Mit Martin Kaymer auf dem Green: Timo Klischan erlebte seinen persönlichen Golf-Traum

rnWeltmeister im Handicap-Golf

Der Dortmunder Behinderten-Golfer Timo Klischan erlebt in Australien, was Inklusion heißt. Dort schaffte er auch sein erstes „Hole in one“ – und war froh, dass es kaum einer mitbekam.

Dortmund

, 26.12.2018, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als die Golf-Profis, also die, die Timo Klischan bislang nur aus dem Fernsehen kannte, beim Turnier im australischen Melbourne vor ihrer Runde aufs Putting Green kamen, um das Einlochen auf den pfeilschnellen Grüns zu üben, war sein erster Reflex: „Dann mache ich jetzt schnell mal Platz“. Weit gefehlt. „Die haben uns angesprochen, fanden unser Mitwirken klasse. Und dann haben wir gemeinsam weitergeübt“, erzählt der Behindertengolfer aus Dortmund, die Nummer acht der Disabled-Weltrangliste, mit Begeisterung in der Stimme. Das nennt man wohl gelebte Inklusion.

Inoffizieller Weltmeister-Pokal

Es war ein medial groß begleitetes Erlebnis („So viele Eindrücke, das werde ich nie vergessen“) der besonderen Art, das noch lange nachhallen wird, nicht nur bei dem 36-Jährigen, der als einziger Deutscher unter zwölf Handicap-Golfern des Kontinents vom Europäischen Behinderten-Golfverband für zwei Turniere in Australien nominiert worden war und am Ende den inoffiziellen silbernen Weltmeister-Pokal in die Höhe stemmen durfte.

Auch Martin Kaymer, Deutschlands bester Golf-Profi, mit Maximilian Kieffer in Melbourne als „Team Deutschland“ am Start, war schwer beeindruckt. Später postete der Mettmanner ein gemeinsames Foto mit Timo Klischan und dessen Trainer Duncan Hannak bei Facebook, versehen mit dem Kommentar: „Beeindruckend und inspirierend, diese Woche beim World Cup of Golf. 12 der weltweit besten Golfspieler mit Behinderung spielen auf die gleichen Fahnen auf dem gleichen Golfplatz wie wir. Das ist die perfekte Botschaft unseres Sports: Golf ist für Jedermann, ohne Grenzen oder Limitierungen. Viel Glück an Euch alle diese Woche, ich bin dankbar Euch kennengelernt und wiedergetroffen zu haben!

Große Dankbarkeit

Die Dankbarkeit war allseitig. Auch der Deutsche Golfverband (DGV) meldete sich umgehend bei Klischan, der seit der Geburt unter der „Erbschen Lähmung“ leidet. Durch einen Nervenriss im Bereich des Halses sind Bizeps und Deltamuskel im linken Arm nicht entwickelt, so dass der Golfschwung alleine aus dem rechten Arm kommen muss, der linke Arm ist lahm. Gemeinsam mit PGA Professional Hannak vom Golfclub Royal St. Barbara’s in Dortmund arbeitete Timo Klischan hart an einem Schwung, der mit dieser Behinderung stabil funktioniert.

„Imponierend“ fand DGV- Sportdirektor Marcus Neumann die Inklusions-Turniere in Australien und den Auftritt des einzigen Deutschen. „In Europa und auch in Deutschland sind wir leider noch nicht so weit, obwohl das Bewusstsein dafür wächst. Golf ist der inklusivste Sport überhaupt, wir kennen den Begriff Handicap. Bei uns kann Jeder gegen Jeden spielen, egal wie alt, wie gut oder schlecht, egal, ob behindert oder nicht-behindert.“

Willkommenskultur im Golf

Neumann kann sich sogar vorstellen, die Porsche European Open in Hamburg, eines der zwei verbliebenen Profi-Turniere in Deutschland, für inklusive Auftritte zu öffnen, „das würde der öffentlichen Anerkennung des Behindertengolfs sicherlich einen Schub geben“, so Neumann, der im Rahmen einer auf drei Jahre angelegten Fördermaßnahme im DGV Inklusions-Beauftragte auf Vereinsebene etablieren will, „wir wollen eine Willkommenskultur“. Auch die Nationalmannschaft der Handicap-Golfer soll mehr Unterstützung erfahren.

Timo Klischan hört’s gerne: „Das macht mir Mut für die nächsten Jahre. Ich will gern meinen Teil dazu beitragen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich habe die Hoffnung, dass sich in Deutschland einiges bewegt“. Klischan selbst fand erst mit 18 Jahren zum Golfsport. Als Kind spielte der eloquente Sportmanager, der Geschäftsführer des Kreissportbundes Teltow-Fläming nahe Berlin ist, Tennis.

Das Hole in one als i-Tüpfelchen

Als Jugendlicher warf er sich furchtlos und mit großem Einsatz auf dem Hockey-Feld für den Regionalligisten TSC Eintracht Dortmund den auf ihn zufliegenden Bällen entgegen. Seine Behinderung sei dabei nie ein Thema gewesen, weder bei den Mitspielern, noch bei ihm selbst. „Ich kenne es ja seit Geburt nicht anders. Meine Eltern haben mich immer zum Sport ermuntert. Und Golf ist einfach ein toller Sport, genau mein Ding“.

In Australien gelang dem durchtrainierten und trainingseifrigen Sportler zudem der Traum aller Golfer: sein erstes „Hole in one“. In einer Proberunde für die Australian Open in Sydney schlug Klischan den Ball vom Abschlag direkt ins Loch. „Das war das i-Tüpfelchen dieser eindrucksvollen Reise. Zum Glück ist das nicht im Turnier passiert“. Zur Erklärung: Danach wäre eine Einladung an alle Spieler auf dem Platz und im Klubhaus fällig gewesen, das wäre teuer geworden. So lud der Dortmunder seinen mitgereisten Bruder Kai und seinen Trainer zum Essen ein.

Das Hole in one im Video:

Vieles hat der Deutsche Vizemeister der Behindertengolfer, der Oberliga in der Deutschen Golf-Liga spielt, vom anderen Ende der Welt mitgenommen. Beeindruckt habe ihn, wie die Golf-Profis mit Druck umgehen, wie ruhig sie bleiben, wie fokussiert und strukturiert in Stressmomenten, bei Wind und Wetter. „Sich nicht verrückt machen zu lassen, wenn man vor vielen Zuschauern am Abschlag steht, wenn es drumherum unruhig ist, das möchte ich gerne mitnehmen. Und es war eine super Erfahrung, dass wir mit den Profis absolut gleichbehandelt wurden.“

Das Träumen hört nicht auf

Viele seiner Sportler-Träume haben sich in den fast drei Wochen „Downunder“ bereits erfüllt, doch das Träumen hört damit nicht auf. Golf feierte 2014 in Rio nach über 100 Jahren Abstinenz seine vielbejubelte Rückkehr in die olympische Familie, das Paralympische Komitee allerdings sprach sich erneut gegen den Para-Golfsport aus. „Das ist absolut schade, aber ich werde weiter dafür kämpfen. Aus Amerika kommen gerade ermutigende Signale, mit auf den Zug aufzuspringen“, sagt der Mann mit Handicap 3,2.

Völlig inklusiv wurde der Gewinner der „Finish Disabled Open 2018“ übrigens 2014 zu „Dortmunds Sportler des Jahres“ gewählt. Von getrennten Schadensklassen in seinem Sport hält er nichts, wie er zum Abschluss verrät: „Jeder, der vor den Ball hauen kann, soll einfach mitmachen, egal, welche Einschränkung er hat“.

Hier kann man sich das Bewerbungsvideo von 2014 noch einmal anschauen:

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Hallenfußball in Dortmund

Huckarder Derby in Huckarde! Hier gibt‘s alle Gruppen der 36. Hallenfußball-Stadtmeisterschaft