Mit sieben Kindern zum Training nach Belgien

Radsport

Not macht erfinderisch. Das gilt auch für den Sport. Der gebürtige Dortmunder Uwe Marschall hat sieben Kinder, drei Mädchen und vier Jungs. Und das Ziel, sie alle für den Radsport zu begeistern. Doch der Nachwuchs-Radsport fristet im verkehrsgeplagten NRW ein echtes Schattendasein. Einmal wöchentlich packt Marschall deshalb seine Jungs ins Auto und fährt nach Belgien und Holland.

DORTMUND

von Peter Kehl

, 23.12.2016, 09:39 Uhr / Lesedauer: 3 min
Mit sieben Kindern zum Training nach Belgien

Fast eine eigene Mannschaft: Der gebürtige Dortmunder Uwe Marschall mit seinen drei Jungs (v.l.) John, Maurice und Felix.

Ein Termin mit Uwe Marschall? Kaum möglich. Der Mann hat jede Menge zu tun. Fünf seiner sieben Kinder wohnen noch im elterlichen Haus, im Ortsteil Stockum am Möhnesee. Ziemlich abseits auf einem Höhenzug des Haarstrangs. Auf der einen Seite idyllisch, auf der anderen Seite etwas unpraktisch. Denn – wie in jeder anderen Familie auch – müssen die Kids zur Schule, zum Arzt oder zum Verein gebracht werden. Meist nach Soest, 12 Kilometer hin, 12 Kilometer zurück. Oder nach Dortmund. 57 Kilometer entfernt. Irgendwie scheinen Uwe Marschall und Ehefrau Anke, die als Erzieherin in Dortmund arbeitet, immer unterwegs zu sein.

Sieben Kinder

Wer eigene Kinder und Sport unter einen Hut bekommen möchte, hat in der modernen Gesellschaft so manche Hürde zu nehmen. Wer aber gleich sieben Kinder sein eigen nennt, der hat nicht nur schnell ein Negativ-Image weg, sondern wird oft als schräger Typ, als Außenseiter abgestempelt. Uwe Marschall lässt sich aber davon nicht abbringen. „Wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich das auch durch“, schmunzelt Marschall. Als ehemaliger Amateur-Radsportler kennt er die Besonderheiten des Fachs. Nur gut, dass Marschall seit Jahren am Möhnesee eine eigene Werkstatt besitzt und dort seit dem Jahr 2000 hochwertige Fahrradrahmen aus Edelstahl herstellt. Zumindest an Drahteseln gibt es keinen Mangel in der Familie.

Wer kennt ihn nicht in Dortmund, den Uwe Marschall. Ein Typ mit Ecken und Kanten. Er weiß selbst, dass er oft aneckt und nicht nur Freunde im Radsport hat. Als Amateur-Radsportler saß er von 1977 bis 1992 im harten Rennsattel, wurde Stadtmeister und gewann einige Amateur-Rennen der A-Klasse und in der Westfalenhalle. Ende der 1980er Jahre schlug er in Emsdetten sogar den späteren Profi Rolf Aldag. „Ich kann mich noch wie heute daran erinnern und habe mit Rolf später auch bei den Six Days darüber mal wieder gesprochen“, lachte Marschall. 1992 gab er seinen Job als Schlosser bei Hoesch auf, gründete die Firma Marschall Framework am Dortmunder Borsigplatz und widmet sich seitdem dem traditionellen Rahmenbau. Seine Spezialität: gemuffte mit Silberlot gelötete Edelstahlrahmen. Optisch wie die klassischen italienischen Rahmen. Handgefertigt, nichts von der Stange.

Nischenprodukt

Die Fangemeinde dieser Räder ist weltweit vertreten. Ein paar Tausend Rahmen habe er schon hergestellt, so Marschall, nicht wenige davon gingen in die ganze Welt, nach Südkorea, USA, Australien, Japan oder Neuseeland. Andererseits. In Zeiten von Carbon-Bikes aus China ist es gar nicht so einfach, sich mit einem Nischenprodukt auf dem Markt zu behaupten. Obwohl es in Deutschland nur noch einen anerkannten Edelstahl-Rahmenbauer neben Marschall Framework gibt.

Der Radsport verfolgt Uwe Marschall quasi sein Leben lang. 52 Jahre ist Marschall alt, mit 13 Jahren fuhr er sein erstes Rennen, trainiert heute immer noch regelmäßig, sieht absolut fit aus und schätzt den zeitlichen Aufwand für den Radsport auf rund 30 Stunden in der Woche. Tatjana, Jacqueline, Janine und Michel fahren nicht mehr aktiv. Aber mit dem 14-jährigen John, dem zwölfjährigen Maurice und dem neunjährigen Felix ist Marschall immer unterwegs. Der Familien-Volvo hat mittlerweile 400 000 Kilometer auf dem Buckel. Denn das Traumland für den Nachwuchsradsport heißt Belgien. Während in Deutschland – besonders in NRW – der Schrumpfungsprozess dramatische Formen annimmt, boomt es jenseits der Grenze.

Crossrennen vor 20.000 Fans

„Wir fühlen uns dort wohl, dort lebt der Radsport und die Wertschätzung ist höher“, so Marschall. In Zolder oder Peer trainieren bis zu 50 Jugendliche gleichzeitig in der sogenannten „Wielerschool“. Es gibt zwölf hauptamtliche Trainer. Auf dem Stundenplan stehen das Fahren in der Gruppe oder in der Doppelreihe. Dazu werden auch für Kids fast jedes Wochenende Crossrennen angeboten, ein Volkssport in Belgien, der bis zu 20 000 Zuschauer an die Strecke lockt. Da geht’s schon mal um 5 Uhr morgens vom Möhnesee nach Flandern – und abends wieder zurück.

Doch zunächst steht der sportliche Umzug nach Gelsenkirchen an, zum RC Buer-Westerholt. Im Ortsteil Resse hat sich seit 2007 eine 330 Meter lange Crossstrecke mit dem Schwerpunkt BMX etabliert. Bitte, BMX? Das muss kein Widerspruch sein, wie Marschall anmerkt. Immer mehr Profis seien in ihren jungen Jahren auf dem MTB oder auf dem BMX-Rad gefahren. „Aber Profis sollen die Jungs nicht werden“, so Marschall, „ist absolut kein Thema. Sie sollen was vernünftiges lernen. Und Spaß am Radsport haben.“ 

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