Dortmunder Sprinterin läuft Rennen ihres Lebens

Leichtathletik: WM

Noch im Juli bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt wollte sich die Dortmunderin Gina Lückenkemper mit den schnellsten Frauen der Welt messen. Seit Samstag gehört sie selbst dazu. Denn mit einer Bestzeit von 10,95 Sekunden ist sie die schnellste, deutsche Sprinterin.

DORTMUND/LONDON

, 07.08.2017, 11:33 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Ich brauch dafür das perfekte Rennen, gute Bedingungen und einen guten Start.“ Das sagte die 20-Jährige noch im Juli im Gespräch mit dieser Redaktion über ihr Sehnsuchtsziel, die zehn vor dem Komma stehen zu haben. Der Zeitpunkt, wann es dazu kommen sollte, sei ihr aber nie wichtig gewesen.  Am Samstag waren die Bedingungen perfekt“, sagt ihr Trainer Uli Kunst auf Anfrage.

"Freue mich wie doof"

Noch vor fünf Jahren verfolgte Lückenkemper die Olympischen Spiele im Londoner Olympiastadion. Dass sie hier nun ihre persönliche Bestzeit abrufen konnte, sorgte für Freudentränen bei der jungen Sprinterin: „Es hat jetzt einfach gepasst und ich hatte einfach unfassbar Bock zu rennen. Ich freu mich gerade einfach nur wie doof“, so Lückenkemper kurz nach dem Lauf. Schon bei den deutschen Meisterschaften in Erfurt verpasste Lückenkemper mit 11,01 Sekunden nur knapp den Einzug in den Zehn-Sekunden-Klub.

100-Meter-Olympiasiegerin Annegret Richter verfolgte am Fernsehen den 100-Meter-Vorlauf der Frauen bei der WM in London und freute sich riesig über die 10,95 Sekunden von Gina Lückenkemper (LG Olympia). „Ich war sicher, dass Gina irgendwann unter elf Sekunden bleiben würde, habe es aber von ihr nach den vielen Belastungen während dieser Saison jetzt noch nicht erwartet“, kommentiert sie die glänzende Leistung der LGOerin.

Sportlerin des Jahres 2016

Die Leser der Ruhr Nachrichten und Hörer von Radio 91.2 wählten Gina Lückenkemper zur Sportlerin des Jahres 2016. Annegret Richter war es, die ihr bei der Gala im Februar den Pokal überreichte und nur lobende Worte für das Sprinttalent fand: „Dank Gina geht es mit den Leichtathleten in Dortmund wieder bergauf. Sie ist ein Glücksfall und hat eine tolle Karriere vor sich.“

Richter hat aber auch festgestellt, dass die Reaktionszeit nach dem Startschuss noch eine Schwäche Lückenkempers ist, weiß aber wie schwer es ist, das zu verbessern. Sie selbst verfügte einst über ausgezeichnete Reaktionswerte. Bei einigen Treffen lernte die heute 66-Jährige die nun schnellste deutsche Frau kennen – und schätzen.

Richter: "Nicht verrückt machen lassen" 

„Dass sie bei großen Wettkämpfen locker bleiben kann, das ist ihr großes Plus – und das war bei mir früher auch so. Sie hat jetzt mit dieser Zeit natürlich ein kleines Päckchen zu tragen.“ Denn „Anne“ weiß, dass eine solche Zeit für Gina Lückenkemper zunächst eine Bürde ist, sagt aber: „Gina hat schon oft bewiesen, dass sie mit Druck umgehen kann. Sie soll sich jetzt über diese Leistung freuen und sich nicht verrückt machen lassen.“ Und betont: „Ginas Vorteil ist, dass sie nichts an sich herankommen lässt. Sie wird ihren Weg machen.“

Hätte Richter zu ihrer großen Zeit unter den heutigen Rahmenbedingungen schon eine Zehn vor dem Komma schaffen Können? „Das ist Spekulation“, wehrt sie ab, erklärt aber: „Im Olympiafinale von Montreal hatte ich einen tollen Start erwischt, aber wegen eines Fehlstarts, der, wie sich später zeigte, gar keiner war, schoss der Starter zurück. Da wäre vielleicht etwas möglich gewesen, aber wie gesagt, das kann heute niemand mehr sagen.“

"Von Rennen zu Rennen"

Darüber, dass sie nun ihren 41 Jahre alten Kreisrekord verloren hat, ist sie nicht traurig, im Gegenteil, sie freut sich darüber: „Nach so langen Jahren wurde es nun wirklich Zeit, dass meine Zeit endlich unterboten wurde.“ Kurz nach dem Lauf bei der Weltmeisterschaft am Samstag spekulierte Lückenkemper schon euphorisch darauf, im Halbfinale am Sonntagabend vielleicht sogar noch einen Tick schneller zu sein. Die Hoffnung erfüllte sich am Ende nicht. 11,16 Sekunden bedeuteten gestern im Halbfinale Platz sechs. Der Traum vom Finale musste also aufgeschoben werden. Aber aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben. 

Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Sportlicher Leiter im Interview

Pierre Ayadi und sein Jürgen Klopp-Moment: Wir hatten ein Wahnsinnsjahr bei der LG Olympia