Pio macht auf der Hardt im Sommer Schluss

Das Sportporträt

Gerd Pietrowski ist Fußballer aus Leidenschaft. Als Spieler hat er gefühlte 1000 Ligaspiele auf dem Buckel, als Trainer macht der 54-Jährige in dieser Saison die zehn Dienstjahre voll. Doch wenn am 29. Mai das letzte Saisonspiel gespielt ist, ist für „Pio“ Schluss. Endgültig. Sagt er.

HARDT

von Von Horst Lehr

, 06.04.2016, 17:29 Uhr / Lesedauer: 3 min
Pio macht auf der Hardt im Sommer Schluss

Trainer und Freund zugleich: Gerd „Pio“ Pietrowski (M.) im Kreise seiner Spieler.

Angefangen hat er mit dem Fußballspielen einst auf der Straße. „Damals gab es bei uns nur drei Möglichkeiten: Fußball, Fanfaren oder Feuerwehr“, erinnert er sich. Er entschied sich für Fußball und trat mit 10 Jahren bei SuS Hervest-Dorsten ein. Zunächst war er in der Knabenmannschaft am Ball, danach bei den Schülern, der B- und A-Jugend und freute sich dann in der Saison 1979/80 über die Aufnahme in der Seniorenmannschaft.

Seine erste Meisterschaft im Verein blieb ihm wegen der Prämie bis heute in besonderer Erinnerung. Der damalige Knabentrainer Hansi Fogler zahlte gerne die ausgelobte Meisterschaftsprämie: ein Würstchen mit Kartoffelsalat und eine Cola für jeden Spieler.

Quirliger Spielertyp

Mit 1,70 Meter Körpergröße zählte Pietrowski eher zu den kleineren, quirligen Spielertypen. Ausgestattet mit guter Schusskraft und einem kraftvollen Kopfballspiel war der schnelle Linksaußen bis 1983 mit seinem Verein in der Bezirksklasse aktiv. 1984, nach der Bundeswehrzeit, wechselte er zum SV Dorsten-Hardt.

Dort war seinem neuen Vereinstrainer Ernst Paul allerdings sein Name zu lang und er sagte beim Training: „Der Kleine dort, der Pio, kommt in die 1. Mannschaft.“ Und fortan wurde Pietrowski von allen im Verein nur noch „Pio“ genannt.

In dieser Saison hatte die Mannschaft einen absoluten Lauf, schaffte den Aufstieg von der Kreis in die Bezirksliga und erzielte 101 Tore. Pio schoss als Ersatzspieler 13 davon. Er spielte danach noch fünf Jahre in der Ersten, wechselte dann in die Zweite und spielte auch noch einige Jahre bei den Alten Herren.

Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Spiel im Abstiegskampf in Zweckel. Er laborierte schon seit einiger Zeit an einer Fußverletzung, als ihn der Trainer am Vorabend des Spiels fragte: „Pio, kannst du spielen?“ - „Wenn ich in den Schuh komme, ja“, antwortete er spontan. Der Schuh passte, der SV Hardt gewann 4:1, Pio traf dreimal und hatte danach keine Schmerzen mehr.

Ohne Trainerausbildung

Seine Trainerkarriere begann 2003. Als der SV Hardt eine dritte Mannschaft gründete und einen Trainer suchte, sagte Pietrowski: „Ich mache das gerne.“ Er begann ohne Trainerausbildung, baute allein auf die Erfahrung aus seiner aktiven Zeit. Trotzdem oder gerade deswegen stellte er von Anfang an klar: „Wir sind keine Thekenmannschaft, ein ordentliches Training muss sein.“ Auch Konditionstraining war für ihn unverzichtbar, denn er war überzeugt: „Wer die beste Luft hat, kann in den letzten zehn Minuten noch jedes Spiel gewinnen.“ Und er war sich sicher: „Die Kameradschaft kommt dann von alleine.“

Die Spieler der Dritten waren immer mit großer Leidenschaft bei der Sache und Trainer Pio wollte natürlich auch gerne gewinnen. Allerdings herrschte im Kader ein ständiger Wechsel. Pio hatte zwar im Training immer genug Leute auf dem Platz, wusste aber oft am Samstagabend noch nicht, mit wem er am anderen Morgen spielen konnte. Auch deswegen war seine Personalmappe mit den Spielerpässen bis heute immer die dickste im Verein.

Notfalls zu neunt

Er ließ sich aber auch durch kurzfristige Absagen nie vom Spielbetrieb abhalten. Seine Devise war einfach: „Gespielt wird immer, auch wenn wir nur mit neun Mann auf dem Platz stehen.“ So kam es auch zur bisher höchsten Niederlage. Pietrowski erinnert sich noch gut an einen grauen Sonntagmorgen im Winter. Die Hardter waren zu neunt angereist, dazu noch ohne gelernten Torwart. „Jeder Schuss des Gegners war ein Treffer“, sieht Pio das Spiel noch klar vor Augen. Nach dem 0:18 half später im Vereinsheim nur noch das gegenseitige Beweinen.

Magere fünf Punkte

In seiner ersten Saison holte Pios Mannschaft magere fünf Punkte und in der folgenden auch nicht viel mehr. Dafür gelang ihr ein Sensationssieg gegen den damaligen Tabellenführer. Bei der anschließenden Feier wurde das Clubheim irgendwann zu klein.

Zur Förderung der Kameradschaft und der Mannschaftsdisziplin führte Gerd Pietrowski auch einen Strafenkatalog ein. Da kam es dann schon mal vor, dass ein Spieler in der Kabine ein Gedicht aufsagen musste. Durch solche psychologischen Eingriffe erlebte Pio oft eine wundersame Selbstdisziplinierung in der Mannschaft.

19. und 30. Geburtstage

„Als Trainer musst du selbst gespielt haben“, erklärt er, warum er sich in seine Spieler offenbar so gut hinein versetzen kann. Für viele seiner Schützlinge war und ist Pio auch eine Vertrauensperson, mit manchen feierte er den 19. und den 30. Geburtstag. „Unser Trainer hat das Herz am rechten Fleck“, sagt denn auch Timo Glaser, einer der erfahrenen Akteure in der Mannschaft, und bringt damit die Meinung der Spieler auf den Punkt.

Als der SV Dorsten-Hardt nach dem Auseinanderbrechen seiner zweiten Mannschaft 2012 einen Mann für den Neuaufbau brauchte, war Pio deshalb genau der Richtige. „Im Verein gab es nie einen Konkurrenzkampf um meinen Trainerjob“, sagt er lachend. 2012 schon gar nicht. Doch Pio sammelte die alten Weggefährten aus der Dritten und bildete aus ihnen und den Überbleibseln der Zweiten eine neue, funktionierende Mannschaft.

Planung ist Glückssache

Die stellt ihn aber auch vor die altbekannten Geduldsproben. „Die Saisonplanung ist immer wieder ein neues Glücksspiel“, weiß er. Aktuell stellt die Mannschaft zwar den zweitbesten Sturm und die zweitbeste Abwehr der Kreisliga C 2 RE. Trotzdem steht sie nur auf Platz vier. „Die entscheidenden Spiele gehen halt manchmal noch verloren“, sagt der Trainer.

Aber den Aufstieg in die B-Liga sollen andere versuchen. Für Gerd Pietrowski steht fest: „Am Saisonende ist Schluss.“ Dem SV Dorsten-Hardt wird er aber treu bleiben: „Ich bin dann zehn Jahre vor der Rente, aber immer noch auf dem Platz.“

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