Auch wenn erst vier Spiele gespielt sind: Die Eisadler befinden sich in einem ungeahnten Höhenflug. Selbst der Aufstieg scheint möglich. Doch der große Gegner kommt nicht aus dem Eishockey.

Dortmund

, 07.11.2018, 19:55 Uhr / Lesedauer: 6 min

Vier Spiele, vier Siege – die Eisadler haben den perfekten Saisonstart in der Landesliga NRW hingelegt und präsentieren sich in Topform – allen voran der Paradesturm um Patric Schnieder (zehn Saisontore), Kapitän Malte Bergstermann und Constantin Wichern. Doch so schön der aktuelle Erfolg auch ist, der Verein denkt langfristig. Thomas Schulzke und Oliver Brand sprachen mit den Vorsitzenden Bernd Schnieder und Klaus Siebel sowie Sprecher Thorsten Braun und Bergstermann.

Herr Schnieder, viel besser hätte der Start nicht laufen können, oder?

Schnieder: Das kann man so sagen. Aber man hat schon in der Vorbereitung gesehen, dass in der Mannschaft Potenzial steckt. Unsere erste Reihe kombiniert unglaublich gut. Auch die anderen Reihen agieren enorm stark. Da wird zu keinem Zeitpunkt aufgegeben oder aufgesteckt. Die Mannschaft will einfach immer gewinnen. Das ist einfach ihr Charakter.

Wie schwierig war der Umbruch vor der Saison?

Schnieder: Im vergangenen Jahr mussten wir nach dem Abstieg in die Landesliga relativ schnell eine Mannschaft zusammenwürfeln. Das war nicht einfach, aber das Team hat sich auch da schon gefunden und wir hätten sicherlich mehr Spiele gewinnen können. Nur war irgendwie der Wurm drin, der Zusammenhalt war nicht so gegeben. In dieser Saison ist das anders.

Darum haben es das Eishockey und die Eisadler in Dortmund so schwer

Die treuen Fans der Eisadler Dortmund. © Schütze

Wie stellt sich das dar?

Schnieder: Wir haben gute Spieler dazubekommen, die uns weiterhelfen. Wir stellen jetzt fest, dass eine gewisse Tiefe im Kader auch zu einer besseren Moral innerhalb des Teams führt. Zumal wir in dieser Saison fast immer mit drei kompletten Reihen spielen können. Dazu kommt, dass wir verstärkt Spieler aus dem Nachwuchs hochziehen.

„Bislang haben wir, das muss man ehrlich zugeben, auch noch nicht gegen die ganz starken Gegner gespielt.“

Wie bewertet die Mannschaft die ersten Spiele?

Bergstermann: Der Start war sehr gut. Aber bislang haben wir, das muss man ehrlich zugeben, auch noch nicht gegen die ganz starken Gegner gespielt. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass wir nur schwer zu schlagen sind, wenn wir komplett sind. Das Problem ist: Wir sind nicht immer komplett, weil viele unserer Spieler berufstätig sind. Wenn drei, vier richtig gute Spieler fehlen und andere keinen guten Tag haben, wird es eng.

Was sind die Gründe für den guten Start?

Bergstermann: Wir spielen einfach kompakter und sind in der Breite besser aufgestellt als noch in der Vorsaison. Wir setzen viel besser um, was der Trainer vorgibt, halten uns an den Spielplan. Das sind zum Teil Kleinigkeiten, die aber viel, viel besser umgesetzt werden.

Darum haben es das Eishockey und die Eisadler in Dortmund so schwer

Tor für die Eisadler! Tim Linke jubelt über den vierten Sieg im vierten Spiel. © Schütze

Wenn man die Jugend einbeziehen möchte und gleichzeitig erfolgreich sein will – wie viele junge Spieler lassen sich da überhaupt einbauen?

Schnieder: In Ben Niklas Elten und Alessandro Di Benedetto kommen derzeit regelmäßig zwei Spieler zum Einsatz, wenn Lucas Kleinschmidt wieder dabei ist, sind es sogar drei.

Siebel: Wir brauchen natürlich auch erfahrene Spieler, die die jungen führen. Der reine Jugendspieler bei uns aus der U20 ist sicherlich noch nicht so weit, Führungsaufgaben zu übernehmen.

Wie gut ist die Nachwuchsarbeit bei den Eisadlern?

Siebel: Wir haben alle Altersklassen besetzt, bis auf die ganz Kleinen zwischen vier und sechs Jahren. Da sehen wir einfach noch nicht den Sinn, diese Kinder in Ausrüstungen zu stecken und irgendwo Eishockey spielen zu lassen. Der Verband möchte das gerne. Aber Kinder aus der U7 schauen mehr zu den Eltern auf der Tribüne, als dass sie auf dem Eis aktiv sind. Ansonsten spielen alle Teams in den für sie höchst möglichen Ligen in NRW.

„Eltern müssen mit 300 bis 400 Euro pro Ausrüstung rechnen, plus die Fahrtkosten.“

Wie schwierig ist es, Talente zu finden?

Siebels: Es ist nicht leicht. Das Entscheidende sind die Trainingszeit und die Ausrüstung. Eishockey ist kein günstiger Sport. Die Eltern müssen mit 300 bis 400 Euro pro Ausrüstung rechnen, plus die Fahrtkosten.

Damit kommen Sie bei der ersten Mannschaft wohl eher nicht hin …

Schnieder: Allein gute Schlittschuhe kosten schon 800 bis 1000 Euro. Dazu kommt die Ausrüstung mit Helm, Hose, Handschuhe, Schien- und Ellbogenschoner – da kann man im Schnitt nochmal 600 Euro rechnen.

Bergstermann: Den höchsten Verschleiß haben wir bei den Schlägern …

Schnieder: Und ein guter Schläger kostet auch mehr als 300 Euro.

Darum haben es das Eishockey und die Eisadler in Dortmund so schwer

Thorsten Braun, Bernd Schnieder, Klaus Siebel und Malte Bergstermann von den Eisadlern. © Schütze

Abseits des Fußballs rennen einem die Sponsoren nicht gerade die Tür ein. Wie lässt sich das alles finanzieren?

Schnieder: Es ist schwierig, den Finanzierungsplan jedes Jahr auf die Beine zu stellen. Wir setzen schon alle Hebel in Bewegung, um Sponsoren anzusprechen. Dieses Jahr hat es ganz gut funktioniert. Im vergangenen haben wir allerdings zwei große Sponsoren verloren. Das allein waren 23.000 Euro, die uns gefehlt haben. Mittlerweile haben wir aber neue Sponsoren gefunden, mit denen wir einen Teil wieder auffangen konnten. Deshalb ist es auch so wichtig für uns, dass die erste Mannschaft gut spielt. Das führt zu mehr Zuschauern, die die Einnahmen steigen lassen und so den Verein und den Nachwuchs finanzieren.

Wie hoch ist der Etat derzeit?

Siebel: Wie liegen ungefähr bei 100.000 Euro.

Schnieder: An Mitgliederbeiträgen können wir knapp 40.000 Euro einplanen. Alles andere müssen wir zusätzlich erwirtschaften. Nicht allein durch Sponsoren, wir stellen ja auch Zuschussanträge. Zudem gibt es einen Fanshop. Gastronomie. Und ganz wichtig: die Zuschauereinnahmen.

Wie ist die Entwicklung in diesem Bereich?

Schnieder: Zuletzt waren mehr als 200 Zuschauer da. Das hat es so lange nicht gegeben. Aber man sieht: Wenn die Mannschaft gut spielt und die Fans mitreißt, kommen diese auch. Wir haben in Dortmund das Problem, dass hier in der Vergangenheit im Eissport bereits drei Konkurse hingelegt worden sind. Das wieder aufzubauen, ist sehr anstrengend. Das kann nur Schritt für Schritt gehen.

Herr Schnieder, Sie waren in Iserlohn tätig. Was war für Sie so spannend, die Aufgabe in Dortmund anzunehmen?

Schnieder: So spannend war es eigentlich gar nicht. (lacht)

Aber irgendetwas muss Sie doch gereizt haben …

Schnieder: Als ich damals erfahren habe, dass hier der komplette Vorstand zurückgetreten ist, habe ich mich mit Klaus Siebel zusammengesetzt. Und wir haben gesagt: Es muss in Dortmund einfach weitergehen. Aus den eigenen Reihen hat sich niemand gefunden, der das Amt des ersten oder zweiten Vorsitzenden sowie des Schatzmeisters übernommen hätte. Zum Schluss wäre also nur noch der Gang zum Amtsrichter notwendig gewesen.

Was zur Folge gehabt hätte…

Schnieder: …, dass die Kinder auf der Straße gestanden hätten. Das war der springende Punkt. Deshalb habe ich gesagt: Ich helfe nochmal ein, zwei Jahre mit, den Verein neu aufzustellen.

„Das ist das Ziel: dass wir in vier oder fünf Jahren in der Regionalliga spielen.“

Können Sie sich auch vorstellen, länger zu bleiben?

Schnieder: Sehr gut sogar, und ich werde mich wie Klaus Siebel für zwei weitere Jahre zur Wahl stellen. Dann bin ich 72, dann sollte es gut sein.

Die Planungen gehen dennoch darüber hinaus …

Schnieder: Man kann einen Verein nicht kurzfristig führen und dann sagen: Jetzt läuft es einigermaßen und tschüss. Man muss an die Spieler denken, jedes Jahr neue dazu holen, bis man es irgendwann mal schafft, in der Regionalliga zu spielen. Das ist das Ziel: dass wir in vier oder fünf Jahren in der Regionalliga spielen.

Und in dieser Saison?

Schnieder: Wir wollen unter die ersten Vier kommen. Das berechtigt uns an der Aufstiegsrunde zur Regionalliga.

Dieses Video-Interview mit Malte Bergstermann haben wir vor dem vierten Spieltag geführt:

Wie sehen das die Spieler?

Bergstermann: Als Spieler will man immer das Maximum. Es gibt viele junge Spieler, die klar geäußert haben, mal in der Regionalliga spielen zu wollen. Die älteren haben das teilweise schon hinter sich. Aber natürlich ist der Reiz da, auch dort zu spielen, wo man am meisten gefordert wird.

Ist ein Aufstieg schon in diesem Jahr realistisch?

Bergstermann: Er ist zumindest möglich. Aber wir wissen noch gar nicht, wo wir mit dem Kader wirklich stehen. Es kann Verletzungen geben oder berufliche Veränderungen. Wenn allerdings alles so läuft wie bisher, dann können wir schon oben mitspielen.

Herr Siebel, gäbe es Eishockey in Dortmund noch, wenn Herr Schnieder damals nicht gekommen wäre?

Siebel: Es wäre sehr, sehr schwer geworden, jemanden zu finden. Gerade aus den eigenen Reihen. Alle haben immer riesen Vorschläge, aber die Verantwortung will am Ende niemand tragen. Und es ist eine riesige Verantwortung, vor allem, wenn man etwas übernimmt, das relativ chaotisch war. Wenn sich Bernd Schnieder nicht bereit erklärt hätte, hätte wahrscheinlich niemand diesen Verein übernommen und der Sport in Dortmund wäre irgendwann tot gewesen.

Was haben die Sponsoren, mit denen Sie sprechen, im Hinterkopf: Die Vergangenheit oder den neuen Klub?

Schnieder: In erster Linie die ganzen Insolvenzen. Deswegen wird es wohl noch ein, zwei Jahre dauern, bis potenzielle Sponsoren sehen, dass wir hier etwas Neues aufbauen wollen. Die meisten haben gesagt: „Spielen Sie erstmal Regionalliga, dann werden wir Sie auch unterstützen.“ Aber wir brauchen jetzt die Unterstützung. Damit wir irgendwann in die Regionalliga wieder reinkommen.

Braun: Das war eben auch ein Grund dafür, mit den Eisadlern einen Verein mit neuen Farben zu installieren. Und nicht wieder den Schritt von ERC zu EHC und jetzt womöglich noch zu ESC Dortmund zu machen.

„Insgesamt sind die Eisadler und die Farben ganz gut angenommen worden. Man merkt den Aufbruch.“

Gibt es da Widerstand?

Braun: Natürlich hört man gerade von früheren Fans oft: „Blau-weiß-rot, das sind unsere Farben.“ Da hängen wir vielleicht noch ein bisschen hinterher. Aber insgesamt sind die Eisadler und die Farben ganz gut angenommen worden. Man merkt den Aufbruch.

Herr Bergstermann, haben Sie das Gefühl, hier entsteht gerade was?

Bergstermann: Ich weiß, dass hier im Hintergrund ewige Kämpfer tätig sind. Auch bei den Fans. Es gibt viele Gesichter, die man im Laufe der Zeit kennengelernt hat. Das ist ein harter Kern und wohl einmalig in der Region und in der Liga, aber….

Aber?

Bergstermann: Das große Problem bleiben aus meiner Sicht die Sponsoren. Der ewige Gegner ist eben der BVB, bei dem man als kleiner Sponsor lieber unten rechts auf der Tafel steht und kaum noch zu lesen ist, als bei uns Hauptsponsor zu sein.

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