Beim VfL Kemminghausen hoffen sie nach dem 5:0 in Mühlhausen-Uelzen auf die Wende. Dabei helfen soll neben dem neuen Coach Reza Hassani auch ein Weltmeister: namentlich Kevin Großkreutz.

08.10.2018, 18:14 Uhr / Lesedauer: 4 min

Seiner großen Liebe erteilt man ja nicht so schnell eine Abfuhr. Und wenn sie um Hilfe bittet, sagt man vielleicht auch mal etwas schneller zu, als wenn die unliebsamen Schwiegereltern etwas von einem wollen. Am vergangenen Dienstag nun hat Reza Hassani bei Kevin Großkreutz angerufen und ihn um seine Hilfe gebeten. Der Weltmeister von 2014 sagte umgehend zu. Nicht, weil Reza Hassani seine große Liebe ist. Sondern weil dessen Verein, der VfL Kemminghausen, eine Herzensangelegenheit für den früheren Bundesliga-Profi des BVB und aktuellen Spieler des KFC Uerdingen ist.

„Ich habe ihn eigentlich eher aus Flachs gefragt, ob er Lust hat, mich bei meiner Trainertätigkeit hier zu unterstützen“, erzählt Reza Hassani, der selbst erst in der vergangenen Woche das Traineramt beim Landesligisten nach dem überraschenden Rücktritt von Thomas Faust übernommen hat. Großkreutz hatte Lust, und so saß am Sonntag, beim furiosen 5:0 des VfL beim SSV Mühlhausen-Uelzen, plötzlich ein Weltmeister auf der Gästebank im Stadion am Mühlenbach.

„Die Entscheidung ist mir relativ leicht gefallen“, sagt Großkreutz, der seinen Heimatverein schon seit Jahren immer wieder unterstützt und sein Verhältnis zu Hassani als „echte Freundschaft“ bezeichnet: „Reza und ich haben zudem eine sehr ähnliche Vorstellung von Fußball. Offensiv, mutig, mit hohem Pressing. Da musste ich nicht lange überlegen.“ Bereits am Donnerstag, zwei Tage nach dem Telefonat, nahm Großkreutz seine Arbeit auf. Der 30-Jährige, und das ist allen Beteiligten sehr wichtig, unterstützt das Trainerteam dabei aber lediglich. „Mich Co-Trainer oder gar Trainer zu nennen, wäre übertrieben“, so Großkreutz. „Reza ist verantwortlich, da will ich mich auch gar nicht aufspielen.“

Hassani und Großkreutz seit Jahren befreundet

Großkreutz und Hassani kennen sich bereits aus einer Zeit, in der Großkreutz seine Fußballschuhe noch für RW Ahlen schnürte und Hassani als Bürokraft einer Fahrschule in der 50.000-Einwohner-Stadt tätig war. Irgendwann Mitte der 2000er-Jahre muss das gewesen sein. „Er hat damals seinen Führerschein bei uns gemacht“, erzählt Hassani, der heute selbst Fahrschullehrer in Dortmund ist. Man verstand sich, hielt Kontakt – und arbeitet nun eben beim VfL Kemminghausen zusammen, „wenn es die Zeit denn zulässt“, wie Großkreutz betont. Denn die Zeit, die dem Dortmunder für sein Engagement beim Landesligisten zur Verfügung steht, ist knapp bemessen.

Kevin Großkreutz beweist echte Liebe: Ex-BVB-Profi unterstützt Trainerteam in Kemminghausen

Reza Hassani (l.) ist Nachfolger von Thomas Faust beim VfL Kemminghausen. © Dan Laryea

Sportlich läuft er aktuell für KFC Uerdingen in der Dritten Liga auf. Dazu kommt die Familie, der Großkreutz noch weitaus mehr Liebe zukommen lassen dürfte als seinem Heimatverein. „Es kann also durchaus vorkommen, dass ich auch nur ein Mal die Woche beim VfL-Training bin. Das entscheidet sich kurzfristig, ist aber mit den Verantwortlichen so abgesprochen“, sagt Großkreutz.

Hassani, 36 Jahre alt, stört das nicht, vielmehr ist er dankbar dafür, mit seinem langjährigen Freund so eng zusammenarbeiten zu können. „Er hat taktisch viel drauf, wir ergänzen uns sehr gut. Zudem hat er in seiner Karriere schon so viel mitgemacht – da kann ich noch eine Menge von ihm lernen“, meint der 36 Jahre alte Übungsleiter. Von Großkreutz‘ Erfahrung will aber nicht nur der Trainer profitieren, auch die Mannschaft genießt das Privileg, regelmäßig mit dem Fußball-Weltmeister von 2014 zusammenarbeiten zu können.

Hassani bringt das Feuer, Großkreutz ist „das Sahnehäubchen“

„Er ist ein sehr bodenständiger Typ, von dem wir Spieler dank seiner langjährigen Profi-Erfahrung sehr viel mitnehmen können“, sagt Jonas Keimer. Am Donnerstag durften der 26-Jährige und seine Teamkollegen unter Großkreutz fleißig Taktik- und Passübungen absolvieren. „Kevin hat uns unter anderem erklärt, dass man den Pass immer in die offene Stellung spielen sollte oder dass das Zuspiel immer in den gegnerfernen Fuß kommen muss“, so Keimer. Das Trainerduo, das ja eigentlich gar kein Trainerduo ist, weil Großkreutz eben nur in unterstützender Funktion tätig ist, bezeichnet er als derzeit „ideale Konstellation. Reza Hassani bringt das Feuer rein. Und Kevin Großkreutz ist das Sahnehäubchen oben drauf.“

Kevin Großkreutz beweist echte Liebe: Ex-BVB-Profi unterstützt Trainerteam in Kemminghausen

Aktuell läuft Kevin Großkreutz für den KFC Uerdingen in der Dritten Liga auf. © imago/Revierfoto

Im Stadion am Mühlenbach konnte man am Sonntag bereits einen ganz gut Eindruck davon gewinnen, wie es auf der Trainerbank des VfL Kemminghausen künftig zugehen wird. Während Cheftrainer Hassani den impulsiven Part dieser durchaus ungewöhnlichen Konstellation gibt, „ist Kevin eher der ruhende Pol“, wie Hassani erklärt. Großkreutz selbst verfolgte das Spiel, diesen wichtigen 5:0-Sieg nach zuvor sechs Niederlagen in Serie, eigenen Angaben zufolge „durchaus angespannt. Man fiebert da enorm mit. Aber nach dem 3:0 war es dann erledigt und ich konnte das Spiel auch genießen.“ Dem Weltmeister hat die neue Aufgabe „Spaß gemacht“, wie er sagt. Langfristig, verrät Großkreutz, könne er sich sogar eine Karriere als Trainer vorstellen. „Ewig kann ich ja auch nicht mehr spielen. Da ist es durchaus vorstellbar, dass ich den Trainerschein machen werde.“

Gegen Mühlhausen-Uelzen kehrt das Glück zurück

Dass mit Großkreutz offenbar auch das Glück und der Erfolg zurück nach Kemminghausen kamen, nehmen sie beim VfL gerne mit. Hendrik Schürmann (2), Hyusein Sadula, Ahmed Ersoy und Centurion Emokpaire hatten dem VfL mit ihren Treffern beim SSV Mühlhausen-Uelzen das so lang ersehnte Erfolgserlebnis beschert und dem Verein den Sprung auf die Nicht-Abstiegsplätze ermöglicht. 5:0 stand es am Ende nach 90 Minuten, und würde es eine Anzeigetafel im Stadion am Mühlbach geben, Reza Hassani und seine Mannschaft würden wohl heute noch mit glänzenden Augen in ihre Richtung blicken.

„Wir hatten endlich das Glück, das uns in den Wochen zuvor gefehlt hat“, sagt Hassani und spielte dabei auch auf den gehaltenen Elfmeter von VfL-Keeper Viktor Theisen beim Stand von 0:2 hin. „Hätte Mühlhausen in dieser Situation auf 1:2 verkürzt, hätte die Partie auch noch einmal kippen können.“ Tat sie aber nicht, und so hoffen sie in Kemminghausen, die Trendwende eingeleitet zu haben. Wichtig war Reza Hassani bei aller Euphorie, seinen Vorgänger Thomas Faust, dem er einen großen Anteil an dem Sieg zuspricht, zu erwähnen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass er hier eine überragende Mannschaft zusammengestellt hat, mit einem Topcharakter.“

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