Auf professioneller Ebene im Fußball zählt die taktische Disziplin als wichtigste Komponente. Doch auch im Amateurfußball wird immer weniger dem Zufall überlassen.

von Moritz Lerch

Dortmund

, 27.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Taktische Disziplin ist für den Erfolg im Profifußball unumgänglich. Ein Perfektionist wie Pep Guardiola wird mit den Positionen Vorstopper, Libero und Manndecker nichts anfangen können. Das sind Positionen aus der Steinzeit, nichts für einen akribischen Tüftler wie Guardiola.

Seine Spieler sind in der Lage, spielabhängig vier bis fünf verschiedene Systeme abzurufen. Was der Katalane für den Profifußball weltweit ist, war Hannes Wolf für den Dortmunder Amateurfußball schon 2006. Als Zinedine Zidane Marco Materazzi im WM-Finale per Kopfstoß zu Boden brachte, führte der jetzige Trainer des Zweitligisten Hamburger SV die Viererkette im Amateurfußball in Dortmund ein - bei einem Bezirksligisten.

Viele Trainer folgen Hannes Wolf

Mit dem ASC 09 Dortmund stieg der damalige Spielertrainer im Sommer 2007 als souveräner Meister in die Landesliga auf. Was sich da schon andeutete, konnte sich bis heute bestätigen. Viele Trainer folgten seinem Mut und seinen Ideen.

Dass es „klar ist, dass sich das Taktikverhalten im Laufe der Zeit ändert“, weiß Kirchhördes Trainer Lother Huber. Kaum einer kann den Wandel im Taktikbereich des Fußballs besser bewerten als er. Huber spielte von 1970 bis 1987 bei den Bundesliga-Teams des 1. FC Kaiserslautern und Borussia Dortmund. Während der KSC-Coach kein großer Tüftler ist und seinem Team mit einer Grundordnung Sicherheit geben will, variiert Alen Terzic vom Oberligisten FC Brünninghausen viel mehr in seinen Systemen. Egal ob im Angriff oder in der Abwehr, er sucht Räume, „die offensiv interessant sind und defensiv von uns kontrolliert werden“.

Terzics ehemaliger Kapitän, Alex Enke spielt nun beim Hombrucher SV in der Landesliga und ist dort Spielertrainer. Enke konnte sich viel aus seiner Zeit unter Terzic mitnehmen und versucht, das Spiel beim HSV gegnerangepasst variabel zu gestalten.

Der Fußball ist schneller, aber nicht schöner geworden

Auch Marc Risse vom Bezirksligisten TuS Eichlinghofen bestätigt, dass der Fußball „schneller und besser, aber für mich nicht schöner“ geworden ist. „Das hat damit zu tun, dass Jugendspieler schon in frühen Jahren taktisch sehr, sehr gut geschult werden“, fügt Risse hinzu.

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Marc Risse vom TuS Eichlinghofen beobachtet eine taktische Weiterentwicklung im Amateurfußball. © Laryea

Doch nicht nur in den oberen Amateurligen wird taktisch diszipliniert agiert, sondern „auch die Kreisliga ist schneller und disziplinierter geworden“, berichtet Spielertrainer Marcel Greig vom A-Liga-Tabellenzweiten Westfalia Huckarde. Greig spielte zuvor, ebenso wie Enke, beim FCB, musste beruflich bedingt jedoch kürzertreten und fand über den SV Brackel 06 und VfR Sölde den Weg zum ambitionierten Kreisligisten.

Für alle Trainer ist bei all der Motivation, taktisch etwas zu bewegen, eines klar: Es ist sehr schwierig, im Amateurbereich verschiedene Systeme einzustudieren. Das habe größtenteils damit zu tun, dass die Spieler berufstätig sind und nicht genug Zeit dafür haben, mehr als dreimal die Woche zu trainieren.

„Manche Absagen, die ich wöchentlich bekomme, sind nicht so glaubwürdig“, erklärt Greig, „ich will den Jungs da aber keinen Vorwurf machen, die Motivation in der Kreisliga ist halt anders als in der Oberliga. Es wird dadurch aber schwieriger, unser Spiel zu optimieren“.

Kreisligisten sind immer schwerer zu bespielen

Dass es gegen den vermeintlich schwachen Kreisligisten durchaus schwer werden kann, musste sogar Alen Terzic feststellen. „Die taktische Entwicklung im Amateurbereich ist echt positiv. Es wird schwieriger gegen vermeintliche Außenseiter im Pokal. Die Teams sind gut organisiert und verteidigen mit viel Disziplin“, so Terzic. Zuletzt gewann der FCB gegen den B-Ligisten SF Sölderholz im Pokal nur mit 2:1.

„Die Taktik nimmt bei den Amateurfußball-Trainern einen immer größeren Raum ein. Auch schon in der Kreisliga.“
Alen Terzic, Trainer des FC Brünninghausen

Eichlinghofens Marc Risse setzt darauf, kommende Gegner beobachten zu lassen, um sein System bestmöglich anzupassen. Dabei hat die Stabilität seiner Abwehrreihe für ihn höchste Priorität: „Der Abwehrbereich ist stellvertretend. Das Umschaltspiel muss schon in der Defensive klappen. Wenn der Gegner offensiv stark ist, muss unsere Abwehr gut stehen“, so Risse.

Enke, der unter Terzic erstmals mit der Dreierkette in Berührung kam, schwärmt noch heute davon. „Eine 3-5-2-Formation bietet eine hohe Flexibilität im Offensivspiel und gleichzeitig eine Dreimann-Absicherung“, sie bedarf jedoch „langer Übung und kann nicht auf Anhieb funktionieren“. Der 30-Jährige setzt daher beim HSV auf eine Viererkette.

Einstellung schlägt taktische Ausrichtung

Für Lothar Huber hingegen ist die Einstellung der Spieler wichtiger, als die taktische Ausrichtung, denn „es kommt letztlich auf die Qualität der Spieler an. Es bringt nichts, wenn die Jungs verschiedene Systeme draufhaben, aber Kleinigkeiten, wie ein sauberer Pass oder ein gut geführter Zweikampf nicht gegeben sind“. Die Spieler müssten bereit sein, sich weiterzuentwickeln, erst dann sei der nächste Schritt möglich, bestätigt Alen Terzic.

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Die Taktik ist zwar ein wichtiger Faktor im Spiel, Kirchhördes Trainer Lothar Huber misst der Einstellung der Spieler jedoch eine große Bedeutung zu. © Laryea

Die fünf Übungsleiter sind sich einig, dass durch den taktischen Wandel die Fußballer im Allgemeinen besser geworden sind. Während sowohl Stürmer als auch Flügelflitzer mehr denn je defensiv gefordert sind, spielen Innenverteidiger nicht nur gegen den Ball, sondern auch im Aufbauspiel eine zentrale Rolle. „Zu meiner Zeit gab es noch die Kampfsau, die Bälle erobert hat. Ich war der Flügelflitzer, der offensiv gefragt war. Heutzutage haben die Verteidiger im Passspiel sehr hohe Qualität“, so Risse.

Spicken bei den Profis

Von den Profis gucken sich einige Dortmunder Amateurtrainer „gerne etwas ab“, gibt Greig zu. „Bei den Profis wird das aber täglich stundenlang trainiert. Wir haben nur dreimal die Woche die Möglichkeit, in eineinhalb Stunden etwas einzustudieren. Aber einzig Taktiktraining ohne Ball macht den Jungs auch keinen Spaß. Und Spaß müssen Spieler mitbringen, um erfolgreich zu sein“, so Lothar Huber.

Zustimmung erhält er da von Enke: „Um wirklich taktisch Neuerungen einzubringen, reichen drei Trainingseinheiten die Woche nicht. Letztlich geht es im Fußball um Tore. Wie sollen die Spieler denn treffsicher am Wochenende sein, wenn sie unter der Woche nicht einmal aufs Tor geschossen haben“. Auch Terzic lässt seine Jungs viel spielen: „Wir trainieren überwiegend in Spielformen, in die wir taktische Inhalte packen“. Aber die Taktik ist immer bei ihm dabei.

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