Ein Fußballer erzählt: Leben im Lockdown zwischen Amateurfußball und Intensivstation

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Zwischen Amateurfußball und Intensivstation – für einen Dortmunder Freizeitkicker haben die Lockdowns das Leben umgekrempelt. Er erzählt vom Respekt vor dem Virus und dem Verlust heilsamer Normalität.

Dortmund

, 14.11.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Fußball in der Kreisliga B beim SV Westrich ist für Sebastian Ramdorf gerade ganz weit weg. Und die Folgen eines Kreuzbandrisses, an denen der 31-Jährige im Moment laboriert, sind dafür nur der zweitwichtigste Grund. Vielmehr bewegt den Fachkrankenpfleger für Intensivpflege die Lage der Patienten und seiner Kolleginnen und Kollegen auf der Intensivstation eines Dortmunder Krankenhauses.

„Ich bin zwar seit Mitte Oktober wegen der Kreuzbandverletzung nicht mehr im Dienst, aber die erste Corona-Welle Anfang des Jahres habe ich voll erlebt und wie sich die zweite Welle angebahnt hat auch. Zudem bin ich mit der Station immer in Kontakt, hab also einen klaren Eindruck davon, wie herausfordernd die Lage im Moment ist“, erzählt Ramdorf.

Sieben Jahre Intensivstation

Seit sieben Jahren arbeitet Ramdorf auf der Intensivstation, entschied sich nach Ende des Ausbildung 2013 direkt dafür. Heute ist er nebenbei noch für die Ausbildung auf der Station zuständig und als Praxisanleiter tätig.

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„Ganz klar zu sehen ist, dass die Inanspruchnahme der Intensivstation durch Corona gerade wieder stetig steigt“, sagt er. Das geschehe nicht nur durch die wachsende Zahl der Corona-Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssten. „Davon sind viele Kliniken und wir auch gar nicht so stark betroffen, weil es andere Häuser gibt, die erste Anlaufstellen für schwere Corona-Fälle sind.“

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Corona betrifft die Arbeit Ramdorfs und die seiner Kolleginnen und Kollegen meist eher mittelbar – und doch sehr nachhaltig. „Wir sind es ja gewohnt, auf der Intensivstation ständig mit Maßnahmen zum Schutz vor Keimen und Viren zu arbeiten. Aber Corona hat das nochmal deutlich verschärft. Und dann führt eben auch nur ein Corona-Verdacht bei einem Patienten, der wegen etwas ganz anderem auf unsere Station kommt, beispielsweise dazu, dass das Team die komplette Aufnahme des Kranken in einem dichten Plastikkittel absolviert.“

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„Alle, die hier arbeiten, sind extrem angespannt“, sagt Ramdorf. „Jede Neuaufnahme, jeder Notfall erfordert jetzt in ganz anderer Hinsicht noch viel größere Vorsicht, weil wir immer im Hinterkopf haben, dass es ein Virus ist, gegen das wir im Moment noch gar nicht so viel machen können. Jeder von uns hatte bei der ersten Welle die Bilder aus Italien vor Augen. Zum Glück haben wir dann aber auch gemerkt, dass unser Gesundheitssystem doch deutlich besser aufgestellt ist.“

Schwere Verläufe erlebt

Der Respekt vor dem Virus ist auf der Station aber dennoch auf jeden Fall riesig. Auch weil Pflegeteam die schweren Verläufe der Infektion bei Patienten erlebt hat, die mit vielleicht Mitte 30 gar nicht zur sogenannten Risikogruppe zählen. „Da liegt dann jemand schwer erkrankt, der nur ein paar Jahre älter ist als ich – natürlich macht das etwas mit einem“, sagt Ramdorf.

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Darum wünscht er sich auch weiterhin mehr Aufmerksamkeit: „Was uns, die wir in der Pflege arbeiten, aufgefallen ist, ist, dass unsere Arbeit bei der ersten Welle öffentlich noch ein großes Thema war. Das ist mittlerweile wieder deutlich abgeebbt. Und wir sind an den Punkt zurückgekehrt, wo viele Pflegende, egal auf welcher Station, egal ob im Krankenhaus oder im Pflegeheim, die Anerkennung über weite Strecken schon wieder vermissen.“

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Der Druck ist groß – aber wie damit umgehen? „Das Gute war vor Corona, wenn wir wirklich mal einen Scheiß-Dienst hatten, dann konnte man danach wenigstens noch auf nen Bier zusammen rausgehen. Oder wir haben einen regelmäßigen Stammtisch gemacht, um ein stückweit das zu verarbeiten, was unser Alltag ist. Das fällt natürlich im Moment alles weg. Und das nagt an den Menschen.“

Für sich selbst, sagt Ramdorf, habe er in den letzten Monaten gelernt, „die Normalität noch mehr als vorher schon wertzuschätzen. Wenn ich dran denke, mit den Jungs nach dem Training in der Kabine zu sitzen. Jahrelang war das selbstverständlich. Und ich merke jetzt, wie sehr mir das fehlt.“

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