Plötzlich gegen Guardiola: Ex-BVB-Spieler Marco Stiepermann lebt seinen Premier-League-Traum

rnFußball

Liverpool und Manchester statt Millwall oder Luton: Für Ex-BVB-Spieler Marco Stiepermann hat sich der Traum von der Premier League erfüllt. Irgendwann soll es aber zurück nach Dortmund gehen.

Dortmund

, 01.10.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Seit dieser Saison lebt Marco Stiepermann den Traum von der Premier League. Mit Norwich City stieg der gebürtige Dortmunder und ehemalige BVB-Spieler im Sommer in die derzeit wohl beste Liga der Welt auf und trifft nun Wochenende für Wochenende auf Superstars wie Kevin de Bruyne, Mo Salah, Paul Pogba oder Pep Guardiola und Jürgen Klopp.

Wir haben mit dem 28-Jährigen über seine ersten Wochen in der Liga gesprochen, über die Stimmung an der Anfield Road, seinen Trainer Daniel Farke und seine schärfsten Kritiker.

Bei unserem letzten Gespräch im April, nach dem Aufstieg, haben Sie gesagt, Sie könnten es noch gar nicht richtig realisieren. Wie ist es heute?

Mittlerweile schon. Als wir am ersten Spieltag in Liverpool aufgelaufen sind, da wusste man endgültig, dass es wirklich die Premier League ist. Seitdem hatten wir bereits ein paar Spiele und wissen jetzt, was auf uns zukommt.

Wie ist es denn, in der Premier League zu spielen?

Der Unterschied zur Championship im vergangenen Jahr ist riesig. Nicht unbedingt körperlich. Aber die Intensität ist so dermaßen hoch, dass man Spiele wie gegen Liverpool oder auch Manchester City während der 90 Minuten kaum genießen kann. Es ist einfach so hart und man steht gefühlt kurz davor, einfach umzukippen.

Auch wenn Sie es dann selbst auf dem Platz wohl nicht so richtig wahrnehmen konnten: Für Außenstehende sah das schon sehr gut aus, was Norwich beim 3:2-Sieg gegen ManCity und Pep Guardiola gemacht hat …

Jeder von uns hat diese Partie mit so viel Herz gespielt, das kann man sich einfach nicht kaufen. Wir sind, was uns immer schon ausgezeichnet hat, als Mannschaft aufgetreten. Zudem haben wir taktische Dinge verändert, die wir gegen andere Teams so wohl nicht machen würden.

Zum Beispiel?

Wir standen etwas kompakter als gewöhnlich, haben mehr Mann gegen Mann verteidigt. Und uns war klar, dass sie bei Standardsituationen anfällig sind, auch bei Kontern … Am Ende ist der Plan perfekt aufgegangen. Wobei uns bewusst ist, dass es genauso wahrscheinlich nur in einem von zehn Spielen funktioniert.

Jetzt lesen

Wie haben Sie die Stimmung im Stadion an der Carrow Road erlebt?

Seitdem ich bei Norwich spiele, war die Stimmung noch nie so gut wie in diesem Spiel. Das war nochmal eine Stufe höher als damals beim Aufstieg. Ich habe anschließend gelesen, dass es für die Fans der wohl größte Sieg in der Vereinsgeschichte gewesen sein muss. Das hat man im Stadion auch gemerkt.

War es auch das größte Erlebnis in ihrer Sportkarriere?

Ich bin da hin- und hergerissen. Aus rein sportlichen Gesichtspunkten würde ich den Aufstieg noch etwas höher bewerten. Weil sich durch den Aufstieg eben überhaupt erst die Türen geöffnet haben, um so ein Spiel bestreiten zu können. Andererseits war es ein Premier-League-Spiel. Daher war so gesehen sicherlich der größte Erfolg. Ich meine: Welche Mannschaft will man denn noch schlagen, wenn man ManCity geschlagen hat.

Nimmt man es wahr, dass da Pep Guardiola steht?

Ab und zu wirft man schon einen Blick nach außen und dann denkt man sich: Ja, da steht wirklich Pep Guardiola. Das ist schon irgendwie auch geil, so etwas erleben zu dürfen. Oder man steht man in den Katakomben, neben einem Sergio Aguero – das ist schon Wahnsinn. Und darauf bin ich mega stolz, dass ich das meinem Sohn später mal erzählen kann.

„Aber grundsätzlich finde ich die Stimmung in Dortmund dann doch besser, zumindest während des Spiels.“
Marco Stiepermann

Wie war es an der legendären Anfiel Road am ersten Spieltag gegen Liverpool?

Es war mein erstes Premier-League-Spiel und dann auch noch in diesem Stadion. Klar ist das etwas Besonderes, gerade auch mit dem Abspielen von „You Never Walk Alone“ vor der Partie. Aber grundsätzlich finde ich die Stimmung in Dortmund dann doch besser, zumindest während des Spiels. Nichtsdestotrotz freue ich mich schon jetzt wahnsinnig auf die Spiele bei Manchester United, Tottenham oder Arsenal.

Trotz des Sieges gegen City steht Norwich mit sechs Punkten aus den ersten sieben Spielen nur auf Platz 17. Was fehlt der Mannschaft derzeit?

Einerseits hatten wir ein sehr hartes Auftaktprogramm mit Liverpool, Manchester, Chelsea und Westham, wobei ich sagen muss, dass wir in fast allen Spielen mithalten konnten. Aber wir kassieren zurzeit auch einfach zu viele naive Gegentore. Es liegt nun an uns, die Defensivarbeit zu verbessern. Und zwar über alle Mannschaftsteile. Wenn es uns gelingt, diese Fehler abzustellen, dann bin ich überzeugt davon, dass wir auch mehr Spiele gewinnen. Denn selbst Tore schießen wir ja.

Ihr Trainer, Daniel Farke, hat großen Anteil am Erfolg von Norwich.

Was er in den vergangenen zwei Jahren aus unserer Mannschaft gemacht hat, ist herausragend. Er hat eine ganz klare Philosophie, die vorgibt, dass wir das Spiel machen und den Ball haben wollen. Egal gegen welche Mannschaft.

Wird er irgendwann mal in einer Reihe stehen mit den weltbesten Trainern wie Jürgen Klopp bei Liverpool oder Pep Guardiola bei City?

Das wird man sehen. Er hat sich in England bereits einen sehr guten Namen gemacht und da kann es gut sein, dass der ein oder andere größere Verein mal an ihn herantreten wird. Wobei ich natürlich hoffe, dass er uns noch lange in Norwich erhalten bleibt.

„Wenn die Möglichkeit besteht, hier noch vier, fünf Jahre zu spielen, wäre ich glücklich.“
Marco Stiepermann

Sie haben im Mai Ihren Vertrag bis 2022 verlängert. Eine Rückkehr nach Deutschland ist damit vorerst vom Tisch…

Wir fühlen uns hier so wohl, und ich bin sehr glücklich darüber, dass der Verein mir eine solche hohe Wertschätzung entgegenbringt. Und ich sehe meine Zukunft auch definitiv hier. Wenn die Möglichkeit besteht, hier noch vier, fünf Jahre zu spielen, wäre ich glücklich. Wobei Dortmund immer meine Heimat bleiben wird. Und sollte irgendwann vielleicht mal ein passendes Angebot aus Deutschland kommen, ist das sicherlich auch eine Option.

Sie haben in dieser Saison alles Partien von Beginn an bestritten. Würden Sie widersprechen, wenn man Sie als absoluten Stammspieler bezeichnet?

Nein (lacht). Aber ich weiß auch, dass sobald ich ein wenig nachlasse, da Jungs warten, die genauso heiß darauf sind, zu spielen. Gerade als Offensivspieler wird man natürlich auch an Toren oder Assists gemessen, da kann man auch schnell mal aus der Mannschaft rausrotieren. Aber das spornt mich an, denn ich möchte meinen Platz auch nicht abgeben.

Wann sehen wir denn Ihr erstes Premier-League-Tor?

Ich warte schon darauf, dass es endlich passiert. Das wäre sicherlich der nächste Meilenstein meiner Karriere.

Ihr Bruder Marcell, der in Dortmunder beim Kirchhörder SC spielt, war beim ersten Spiel in Liverpool dabei, verfolgt auch ansonsten fast jede Partie. Sprechen Sie mit ihm über die Spiele?

Wir reden natürlich sehr viel, und er ist einer meiner ersten Ansprechpartner. Einfach, weil er einer meiner ehrlichsten und auch schärfsten Kritiker ist … neben meiner Frau wahrscheinlich (lacht).

Wer ist denn der härtere Kritiker: Ihr Bruder oder Ihre Frau?

Da tun sich beide nicht viel. Aber es bleibt immer auf einer sachlichen Ebene.


Sprechen Sie zu Hause mit Ihrer Frau viel über Fußball?

Das bleibt nicht aus. Sie merkt es mir auch schon an, wenn ich mit einer Niederlage nach Hause komme. Dann ist nicht immer die beste Stimmung, aber das muss man trennen können, weil die Familie für mich immer an oberster Stelle steht. Wenn da etwas nicht stimmt, merkt man, dass Fußball vielleicht doch nicht so wichtig ist.

„Aber natürlich würde ich nach meiner Karriere gerne noch im Dortmunder Umkreis spielen.“
Marco Stiepermann

Ihr Bruder hat sie schon bei einigen Spielen besucht. Wird es irgendwann noch einmal das Duo Marco und Marcel Stiepermann in einer Mannschaft geben?

Vielleicht wenn er 40 ist und ich 35 (lacht). Aber natürlich würde ich nach meiner Karriere gerne noch im Dortmunder Umkreis spielen. Und da finden wir bestimmt eine Lösung, dass wir noch mal zusammen im Sturm agieren.

Verfolgen Sie die sportlichen Leistungen Ihres Bruders, der ja mit dem Kirchhörder SC in der Landesliga eine gute Rolle spielt?

Wenn es die Zeit zulässt, schaue ich mir die Spiele im Internet an. Ich verfolge ihn da sehr genau und setze ihn auch entsprechend unter Druck (lacht).

Bislang hat er vier Tore erzielt. Reicht das?

Er hat mir selbst erzählt, dass er schon ein paar mehr hätte machen müssen. Aber solange es als Mannschaft gut läuft und sie oben mitspielen, freue ich mich für ihn.

Lesen Sie jetzt