Ex-Aplerbecker hängt mit Barca-Superstars ab und spricht über Dortmund-Rückkehr

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Der ehemalige ASC-Spieler Patrick Sievers hat sich in Barcelona einen Traum erfüllt. Mit einem Barcelona-Star plauscht er regelmäßig, doch das Coronavirus bedrückt auch den Ex-Aplerbecker.

Dortmund

, 04.08.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Corona in Barcelona – ein trauriger Reim in diesen Tagen. Patrick Sievers (31), ehemaliger Shootingstar beim ASC 09 Dortmund, hätte auch lieber nur die Geschichte vom gelebten Traum in seiner Lieblingsstadt erzählt. Gerade aber hat die Bundesregierung eine neue Reisewarnung für die Region Katalonien veröffentlicht. Und auch der mittlerweile gestandene Geschäftsmann kommt an diesem Thema in dieser so stark betroffenen Stadt so nicht vorbei. Im Gespräch mit Alexander Nähle erzählt der ehemalige Spieler der Aplerbecker Aufstiegsmannschaft von 2008 dann aber auch, wie sich sein Leben prächtig entwickelt hat und wie er über den Dortmunder Fußball denkt.

Patrick Sievers, in Zeiten von Ausgangssperren, Beschränkungen und Maskenpflicht frage ich zunächst ganz banal etwas, was sonst ein eher unspektakulärer Intervieweinstieg gewesen wäre, aktuell aber eine besondere Relevanz hat: Wo erwische ich Sie und wie geht es Ihnen?

Sie erwischen mich an meinem Arbeitsplatz, aber ich verabschiede mich gerade gedanklich in den Urlaub. In Spanien macht eigentlich jeder den kompletten August Ferien. Ich freue mich, in wenigen Tagen nach Deutschland zu kommen.

Natürlich möchten wir wissen, wie Sie in Coronazeiten in einer besonders stark betroffenen Stadt leben und wie Sie diese sonst so stimmungsvolle Metropole erleben?

Ein alltägliches Leben gibt es nicht und wird es so schnell auch nicht geben. Hier läuft jeder auch im Freien auf der Straße mit Maske rum. Gerade jetzt, da wir wieder wegen der hohen Fallzahlen vorsichtiger werden müssen, kontrollieren die Behörden das auch ziemlich streng. Das ist schon bedrückend, vor allem, weil ich Barcelona ganz anders kenne und liebe.

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Kommen Sie damit klar?

Ich akzeptiere das. Und anders als in meinem Dortmunder oder Holzwickeder Umfeld, wo wir keine Corona-Betroffenen persönlich kennen, hat hier fast jeder ein Familienmitglied, das an Corona sogar gestorben ist. Daher nehmen die Menschen die Einschränkungen eher in Kauf, so traurig die Schicksale von Leuten, die ihre Verwandten sogar vor deren Tod nicht mehr sehen durften, auch sind. Natürlich schmerzt es kommunikative Menschen, nicht unter Leute zu dürfen, aber es ging nicht anders. Wir stellen auch hier fest, dass gerade einige jüngere Menschen mittlerweile diese Einschränkungen nicht mehr so leicht mittragen. Aber das ist vielleicht auch normal.

Als spielstarker Mittelfeldspieler hatten Sie auch immer einen natürlichen Bewegungsdrang. Nun waren Ihre Freiheiten während der Anfangszeit der Pandemie aber erheblich eingeschränkt. Wie haben Sie die Zeit verlebt, als fast niemand nach draußen durfte?

Ich habe gezählt: Ich habe 99 Tage in häuslicher Quarantäne gelebt. Ich teile mir mit meiner Freundin eine Wohnung mitten in Barcelona. Da war ich wenigstens nicht alleine. Wir durften aber wirklich nur zum Supermarkt, und zwar zum nächsten. Ich habe im Homeoffice gearbeitet und mich mit Sport in den eigenen vier Wänden fitgehalten. Da gibt es ja mittlerweile gute Programme. Nein, eine einfache Zeit war es aber nicht.

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Wie ist es aktuell?

So leer habe ich, aber wohl auch keiner der Einheimischen diese Stadt noch nie erlebt. Wenn es überhaupt etwas Positives an dieser Geschichte geben sollte, dann ist es, dass wir Platz haben, alles viel ruhiger, die Luft klarer, das Meer sauberer ist.

Nähern wir uns der Normalität oder der sonstigen Realität Ihres Lebens an. Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Ich gehe oft zum Strand. Das ist natürlich wunderbar. In Dortmund hatte ich vielleicht den Dortmund-Ems-Kanal oder das Froschloch in der Nähe. Hier laufe ich schnell zum Meer. Und ich habe Padel-Tennis, nach dem hier viele verrückt sind, auch für mich entdeckt. Ich war beispielsweise heute Morgen schon früh spielen.

Das klingt nun schon wieder freundlicher. Gäbe es Corona nicht, träfe der klischeehafte Begriff des „gelebten Traumes“ wohl zu. Sie sind in Ihrer Traumstadt, haben einen traumhaften Job, der Sie sogar ganz nah an Ihren Traumverein bringt. Erzählen Sie uns das moderne Märchen doch bitte näher…

Ja, ich bin vor mehr als drei Jahren nach Barcelona gezogen, wo ich zunächst Vorstandsassistent Sales und Marketing bei SEAT, der Volkswagen-Tochter, war. Jetzt bin ich bei der Firma Cupra für Marketing und Sponsoring zuständig. Und ich knüpfte die Kontakte zum FC Barcelona. Das ist natürlich fantastisch für jemanden wie mich.

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Der schon in Deutschland immer von Barça schwärmte…

Das stimmt. Barça hat mich sogar immer einen Ticken mehr fasziniert und interessiert als der BVB.

Sind Sie dem Klub denn nun sehr nahe?

Ja, leider darf ich im Camp Nou nicht auflaufen. Dieser Kindheitstraum wird dann doch nicht mehr wahr. Aber ich bin bei jedem Heimspiel im VIP-Bereich, kenne Marc-André Ter Stegen sehr gut. Wir beiden Deutschen in Barcelona sprechen fast jeden Tag miteinander. Und was dann doch wieder traumhaft ist: Ich habe mein Foto mit Messi. Er ist der Beste!

Kurzer Einschub: Bleibt er denn bei Barça?

Er muss bleiben. Ich habe in einem Interview ein Zitat gelesen: Eher geht der Mailänder Dom nach Barcelona als Messi nach Mailand. Der kann gar nicht woanders spielen.

Eifern Sie Ihrem Idol denn noch selbst nach. Heißt: Spielen Sie noch aktiv?

Nur noch in einer Freizeitmannschaft. Ich hätte nach Corona aber schon Lust, wieder in einer Liga zu spielen. Ich arbeite nun mal sehr viel, aber es juckt schon wieder. Allerdings ist der Amateurfußball mit dem in Deutschland nicht zu vergleichen.

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Jetzt enttäuschen Sie bitte unsere Fußballfreunde nicht, in dem Sie sagen, dass nicht nur Barça für Sie einen höheren Stellenwert hat als der BVB, sondern auch der regionale Fußball als der in Deutschland.

Keine Sorge! So ist es eben auch nicht. Wir hatten gerade zu meiner Aplerbecker Zeit schon in der Landesliga wahnsinnige Zuschauerzahlen. Ich erinnere mich an mehr als 2000 Zuschauer beim Hecker-Cup. Und ich schwärme den Spaniern immer von unserer Hallen-Stadtmeisterschaft vor. All das gibt es hier nicht – höchstens Futsal, das aber mit unserem Amateurfußball nicht so zu vergleichen ist. Noch ein Beispiel: Als der Platz an der Schweizer Allee noch Asche war, trainierten wir mit dem ASC oft in Kirchhörde. Das ist mehr als zehn Jahre her. Da war deren Kunstrasen ganz neu. Und ich bin mir sicher, dass das Geläuf beim KSC zuletzt noch besser war als die Plätze in La Masia, der Jugendakademie vom FC Barcelona. Die Bedingungen, auch die Zuschauerzahlen sind in Deutschland viel professioneller. Dafür lebt der echte Straßenfußball hier mehr.

Mittlerweile erhält der KSC schon einen neuen Kunstrasen. Kriegen Sie noch viel aus der Heimat mit?

Ja, absolut. Ich kenne alle Ergebnisse meiner Ex-Klubs. Mein bester Freund ist Dennis Hense, der mit mir in Aplerbeck und Holzwickede kickte. Marcel Münzel vom ASC ist der Freund meiner Schwester. Ich telefoniere oft mit den Brüdern Mihajlovic, immer wieder auch mit Hannes Wolf und Miguel Moreira.

Ohne ins Detail zu gehen: Wir sind ja nicht neugierig, aber…Worum geht es in etwa in solchen Gesprächen?

Hannes und Miguel gratuliere ich zu den neuen Schritten in ihren Leben, von denen sie mir berichten. Und mit meinen Kumpels geht es um ganz Alltägliches – oder auch was Besonderes. Marcel hat mit Aplerbeck ja zuletzt gegen den BVB 2 und Youssoufa Moukoko gespielt. Da sie das ja auf zwei Spiele aufgeteilt haben, wollte ich von Marcel wissen, wie viele gelbe Karten er gesehen hat. Er berichtete mir, er habe Moukoko nicht erwischen können, er sei zu schnell für ihn gewesen. Im Übrigen bin ich ganz begeistert, was ihr Medien da auf die Beine stellt. Ich kann ja fast jedes Amateur-Spiel live sehen. Ich gebe zu, da schon etwas neidisch zu sein. Das hätte ich gerne auch zu meiner Zeit von mir gehabt – Live-Bilder in Aktion.

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Was nicht ist, kann ja noch werden. In den Telefonaten blüht also manchmal auch der Flachs. Wie ist es, wenn Sie mit Ihrem Vater Bodo reden, der sich als Spieler und Trainer in Dortmund sehr bekannt war.

Mit Papa, der kein Amt mehr hat, aber sich einige Spiele ansieht, rede ich viel über Fußball. Mit meiner Mutter erörtere ich die anderen wichtigen Dinge im Leben.

Die da wären…

Alles, was nicht Fußball ist.

Aha! Bleiben wir bei dem Begriff Familie, der übrigens in einem Dortmunder Verein zuletzt ziemlich strapaziert wurde. Verbinden Sie dieses Wort auch mit einem Fußballklub?

Also, ich bin schon fasziniert, dass mittlerweile andere Vereine im Dortmunder Fußball für großen Gesprächsstoff sorgen. Neben dem TuS Bövinghausen, auf den Sie ja wohl anspielen, ist das Türkspor. Ich finde das schon spannend, wie Reza Hassani, den ich sehr mag, da mit enormem Aufwand eine Topmannschaft zusammenbastelt. Deren Konzept basiert nun nicht gerade darauf, Leute aus der eigenen Jugend zu holen. Aber ich finde es spannend, völlig in Ordnung und hoffe, dass sie es mit so vielen guten Fußballern schaffen. Das ist eben auch ein Weg, Erfolg zu haben.

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Der junge Patrick Sievers hätte es wohl also nicht ins Team von Reza Hassani geschafft, aber er startete 2007 nahezu senkrecht in die Mannschaft von Hannes Wolf. Denken Sie noch oft daran?

Ja, ich bin mittlerweile 31. Unglaublich, oder? Das ist schon noch alles sehr präsent. Was natürlich auch daran liegt, dass die Kontakte geblieben sind. Ich hatte da mit tollen Fußballern und Menschen eine Super-Zeit. Das war alles neu, dann diese Zuschauerzahlen mit dem ASC. Ich wünschte den Spielern von heute, dass sie eine solche Atmosphäre auch mal erleben dürfen. Es waren insgesamt schöne Jahr beim ASC, aber ich habe mich auch in den anderen Klubs wohlgefühlt.

Sie kamen aus dem Juniorenbereich des VfL Schwerte, gingen später nach Holzwickede. Welches ist denn am ehesten Ihr Verein?

Mein Herzensverein ist der ASC. Das merke ich noch heute, wenn ich deren Weg verfolge. Schade, dass sie zuletzt nicht aufgestiegen sind. Dass sie dann eine weniger gute Saison hatten, ist irgendwo auch normal. Jetzt aber sollen sie gerne einen neuen Anlauf nehmen und vorne angreifen. Ich finde es aber schon beachtlich, dass sich Aplerbeck und Holzwickede in der Oberliga halten. Davon haben wir damals geträumt.

Kehren Sie denn irgendwann zurück nach Dortmund?

Ich weiß es nicht genau – spüre aber schon jetzt ab und an die Sehnsucht nach dem Ruhrgebiet. Ja, ich denke, irgendwann kehre ich zurück. Hier leben viele Freunde. Schon in ein paar Tagen sitze ich im Bistro von Giovanni Schiattarella. Darauf freue ich mich richtig. Das Ruhrgebiet ist – so toll das alles hier ist – dann doch meine Heimat.

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