Kinderfußball ohne Torhüter? Dortmunder Klubs sehen Chancen, warnen aber auch vor Risiken

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Weniger Spieler, kleinere Tore, keine Torhüter: Der DFB plant offenbar Reformen im Kinderfußball. In Dortmund werden die Überlegungen mit Wohlwollen, aber auch Skepsis verfolgt.

Dortmund

, 10.04.2019, 12:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der deutsche Fußball will sich in der Nachwuchsarbeit wieder einmal neu erfinden. Das ist ein Reflex, der schnell aufkommt, wenn es bei der Nationalmannschaft mal wieder nicht läuft. Das war früher so, als sich die DFB-Auswahl einst durch die Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden rumpelte. Und das ist jetzt wieder so, weil „die Mannschaft“ bei der WM im vergangenen Jahr in Russland frühzeitig die Heimreise antreten musste.

Was Fußballern hierzulande fehle, so kam bei der Analyse des Deutschen Fußball-Bundes heraus, sei unter anderem die Fähigkeit, zu dribbeln und Eins-gegen-eins-Situationen spielerisch zu lösen. Der DFB will dahingehend nun offenbar den Kinderfußball – von der G-Jugend (U6/U7) bis zur E-Jugend (U10/U11) – reformieren.

„Wir wollen kleinere Mannschaftsgrößen bei unseren jüngsten Fußballern, damit die Kinder mehr Ballkontakte haben und ihre Individualität gefördert wird.“
Hans-Dieter Drewitz im Kicker

Hans-Dieter Drewitz, beim DFB Vizepräsident Jugend, sagte vergangene Woche der Fachzeitschrift „kicker“: „Wir wollen kleinere Mannschaftsgrößen bei unseren jüngsten Fußballern, damit die Kinder mehr Ballkontakte haben und ihre Individualität gefördert wird.“

Spielformen mit Minitoren und ohne Torhüter

Im Gespräch sind demnach Spielformen wie Zwei-gegen-zwei oder Drei-gegen-drei auf vier Minitore ohne Torhüter in der G-Jugend sowie Drei-gegen-drei oder maximal Vier-gegen-vier ohne Torhüter in der F-Jugend. Noch eine Altersklasse höher, in der E-Jugend, sei die Spielform Fünf-gegen-fünf bis zu Sieben-gegen-Sieben allerdings mit festem Keeper denkbar. Weiter als zu dieser Altersklasse sollen die Reformen nicht reichen – auch, weil die D-Jugend beim DFB als „Leistungsklasse“ gilt.

In Dortmund blickt man der Idee, auch wenn sie längst nicht so absolut ist, wie es vielleicht mancherorts bereits kommuniziert worden ist, unterschiedlich entgegen. „Das Problem ist, dass wir die konkreten Inhalte ja noch gar nicht kennen“, sagte Andreas Edelstein, Vorsitzender des Kreisjugendausschusses. Aber Veränderungen im Kinderfußball, wie sie nun angedacht werden, „halte ich grundsätzlich für sinnvoll“.

Er präferiere in der G-Jugend zum Beispiel die Spielform Fünf-gegen-fünf. „Auf diesem Weg würden die Kinder viel mehr Spielanteile erhalten“, so Edelstein. „Und man könnte dann auf Sechs-gegen-sechs in der F-Jugend und Sieben-gegen-sieben in der E-Jugend aufstocken.“ Entscheidend bei allen Gedankenspielen sei aber ohnehin, dass Verband, Kreis und Vereine an einem Strang ziehen.

Zweikämpfe, Ballkontakte und Erfolgserlebnisse

Einer, der den Schritt für „längst überfällig“ hält, ist Jens Volke, Trainer der F-Jugend beim BSV Fortuna Dortmund 58. Er sagt: „Die Kinder brauchen möglichst viele Zweikämpfe und Ballkontakte. Durch die neue Spielform würden sie viel mehr Erfolgserlebnisse erzielen.“

Auch den Einsatz von Minitoren sieht es positiv. „Wir haben ja heute oft das Problem, dass wegen der großen Tore viel zu viel gepöhlt wird.“ Schüsse aus der Distanz, wie sie oft von physisch überlegenen Kindern versucht werden, würden deutlich abnehmen.

„Wir haben ja heute oft das Problem, dass wegen der großen Tore viel zu viel gepöhlt wird.“
Jens Volke

Er sei zwar grundsätzlich offen für neue Dinge, sagte auch Erich Speckmann, Jugendleiter des Hombrucher SV. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Maßnahmen Sinn machen. Auch, weil zum Beispiel beim Spiel Drei-gegen-drei viel zu viele Kinder außen vorgelassen werden würden.“ Dabei ist Speckmann durchaus ein Befürworter davon, die technischen Fertigkeiten der Kinder durch neue Inhalte zu fördern. „Aus meiner Sicht vermitteln wir die Grundlagen aber am besten im Training“, sagte er.

Auch die Variante Elf-gegen-elf im Halbfeld denkbar

Ralf Schemann, Jugendleiter SV Brackel 06, beäugt die Pläne ebenfalls skeptisch. „Ich finde es persönlich nicht so gut. Im Training kann man solche Spielformen sicherlich anwenden. Aber im Spiel? Ich bin da eher für die Variante Elf-gegen-elf auf dem Halbfeld – auch bei den Kleinen“, sagte er. Die Kinder sollen schließlich „einfach Fußball spielen“.

Schemann sprach noch einen weiteren Punkt an, der viele Vereine beschäftigen dürfte: der zusätzlich finanzielle Aufwand durch eine mögliche Anschaffung neuer, kleinerer Tore. „Das können gerade kleine Klubs kaum stemmen.“

Bindend ist eine Vorgabe des DFB freilich nicht. Der Kinderfußball liegt eben nicht beim mitgliederstärksten Sportverband der Welt, sondern in den Händen der Landesverbände. Es werde keine „Zwangsjacke geben“, betonte Drewitz im „kicker“. „Wir wollen mit unserem Modell in die Vereine gehen und sie davon überzeugen. Wenn ein Fußballkreis weiter Sieben-gegen-sieben spielt, wird keine Polizei kommen und kein Spiel abgebrochen. Gestaltungsräume für Vereine werden bleiben.“

FLVW hat Arbeitsgruppe eingerichtet

Ohnehin ist in der DFB-Zentrale in Frankfurt bislang wohl noch nicht einmal ein Beschluss zu diesem Thema gefasst worden. Frühestens im Sommer, nach Ende der Saison 2018/19, so heißt es, wolle sich der Verband konkreter äußern. Bis dahin heißt es: „Wir äußern uns zu diesem Thema nicht“, erklärte ein Sprecher auf Anfrage.

Während der Bayerische Fußballverband wohl etwas vorschnell bereits Änderungen an seine knapp 3000 Vereine verschickt hat, hält man sich beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) noch bedeckt. Das Thema sei bekannt, heißt es dort lediglich. Und: „2019 wird hier bei uns dazu sicherlich nichts passieren“, sagte Harald Ollech, Vorsitzender des Kreisjugendausschusses beim FLVW.

„2019 wird hier bei uns dazu sicherlich nichts passieren.“
Harald Ollech

Innerhalb des Verbandes gibt es allerdings eine entsprechende Arbeitsgruppe, die sogenannte AG Kinderfußball. „Dort geht es nun erstmal darum, dass wir Wege finden, die Basis bei diesem Thema mitzunehmen“, so Ollech. Und das dürften wohl alle Beteiligten befürworten.

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