicht: Der Dattelner Hans-Georg Bintakies bei der Arbeit. © Kevin Korte

Diese Personalie lässt auch Harald Wolter, Dienstherr aller Schiedsrichter im Fußballkreis, nicht kalt. Die Rede ist von Spitzenschiedsrichter Manuel Gräfe, der mit Ende der laufenden Saison die Pfeife an den Nagel hängen muss. Der Berliner ist 47 – zu alt für die Bundesliga.

„Dass er nicht mehr pfeifen kann, ist bedauerlich. Für mich ist Gräfe neben Deniz Aytekin einer der besten“, sagt Woller. „Eigentlich erschreckend, dass er zu alt sein soll.“ Nicht nur der Recklinghäuser schätzt Gräfe. Selbst ein beinharter Bundesliga-Verteidiger entpuppt sich als Fan: Der Frankfurter David Abraham tauschte nach seinem letzten Spiel das Trikot mit dem Unparteiischen. Ex-Bayern-Stürmer und TV-Experte Sandro Wagner forderte eine „Sondererlaubnis“: Für ihn könne Gräfe zur Not „auch aus dem Mittelkreis pfeifen“.

Altersgrenze? Im Kreis nicht machbar

Und damit sind wir auch schon im Fußballkreis Recklinghausen, bei den Amateuren und dem Aktionsradius der Schiedrichter an der Basis. Der ist mitunter nicht mehr so groß, wie er es günstiger Weise sein sollte. Geschuldet ist das dem Alter vieler Unparteiischen.

Eine Altersgrenze von 47? Über die kann Schiri-Chef Harald Woller nur schmunzeln. „Altersdiskriminierung“ kann sich der Amateurfußball nicht leisten. „Wenn diese Altersgrenze käme, wäre nix mehr. Wir müssten den Betrieb einstellen.“ Von den rund 230 Referees im Kreis sind mehr als ein Drittel älter. „Wir haben Leute, die sind 75 und sogar einen über 80“, sagt Woller. Es sind diese Routiniers, die den Spielbetrieb in den Kreisligen B und C am Leben erhalten.

Die Alterstruktur der Schiedsrichter im Fußballkreis

(Quelle: Kreisschiedsrichteraussschuss):

  • Unter 21 Jahre: 71 Schiedsrichter
  • 21 - 30 Jahre: 33 Schiedsrichter
  • 31 - 40 Jahre: 18 Schiedsrichter
  • 41 - 50 Jahre: 47 Schiedsrichter
  • 51 - 60 Jahre: 33 Schiedsrichter
  • 61 - 70 Jahre: 22 Schiedsrichter
  • 71 - 80 Jahre: 9 Schiedsrichter
  • Über 80 Jahre: 1 Schiedsrichter

„Ich bin oft auf den Plätzen. Natürlich ist es möglich, auch mit 70 Jahren oder mehr noch gute Leistungen zu bringen“, sagt Harald Woller. Die läuferischen Vorteile der Jungen machten die älteren Unparteiischen mit Erfahrung wieder wett. Was nicht heißt, dass die sich gar nicht bewegen müssten.

Regelmäßig zum Fitnesstest

Neben theoretischen Prüfungen stehen regelmäßig Fitnesstests auf dem Programm. Schiedsrichter jenseits der 70 setzt der Kreis vorzugsweise in den Kreisligen B und C ein ­ - unterhalb der flotteren Kreisliga A. Schiri-Chef: Woller: „Auch in der Kreisliga haben Mannschaften ein Anrecht darauf haben, dass die Schiedsrichter in Spielnähe sind.“

Anders als der Fußballkreis kann es sich der westfälische Fußballverband leisten, Altersgrenzen zu setzen. Für Schiedsrichter von der Landesliga aufwärts gilt daher das, was auch auf Manuel Gräfe zutrifft: Abpfiff mit 47. In der Bezirksliga liegt die Grenze bei 55 Jahren. Ein System, das Harald Woller im Prinzip unterstützt. Je höher es geht, desto weniger Schiedsrichter werden benötigt. „Da ist es wichtig, dass Plätze frei werden für junge Schiedsrichter, die nach oben wollen.“

Altersgrenze wegen Corona ausgesetzt

In diesem Jahr macht der Verband eine Ausnahme. Hintergrund ist der lange Lockdown für den Amateurfußball. Für die Saison 2021/22 wird die Altersgrenze ausgesetzt. Davon profitieren auch Referees aus dem Kreis.

Sechs von 20, die in der Bezirksliga pfeifen, haben die Altersgrenze von 55 erreicht, dürfen nun aber noch eine Saison weitermachen. Um sich vernünftig aus dem überkreislichen Fußball zu verabschieden. Manuel Gräfe hilft das nicht: Der DFB hat angekündigt, für ihn kein Auge zuzudrücken.

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