„Corona-Fälle im Amateursport können sich schnell auf die gesamte Gesellschaft auswirken“

rnInfektiologe

Für die Amateursportler scheint die Corona-Saison ein heißer Ritt zu werden. Wir haben mit einem Infektiologen über Ansteckungs-Risiko, Symbolpolitik und die Chancen zur Fortführung der Saisons gesprochen.

Dortmund

, 16.10.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen klettert wieder hoch. Im Kreis Unna wurde am vergangenen Donnerstag (8.10.) der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gerissen. Der Fußballkreis in Unna reagierte und sagte den Spieltag ab. Mittlerweile sind in fast allen Ruhrgebietsstädten und Kreisen die Grenzwerte überschritten.

Drohen den Lokalsportlern in der Region noch häufiger die Absagen gesamter Spieltage? Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko im Sport? Und müssen die Saisons abgebrochen werden? Das haben wir den leitenden Oberarzt des Klinikums Westfalen Dr. Simon Larrosa-Lombardi im Interview gefragt. Der Mediziner ist unter anderem Facharzt für Infektiologie.

Herr Larrosa-Lombardi, der politische Kreis Unna hat den Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner am vergangenen Donnerstag überschritten. Am Freitag sagte der Fußballkreis den Spieltag ab. Ist das sinnvoll oder Symbolpolitik?

Wenn die Zahlen so deutlich steigen, muss man sicherlich reagieren. Ziel ist es, die Zahl an Menschen bei Zusammenkünften so reduzieren, dass es weniger Kontakte gibt und das Infektionsrisiko deshalb kleiner ist. Das ist auch sinnvoll. Denn wenn die Fallzahlen so schnell steigen, wird es auch schwieriger mit der Nachverfolgbarkeit. Und das will man ja gerade vermeiden. Das trifft nicht nur den Fußball, sondern alle Lebensbereiche.

Bei Fußball sind Spieler und Zuschauer draußen, es ist relativ viel Platz auf den Anlagen. Wie hoch ist das Risiko, sich anzustecken?

Allgemein ist es sicherlich so, dass das Ansteckungsrisiko im Freien geringer ist, als in Innenräumen. Geringer heißt natürlich nicht, dass es nicht da ist.

Für die Zuschauer ist das Nadelöhr immer der Ein- und Ausgang. Wird die Zuschauerzahl reduziert, ist auch der Zu- und Abfluss leichter zu kontrollieren und am Eingang gibt es weniger Kontakte. Wenn man um den Platz steht und um einen herum ist viel Platz, ist die Gefahr natürlich relativ gering.

Zu den Spielern: Ich kann mir kein Spiel vorstellen, in dem man nicht mit seinem Gegner in direktem Kontakt ist. Die Sportler schwitzen, atmen stärker, rufen über den Platz und spucken auch mal aus. Da werden Tröpfchen freigesetzt. Nach allem, was wir wissen, ist ein Ansteckungsrisiko zumindest nicht auszuschließen.

Prof. Dr. Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB und der Uefa, hat in einem Interview gesagt: Für ihn sei es sehr unwahrscheinlich, dass sich aktive Spielerinnen und Spieler auf dem Platz selbst mit dem Virus anstecken können. Was sagen Sie zu dieser Aussage?

Das muss man differenzierter betrachten. Wenn er Profispieler meint, ist das natürlich etwas ganz anderes. Die Bundesliga hat ein sehr strenges Hygienekonzept aufgestellt. Die Spieler wurden quasi unter Quarantäne gestellt und mehrmals die Woche getestet.

Jeder der positiv war, wurde sofort herausfischt. Dann ist das Risiko natürlich sehr, sehr gering und man kann gefahrlos spielen. Das Risiko ist für den Amateursportler in der Kreisliga auf jeden Fall höher. Er ist nicht in Quarantäne, er hat noch sein Leben außerhalb des Sports und er wird auch nicht so oft getestet.

Das Risiko ist geringer als in der Halle, aber ob es wirklich gleich Null ist, lässt sich nicht abschließend bewerten. Sichere Fakten haben wir dazu nicht. So kontrollierte Bedingungen wie in der Bundesliga gibt es schlichtweg nicht.

Ist Hallensport mit Zuschauern angesichts der steigenden Zahlen denn überhaupt noch möglich?

Es ist sicherlich wesentlich schwieriger als im Freien. Da muss man sich sehr, sehr genau anschauen: Wie ist das Hygiene-Konzept? Wie groß ist die Halle? Wie ist das Lüftungskonzept? Wie ist die Abluft? Lassen sich Türen und Dachfenster öffnen?

Da wird man sehr genau schauen müssen: Sind es nur die Mannschaften, die man einem kontrollierten Risiko aussetzt oder dürfen womöglich auch noch ein paar Zuschauer hinein?

Jetzt lesen

Welche Rolle spielt das Infektionsgeschehen vor Ort?

Ist das Spiel in einer Region oder in einem Kreis, wo fast keine Infektionen sind, wird man sich sicherlich leichter tun, Zuschauer zuzulassen, als in einem Kreis, in dem die Infektionszahlen massiv steigen. Das muss immer sehr kurzfristig und lokal anhand der Zahlen in der Region oder im Kreis entschieden werden.

Die Gesundheitsämter schauen sich das Geschehen differenziert an. Sie blicken ja nicht nur auf die Zahlen, sondern ermitteln, welche Gründe es für Ausbrüche gibt. Ob Infektionen breit in der Bevölkerung gestreut sind, oder ob es punktuelle Ereignisse gibt, die die Zahlen in die Höhe treiben. Die Gesundheitsämter tragen die unterschiedlichen Fakten zusammen und ziehen ihre Schlüsse daraus.

Abgesehen von der Zuschauerzahl, welche Maßnahmen muss der Sport noch ergreifen, um ein Ansteckungsrisiko möglichst gering zu halten?

Man sollte so gut es geht, sicher sein, dass die Sportler gesund sind. Es sollte niemanden zum Training gehen, der erkältet ist. Ansonsten gilt: Maskenpflicht, Abstandsregelung und je mehr Menschen, desto höher das Risiko.

Jetzt geht es auf den Winter zu und die Zahlen steigen wieder. Inwiefern gibt es da einen Zusammenhang?

Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Die Schleimhäute werden empfindlicher, wenn die Luft kalt ist und die Luftfeuchtigkeit hoch. Da steigt automatisch das Risiko für die Übertragung von Erkältungskrankheiten.

Wir kennen ja schon andere Coronaviren, die Erkältungskrankheiten auslösen. Die haben es, wenn es kalt ist, einfach leichter. Außerdem spielt sich, wenn es kälter wird, weniger im Freien ab und mehr in Räumen, wo das Risiko höher ist.

Jetzt lesen

Nehmen wir mal an, die Zahlen steigen weiter. Können die Saisons dann weiter gespielt werden oder müssen sie abgebrochen werden? Was empfehlen Sie?

Da muss man abwägen, wie hoch das Risiko ist und wie sehr die allgemeine Bevölkerung gefährdet wird. Gerade im Amateursport ist das eine Frage, die man sich stellen muss. Spieler haben Familien, Spieler haben einen Beruf. Dass sich das Virus in verschiedenen Bereichen ausbreitet, versuchen wir ja gerade zu verhindern. Corona-Fälle im Amateursport können sich schnell auf die gesamte Gesellschaft auswirken.

Natürlich ist im Profi-Sport die gesamtgesellschaftliche Auswirkung aber auch hoch, wenn ich ein volles Stadion habe.

Jetzt lesen

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt