Kevin Barth hat in seinem Leben schon viele Sportarten ausprobiert. Doch so wie aktuell hat er noch nie für eine Sportart gebrannt. Nächste Woche fährt er zur WM.

Dortmund

, 26.09.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer Spielhalle und jemand fordert Sie zu einer Partie Airhockey heraus. Das Spiel also, bei dem eine Scheibe mithilfe eines Handpucks in einen Schlitz am Ende des Feldes geschossen werden muss. Kennen Sie? Gut. Nun stellen Sie sich vor, jemand verbindet Ihnen dabei die Augen: Willkommen beim Showdown!

Spezieller Tisch mit Banden

Zwar wird die auch Tischball genannte Sportart nicht auf einem Airhockeyfeld, sondern auf einem speziellen Tisch mit Banden und speziellem Holzschläger gespielt und tatsächlich auch mit einem klingenden Ball, doch die Airhockey-Vorstellung hilft, sich vorzustellen, was der Dortmunder Student Kevin Barth in der kommenden Woche in Sardinien vor sich hat.

Barth ist von Geburt an blind, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, sportlich aktiv zu sein. Der 26-Jährige liebt den Wettkampf, hat mehrere Sportarten ausprobiert, schon 2006 als 13-Jähriger von der Fußball-WM berichtet und sich als Dart-Experte einen Namen gemacht, ohne jemals ein Spiel wirklich gesehen zu haben. Doch sein Sport ist Showdown: „Ich habe Jahre lang diverse Mannschaftssportarten ausprobiert, aber da war der Druck für mich persönlich zu groß“, sagt Barth, „wenn ich da einen Fehler gemacht habe, war gleichzeitig ein ganzes Team davon betroffen.“

Halbfinale bei der Deutschen Meisterschaft

Der Vorteil beim Showdown, einer der wenigen Einzelsportarten für Blinde und Sehbehinderte, die momentan von 100 bis 200 Sportlern betrieben wird: „Da mache ich das alles mit mir alleine an der Platte aus.“

Und darin ist er ziemlich gut. Bei der Deutschen Meisterschaft im April in Nettetal düpierte er die etablierte Konkurrenz und schrammte nur knapp am Finaleinzug vorbei. Zu verschmerzen war das nicht nur, weil schon das Halbfinale für ihn eine Überraschung war, sondern auch, weil er damit die Teilnahme an der Weltmeisterschaft auf Sardinien ab dem 30. September erreicht hatte. „Deutschland ist die einzige Nation, die ihre acht Startplätze voll ausschöpft“, sagt Barth. Vier Frauen und vier Männer machen sich also auf die Reise nach Italien.

Trainingspensum erhöht

Um sich darauf vorzubereiten, hat er in der vergangenen Woche sein Trainingspensum deutlich erhöht. Der Blinden- und Sehbehinderten Sportverein Dortmund (BSSV) hat seine Trainingsstätte an der TU: „Normalerweise trainiere ich einmal die Woche zwei bis drei Stunden“, sagt Barth, der sich zudem mehrmals pro Woche auf dem Ergometer fithält.

Doch für die WM war er fast jeden Tag im Showdown-Training, nahm Stunden bei Eliane Exner, einer Showdown-Koryphäe aus Düsseldorf, zudem gab es Einheiten in Frankfurt zusammen mit den deutschen Spitzenspielern: „Zu guter letzt arbeite ich auch mit einem Mentalcoach zusammen, um auf den Punkt voll da zu sein.“

Keine Förderungen

Erst einmal muss er allerdings ins Geovillage Sport Wellness & Convention Resort in Olbia an der Nordostküste von Sardinien kommen. Respekt vor solchen Reisen hat er nicht mehr: „Es gibt an den Flughäfen Hilfe für Blinde und Sehbehinderte, die einen bis zum Flugzeug bringen und auch abholen“, sagt Barth.

Förderungen gibt es für die Showdown-Sportler jedoch nicht - was auch daran liegt, dass die Sportart noch nicht paralympisch ist. Der Verband arbeitet daran, doch bis es soweit ist, ist Barth selbst gefragt: „Die Kosten für die Reise belaufen sich auf etwa 1000 Euro, die ich selbst tragen muss“, sagt Barth, „ich erhalte Unterstützung von meinem Verein BSSV Dortmund und auch meine Eltern haben mir finanziell unter die Arme gegriffen.“

„...da werde ich ausgelacht“

Dass andere Sportarten wie der Blindenfußball gefördert würden, während andere Sportarten - wie Showdown - komplett unter dem Radar liefen, findet er schade. „Bei mir geht alles über Idealismus und die Liebe zu meinem Sport“, sagt Barth und schiebt mit dem Blick auf die Deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft hinterher: „Wenn ich denen sage, was ich an eigenen Kosten pro Jahr habe, werde ich ausgelacht.“

Sportlich will Barth sich dagegen überraschen lassen: „Ich hatte nicht damit gerechnet, mich für die WM zu qualifizieren“, sagt er, „aber ich habe gleichzeitig den Anspruch, so viel wie möglich rauszuholen. Ein Platz ganz vorne“, sagt Barth, „ist aber unrealistisch.“ Unter den 44 Teilnehmern aus 16 Nationen wäre aus seiner Sicht schon eine Top-30-Platzierung ein Erfolg, dann würden auch Weltranglistenpunkte anfallen: „Alles andere ist ein Bonus“, sagt Barth.

Zimmer bis zum 6. Oktober

Gebucht hat er sein Zimmer trotzdem bis zum 6. Oktober, was aber vor allem daran liegt, „dass am Finaltag auch noch andere Platzierungsspiele stattfinden und wir deshalb alle bis zum Tag nach dem Finale vor Ort sind.“

Das ist Showdown
  • Das Spielfeld wird durch eine 14 cm hohe Bande begrenzt, in welche Öffnungen als Tore angebracht sind. Die Ecken des Spielfelds sind abgerundet.
  • Auf Höhe der Mittellinie ist oberhalb der Seitenwände ein senkrecht stehendes Brett angebracht, das sogenannte Mittelbrett. Es verhindert, dass der Ball beim Schuss die Höhe der Seitenbande überschreitet. Trifft der Ball die Fläche des Mittelbrettes oder verlässt er die Platte, gibt es einen Punkt für den Gegner.
  • Zur Ausrüstung gehören ein Geräusche erzeugender Ball (6 cm Durchmesser), längliche rechteckige Holzschläger und Schutzhandschuhe. Um Unterschiede des Sehvermögens auszugleichen, trägt jeder Spieler eine Dunkelbrille.
  • Ein Tor zählt zwei Punkte, für bestimmte Regelverstöße erhält der Gegner jeweils einen Einzelpunkt.
  • Ein Satz geht normalerweise bis 11. Beim Stand von 11 zu 10 wird der Satz fortgesetzt, bis ein Vorsprung von zwei Punkten erzielt oder die maximale Satzdauer von 15 Minuten überschritten wird (letzteres gilt nicht für Turnier-Endspiele).
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