Morteza Jorfi hat sich in ein neues Leben geturnt

In Dortmund Fuß gefasst

Ganz zum Schluss des Gesprächs holt Morteza Jorfi, den alle nur Mori nennen, sein Handy hervor. Er hatte bis dahin schon einiges erzählt vom Turnen. Nur zeigen konnte er es nicht. Wie auch? Das Gespräch findet in einem Büro in der Flüchtlingsunterkunft in Derne statt. Es gibt kaum einen Ort, der für komplexere Turnübungen ungeeigneter wäre.

DORTMUND

, 24.12.2016, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für das Foto bekommt er trotzdem einen Handstand auf einem Tisch hin. Also das Handyvideo. Es zeigt einen Mann, der beeindruckend souverän seine Übungen an den Ringen macht. Die Salti am Boden, die Sprünge federleicht, die Elemente am Reck. Es wirkt ein bisschen so, als schaue da jemand auf sein altes Leben zurück. Das Leben von Morteza Jorfi, genannt Mori, dem ehemaligen Mitglied der iranischen Turn-Auswahl. 27 Jahre alt, seit über 20 Jahren Turner, mit 40 Medaillen dekoriert. Es kann aber genauso gut auch ein Blick in die Zukunft sein.

Eine neue Existenz aufbauen

Seit einem Jahr ist Mori in Deutschland. Wie so viele, die aus ihrer Heimat geflohen sind, versucht der Iraner, sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Der Sport hilft dabei. Enorm. Und das Umfeld. „Wir nehmen jeden Menschen so an, wie er zu uns kommt“, sagt Abbasse So, der Leiter der Unterkunft in Derne.

„Wir versuchen, bei jedem Menschen bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten zu fördern.“ Bei Mori lag es auf der Hand, was die besonderen Fähigkeiten sind. Also haben sie ihm bei der Suche nach einem Verein geholfen. In Dortmund haben sie nichts Passendes gefunden, in Bochum, beim Turnzentrum Bochum, schon. Dort ist Mori seit einem dreiviertel Jahr für das Team in der zweiten Bundesliga und in der Oberliga aktiv. Dort arbeitet er als Trainer. Und dort loben sie ihn in den höchsten Tönen.

"Will die Unterstützung zurückgeben"

„Wir sind sehr froh, dass er zu uns gekommen ist“, sagt Dietrich Spiegel, der Bochumer Stützpunktleiter, „wir schätzen ihn sehr. Er ist ein Gewinn für uns, als Mensch, als Turner, als Trainer, als Kampfrichter.“ Mori gibt die Komplimente zurück. „Ich hätte nie gedacht, dass ich soviel Unterstützung bekomme. Das will ich zurückgeben“, sagt er. Und: „Ich habe eine neue Familie gefunden.“

Seine eigentliche Familie, Vater, Mutter, zwei Schwestern und vier Brüder, lebt in Ahwaz, im Süden Irans. Das Leben im Iran ist bestimmt keines, das man selbst leben möchte. Schon gar nicht, wenn man einer Minderheit angehört. Organisationen wie Amnesty International werfen dem Land unter anderem Folter von Gefangenen und grausame Strafen vor. Der Amnesty-Jahresbericht listet für das vergangene Jahr fast tausend Hinrichtungen, auch an Minderjährigen, auf – so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Hinzu kommen die Unterdrückung von Frauen, die schlechten Perspektiven für junge Menschen.

Spontane Flucht

Mori hat sich, so sagt er, spontan entschieden, sein Land zu verlassen. Zwölf Tage war er damals unterwegs. Mit dem Schlauchboot, zu Fuß, per Bus und Zug. Sechs oder sieben Länder habe er durchquert, schildert er. In einer großen Gruppe war er unterwegs. Was er damals wusste: Er möchte das Land verlassen. Was er nicht wusste: wohin ihn der Weg bringen würde. „England wäre vielleicht ein Ziel gewesen“, sagt Mori, „wegen der Sprache.“ Die beherrscht er, neben Persisch und Arabisch, das vor allem im Süden des Irans gesprochen wird. Geworden ist es nun Dortmund. Über den Umweg Hamm ist er hierhin gekommen. Zunächst für vier Monate in die Unterkunft nach Aplerbeck, nun nach Derne.

Zu den Sprachen, die Mori spricht, ist mittlerweile auch Deutsch hinzugekommen. Er spricht es schon ganz gut. Fünf Monate lang hat er eine Sprachschule besucht. Jetzt ist er fertig. Er ist aber keiner, der sich darauf ausruht. Während er Deutsch lernte, hat er, trotz der Sprachbarriere, die Prüfung zum Turn-Kampfrichter bestanden. Eine Lizenz als Trainer hat er ebenfalls. Beim TZ Bochum unterrichtet er Jugendliche.

"Er merkt, dass er gebraucht wird"

Mindestens drei- bis viermal in der Woche ist er in der Halle, trainiert, gibt Trainingsstunden. Vor kurzem ist auch noch eine Cheerleader-Gruppe hinzugekommen, die er betreut. „Er ist allem sehr zugewandt“, beschreibt Turnzentrumsleiter Spiegel den Iraner, „er merkt, dass er gebraucht wird und hilft dann sofort.“ Der Derner Einrichtungsleiter Abbasse So sieht das ähnlich, bezieht es nicht nur auf die sportlichen Aspekte und drückt es ein bisschen poetischer aus: „Er ist die Stimme der Stimmlosen.“

Mori weiß, dass er nicht ewig wird turnen können. Es ist aber nicht seine einzige Perspektive. Er hat im Iran Elektrotechnik studiert, daran würde er in Deutschland gern anschließen. Vielleicht an der FH weiter studieren oder eine Ausbildung machen. „Es ist schwierig, das System hier ist anders“, sagt Mori, „ich muss mich in nächster Zeit entscheiden. Es ist kompliziert“. Was die Sache nicht einfacher macht, ist sein noch ungeklärter Status. Seine Aufenthaltserlaubnis ist auf sechs Monate begrenzt, was danach kommt, weiß noch keiner.

Es wartet noch viel Arbeit

Wenn Mori mit seinen Eltern spricht, fast täglich tut er das, berichtet er von seinem neuen Leben. Davon, dass er dabei ist, in der neuen Umgebung anzukommen. Immer besser. Er weiß, das da noch vieles auf ihn wartet. Viel Arbeit. Er weiß aber auch, dass er das schaffen kann.  

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