Mustafas langer Weg in ein neues Leben

Handball

Mustafa Alkhawaja ist 23 Jahre alt. Geboren wurde er in Syrien, genauer gesagt in Homs – der "Hauptstadt der Revolution". Seit fünf Jahren ist er nun fern der Heimat, über neun Länder kam er nach Deutschland, nach Dortmund. Hier will er nun heimisch werden. Sein Sport, der Handball, soll ihm dabei helfen.

DORTMUND

, 02.10.2015 / Lesedauer: 4 min
Mustafas langer Weg in ein neues Leben

Mustafa Alkhawaja, hier im Trikot des TV Brechten, will in Deutschland einen Neuanfang wagen.

Mustafas sportliche Heimat ist nun der TV Brechten. Mit der ersten Mannschaft von Trainer Thomas Körber trainiert er seit mehr als drei Monaten Woche für Woche. „Mustafa ist ein total lebensbejahender Mensch, er würde am liebsten jeden Tag trainieren“, erklärt Körber, und das ist nach den vergangenen fünf Jahren in Mustafas Leben eigentlich kaum zu glauben.

Krieg und Gewalt

18 Jahre lang lebte Mustafa in Homs. Sein Leben damals war „einfach super. Ich habe studiert und gearbeitet, hatte viele Freunde in der Nachbarschaft und habe in einem großen Handball-Team gespielt“, erzählt er, „ohne den Krieg hätte ich meine Heimat nie verlassen“. Aber es kam alles anders: Seit mehr als fünf Jahren herrschen in Syrien nun Gewalt und Chaos, kämpfen Rebellen gegen das Regime. Ihm blieb keine Wahl, er musste das Land verlassen, sonst wäre er zum Militärdienst herangezogen worden und hätte für das Regime kämpfen müssen. Sein erster Halt: Dubai.

Sein Ziel: Studieren – ein möglicher Neuanfang. Über ein Jahr paukte er Englisch und startete ins Maschinenbau-Studium, doch nach zwei Semestern war Schluss. „Die Fabrik meines Vaters in Syrien wurde total zerstört, das Leben in Dubai war einfach zu teuer“, erklärt der 23-Jährige.

Größte Odyssee seines Lebens

Auch seine Familie, bestehend aus seinem Vater, Mutter, Schwester (17 Jahre) und Bruder (11), hielt es nicht mehr in der Heimat. Nach ein paar Monaten in Ägypten landeten die Vier in Algerien und versuchen dort, zur Ruhe zu kommen. Ein Treffen am Flughafen und ein paar gemeinsame Tage mussten für ein kurzes Wiedersehen nach drei Jahren reichen, dann begann für den Handballspieler die größte Odyssee seines Lebens: Von Algerien aus startete er in die Türkei, mittlerweile ohne gültigen Pass, denn der war durch das Nichtantreten des Militärdienstes bereits abgelaufen.

Von der Türkei ging es in einem kleinen Schlepperboot, ohne Nahrung und Wasser, 30 Stunden über das Meer nach Rhodos (Griechenland). 40 Personen waren im Inneren des Kahns eingepfercht, jeder war sich sicher „wir werden hier sterben“. Doch sie kamen an und wurden von der griechischen Insel nach Athen gebracht, hier warteten auf ihn die „schlimmsten vier Monate meines Lebens“, denn lange Zeit schien sein Weg hier beendet.

"Im Wald geschlafen"

Nachdem die Flucht über das Meer nach Italien kurzfristig gescheitert war, entschied er sich, über das Land zu reisen. „Damals war die Grenze nach Mazedonien geschlossen, zehn Tage haben wir im Wald auf dem Boden geschlafen“, erinnert er sich. Erst als der Schneefall einsetzte, bot sich endlich die Gelegenheit, die Grenze zu überqueren, denn bei diesem Wetter ist deutlich weniger Polizei unterwegs.

Von Mazedonien ging es nach Serbien, zu Fuß, über die Berge, dann auf der „Schmugglerroute“ weiter über Ungarn und Österreich nach Deutschland, über das Saarland nach Dortmund. Auffallend dabei ist, dass der junge Syrer, der in seiner Heimat nicht nur seinen Besitz, sondern auch viele Freunde und Bekannte verloren hat, seine Geschichte mit seinem scheuen und doch lebensbejahenden Lächeln erzählt.

Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre 

Seit Anfang Februar lebt Mustafa im Ruhrgebiet, „aber so richtig angefangen hat mein neues Leben erst am 9. September“, sagt er. Seitdem besitzt er eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, darf studieren und arbeiten – natürlich steckt er schon mitten in einem Sprachkurs, jeden Tag in der Woche, vier Stunden lang. „Ich fühle mich in Deutschland richtig zu Hause, ich mag die Menschen hier, sie geben mir ein gutes Gefühl“, erklärt er, „vor allem die Mitspieler beim Handball. Hier habe ich meine ersten Freunde gefunden.“

Allerdings hat er in Deutschland auch schon die schlechten Seiten kennengelernt. Es war sein erster Tag im Heim in Eving in der Osterfeldstraße. In der Nacht kamen Flüchtlingsgegner und griffen die Einrichtung an. „Jetzt bin ich vom Krieg geflohen und muss hier mit anderen Gegnern kämpfen“, war sein erster Gedanke, aber die Meinung änderte sich schnell. Auch das Leben in Eving ist für ihn Geschichte: In den nächsten Tagen bezieht er eine kleine Wohnung in der Nähe der Innenstadt zur Miete, „die Küche steht schon“, erzählt er stolz.

Ehrgeizige Spiele

Für seine Zeit in Deutschland hat er sich ehrgeizige Ziele gesetzt. „Ich will an der Universität in Dortmund erst meinen Bachelor und dann meinen Master in Maschinenbau machen“, sagt er, „dafür will ich weitere Sprachkurse besuchen.“ „In den drei Monaten, in denen er mit uns trainiert, hat er einen Riesen-Fortschritt gemacht – das ist unglaublich“, erzählt Brechtens Trainer Körber.

Auch seine Mitspieler sehen eine Entwicklung: „Er lernt schnell Deutsch und will auch lernen, man merkt, er will etwas erreichen“, erklärt Mittelmann Dominik Czarnetzki. Auch Christoph Paga konnte sich selbst davon überzeugen: „Als er im Training umgeknickt war, habe ich ihn ins Krankenhaus gefahren. Ich hatte noch gar keinen Parkplatz gefunden, da hatte er die Anmeldung schon alleine ausgefüllt.“

Spielerpass beantragt

Für Mustafa Alkhawaja ist das Handballspielen nach dem Studium die Nummer zwei in seinem Leben: „Der Sport gibt mir das Gefühl: Ich bin wieder da, ich bin wieder zurück“. In Syrien spielte er für al-Karma in der ersten syrischen Liga, vor zwischenzeitlich 700 Zuschauern – bei Brechten ist bereits ein neuer Pass beantragt, „ich konnte meinen alten ja schließlich nicht mitbringen“, erzählt er mit einem Lächeln. In welcher Mannschaft er dann aufläuft, ist ihm dabei völlig egal, „Hauptsache, ich kann wieder in einer Mannschaft spielen“.

Ob er noch einmal nach Syrien zurückkehrt, weiß er nicht. „Vielleicht, wenn der Krieg einmal zu Ende ist, um das Land wieder aufzubauen“, sagt er, „aber da gibt es keinen festen Plan“ – das Einzige, was er wirklich weiß, ist, er will in Dortmund Fuß fassen. 

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