Ärger über Wickeder Torjubel: Kirchhördes Mielers ist erschrocken

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Wie sehr darf man ein Tor im Derby feiern, wenn der Gegner dadurch womöglich absteigt? „Ich war erschrocken, was da abgegangen ist“, sagt Kirchhördes Jörg Mielers nach dem 1:1 in Wickede.

Dortmund

, 06.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Seinen 67. Geburtstag hat Lothar Huber am Sonntagabend im Kreise seiner Familie gefeiert. Er habe sie zum Essen eingeladen, sagte der Trainer des Kirchhörder SC. Man saß beisammen, unterhielt sich nett. Alles in entspannter Atmosphäre. Die aufreibenden 90 Minuten vom Nachmittag, als der KSC im Westfalenliga-Derby bei Westfalia Wickede nur 1:1 gespielt hatte, waren da längst vergessen, auch wenn sie Huber durchaus aufgewühlt hatten.

„In unserer Situation muss man sagen, dass ein Punkt einfach zu wenig ist“, meinte Huber am Tag danach. Weil der FC Lennestadt bei der DJK TuS Hordel mit 3:2 gewann und nun 23 Punkte aufweist und auch Schüren (24) gegen Iserlohn mit 4:2 die Oberhand behielt, beträgt der Rückstand auf den Relegationsplatz mittlerweile stolze sechs Zähler.

Doch es waren nicht allein die verlorenen zwei Punkte, die beim Trainer und einigen anderen Kirchhördern einen „faden Beigeschmack“ (Huber) hinterlassen hatten. Vielmehr sorgte der euphorische Jubel der Wickeder über den späten Ausgleich für einige Verwunderung aufseiten des KSC. Zumal diese durch das Remis bei nur noch drei ausstehenden Spielen so gut wie abgestiegen sind.

Huber: „Jubel wie beim Oberliga-Aufstieg“

Ismail Icen hatte in der 89. Spielminute zum 1:1 getroffen. Er zog sich das Trikot aus, ließ es einmal durch die Luft segeln und drehte jubelnd ab. „So wie sie gefeiert haben, konnte man ja meinen, sie wären gerade in die Oberliga aufgestiegen“, sagte Huber. Jörg Mielers, Sportlicher Leiter des KSC, erklärte: „Ich war erschrocken darüber, was da abgegangen ist. Und dann wird auch noch dreimal durchgesagt, dass Wickede nun zehn Jahre Westfalenliga feiert.“

„Wir haben uns einfach über das 1:1 gefreut, weil uns die Kirchhörder Bank nach dem 1:0 oft provoziert hat.“
Marcel Großkreutz

Nach dem Trikotausziehen folgten weitere Gesten in Richtung KSC-Bank. Das zuvor „friedlichste Derby aller Zeiten“ (Wickedes Trainer Alexander Gocke) erhitzte plötzlich die Gemüter. Es wurde emotional. Hitzig. Aufgeladen. „Wir haben uns einfach über das 1:1 gefreut, weil uns die Kirchhörder Bank nach dem 1:0 oft provoziert hat“, sagte Westfalia-Innenverteidiger Marcel Großkreutz und fügte noch an: „Emotionen halt“.

Durch einige strittige Schiedsrichter-Entscheidungen sei die Stimmung in der zweiten Halbzeit hochgekocht, erklärte Wickedes Kapitän Anil Konya. „Es kam zu einigen Provokationen, auf die wir Spieler nicht hätten eingehen sollen.“ Auch Westfalia-Trainer Gocke bestätigte die verbalen Attacken, sagte aber auch, er habe durchaus „Verständnis für die Sichtweise von Kirchhörde“.

Gocke: „Wollten unbedingt unser Heimspiel gewinnen“

„Das kann von außen schon so ausgesehen haben, wie sie es beschreiben, aber die Freude über das 1:1 hatte nichts mit dem KSC zu tun“, sagte Gocke. „Wir haben nicht gejubelt, weil wir Kirchhörde einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, sondern weil wir unbedingt mal wieder ein Heimspiel gewinnen wollten.“ Ähnlich äußerte sich Anil Konya, „daher finde ich auch berechtigt, Tore in einem Derby zu feiern“, meinte der Kapitän.

Ärger über Wickeder Torjubel: Kirchhördes Mielers ist erschrocken

Es gab viel zu besprechen: Wickedes Anil Konya (r.) und Mustafa Yüksel vom KSC. © Nils Foltynowicz

Sascha Rammel, Co-Trainer und Spieler des KSC, beantwortete die Frage, ob man sich denn nun so ausgelassen über ein Tor freuen dürfe, wenn der Gegner am Boden liege wie Kirchhörde, sogar mit einem vorsichtigen Ja. „Das ist ein Derby, da kochen die Emotionen schon mal hoch, und es gab eben Provokationen von beiden Seiten.“

Kritik übte er allerdings am Verhalten nach dem Abpfiff. „Da erwarte ich gerade von Anil als Kapitän der Westfalia, dass man nach dem Spiel respektvoll miteinander umgeht und er sich nicht auch noch als Anführer bei diesen Dingen aufschwingt. Da muss man sich ein bisschen im Zaum halten.“

Wazian trifft aus stark abseitsverdächtiger Position

KSC-Stürmer Christian Wazian, der in der 55. Minute das 1:0 aus stark abseitsverdächtiger Position erzielt hatte und zum Zeitpunkt des Ausgleichtreffers bereits auf der Bank saß, wollte die Reaktionen nach dem 1:1 seinerseits nicht überbewerten. „Wohl jeder freut sich darüber, in einem Derby ein Tor zu machen. Inwieweit der Jubel jetzt so ausfallen muss, muss allerdings jeder Spieler selbst entscheiden.“

„Ich bin Wickede gar nicht böse. Wir sind für unsere Situation am Ende selbst verantwortlich.“
Lothar Huber

So sah es auch Lothar Huber. „Emotionen gehören zu so einem Spiel“, sagte der Trainer des Kirchhörder SC. „Und dass Wickede auf den Ausgleich spielt, ist aus sportlicher Sicht das einzig Richtige. Daher bin ich ihnen auch gar nicht böse. Wir sind für unsere Situation am Ende selbst verantwortlich.

Ismail Icen bekam die Konsequenz seines Torjubels übrigens noch unmittelbar auf dem Platz zu spüren. Für das Ausziehen seines Trikots sah er zunächst die Gelbe Karte. Für die anschließenden Gesten in Richtung Kirchhörder Bank dann Gelb-Rot. Marcel Großkreutz gefiel das nicht und suchte den Dialog mit dem Unparteiischen - und musste ebenfalls vorzeitig zum Duschen.

Drei Platzvereise und ein „fader Beigeschmack“

Laut Schiedsrichterbericht habe der 33-Jährige gesagt: „Du bist arrogant und ein Witz!“ Großkreutz selbst erklärte am Montag: „Ich habe lediglich gesagt: ‚Wie kann man so arrogant sein?‘ Dass der Schiedsrichter dann sowas schreibt, kann ich nicht verstehen, weil er wahrscheinlich nach dem Spiel selber gemerkt hat, dass es dafür eigentlich für Rot zu wenig war...“

So endete die Partie mit drei Platzverweisen - Kirchhördes Michael Sievers hatte nach einem Foulspiel die Rote Karte gesehen -, dem „faden Beigeschmack“, wie Lothar Huber es formulierte, und der Einsicht, dass die Chancen auf den Klassenerhalt aus Kirchhörder Sicht auf ein Minimum geschrumpft sind.

So ganz aufgegeben haben sie sich beim KSC aber trotzdem noch nicht. „Wenn wir noch dreimal gewinnen, springen wir noch auf den Relegationsplatz“, ist Rammel überzeugt. „Auch wenn es abgedroschen klingt, aber: Im Fußball ist alles möglich“, sagt Wazian.

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