Ralf Holtmeyer: "Andere haben uns kopiert"

Ruder-Bundestrainer im Interview

Am Wochenende kocht in Dortmund wieder der Ems-Kanal. 88 Rudervereine aus ganz Deutschland haben ihre Kader-Athleten zur traditionellen Langstrecken-Regatta gemeldet, der zentralen Leistungsüberprüfung. Die Teilnahme ist Pflicht. Mittendrin mit aufmerksamem Blick: Bundestrainer Ralf Holtmeyer, der im vorolympischen Jahr besonders genau hinschaut. Petra Nachtigäller hat sich mit dem 59-Jährigen getroffen.

DORTMUND

, 27.11.2015, 05:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ralf Holtmeyer: "Andere haben uns kopiert"

Ruder-Bundestrainer Ralf Holtmeyer schaut im vorolympischen Jahr besonders genau hin.

Sonntag rudern nicht nur Ihre Schützlinge sechs Kilometer auf dem Dortmund-Ems-Kanal, am Sonntag stimmen auch die Hamburger über Olympia 2024 ab. Wie sehen Sie die Chancen als achtfacher Olympia-Teilnehmer?

Olympia in Hamburg könnte ich mir sehr gut vorstellen. Ich glaube, andere Nationen kommen gern nach Deutschland, denn nicht nur das Sommermärchen 2006 hat gezeigt, dass die Menschen hier begeisterungsfähig sind. Allerdings warne ich davor, im Vorfeld Infrastruktur-Debatten vom Zaun zu brechen, das sind typisch deutsche Diskussionen, die im Ausland nicht verstanden werden. Denn bei Olympia geht es um Größeres, um das Treffen der besten Sportler der Welt, die brauchen keinen olympischen Firlefanz, die wollen ihre Kräfte messen. Das macht die besondere Faszination aus.

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Ihr Deutschland-Achter hat in London 2012 den Briten im Mutterland des Ruderns das Großboot-Gold weggeschnappt, in den letzten drei Jahren hatten immer die Engländer die Bootsnase vorn ...

Ja, die haben den Schwung aus London mitgenommen, haben einen guten Lauf. Aber wir sind auch ganz gut, haben wieder Tritt gefasst. Bei der Weltmeisterschaft in Aiguebelette (Frankreich) waren wir wieder auf Augenhöhe, am Ende war´s knapp. Wir wollen uns auf jeden Fall nicht ans Verlieren gewöhnen. Und wir dürfen nicht denken, dass Erfolg ein Selbstläufer ist. Deshalb setzen wir auf dem Weg nach Rio im Training neue Reize. Wir drehen an einzelnen Stellschrauben, zum Beispiel an der Individualisierung im Ausdauertraining oder unterschiedlichen Sparrings-Situationen. Das versuchen wir über straff organisiertes Training und viele Trainingslager. Schon nächste Woche geht es für knapp drei Wochen nach Portugal, da waren wir bisher noch nie.

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Haben Sie ein Rezept? Wie wollen Sie bei Olympia 2016 die Briten knacken?

Zunächst einmal haben wir nicht nur einen Gegner im Blick, auch die Neuseeländer und Niederländer sind zuletzt stark aufgekommen, aber die Briten kennen wir nun über zig Jahre. Unser Plan ist, unsere Stärken auszubauen und unsere Schwächen auszubügeln. Ich bin überzeugt: Wenn wir es schaffen, unsere Schwäche im Stehvermögen im Mittelteil der 2000-Meter-Strecke auszubügeln, werden wir in Rio gewinnen. Der Achter wird in Deutschland ja immer mit Gold assoziiert, aber Achter bedeutet auch Risiko. Eine Mannschaft ist immer die Summe vieler Einzelteile, und die müssen zusammen funktionieren.

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Aber Sie wissen, wie man Olympiasieger macht. Haben die anderen Nationen etwas bei Ihnen abgeschaut?

(lacht) In der Tat wurde unsere offensive Fahrweise auf den zweiten 250 Metern des Rennens von anderen inzwischen kopiert. Die Sprintfähigkeit wird in Rio 2016 über Gold entscheiden, die Fähigkeit, über Distanz hohe Frequenzen fahren zu können. Deshalb arbeiten wir weiter an unserer Stabilität, das war der Faktor, der uns in London zum Olympiasieg geführt hat.

 

Rio sind Ihre neunten Olympischen Spiele, spüren Sie immer noch Vorfreude?

Natürlich! Olympia ist und bleibt das Größte. Ich denke und arbeite seit Jahrzehnten in Vierjahres-Zyklen. Zudem: In Südamerika war ich noch nie, die Regattastrecke ist eine Naturstrecke und liegt sehr schön mit Blick auf den Zuckerhut. Was die bekannten Hygiene-Probleme mit dem Wasser betrifft, darauf müssen wir uns vorbereiten.

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Übrigens sind Sie im nächsten Jahr 30 Jahre am Dortmunder Leistungszentrum als Trainer für Deutschlands Prestigeboote zuständig. Wie jung ist Ihr Ehrgeiz?

Ich verliere immer noch sehr ungerne (lacht). Der Zweite ist in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch der erste Verlierer. Obwohl: Als ich mit dem Achter bei Olympia in Atlanta 1996 Silber gewonnen habe, hatte die Medaille für mich goldenen Glanz, denn dieser Erfolg hatte sich in der Zeit davor nicht abgezeichnet. Grundsätzlich wollen wir uns nicht mit dem zufrieden geben, was wir erreicht haben. Das Projekt heißt Olympia-Gold. Für Rio haben wir uns was vorgenommen. Ich wünsche mir, dass es in Südamerika ähnlich schöne Spiele werden wie in London.

Zur Person: Ralf Holtmeyer (59) arbeitet seit 1986 als Bundestrainer am Ruderleistungszentrum Dortmund. Der gebürtige Osnabrücker erlebte bisher acht Olympische Spiele als Trainer, die Spiele in Rio 2016 sind seine neunten. 1988 und 2012 gewann der von ihm trainierte Deutschlandachter Olympia-Gold, 1996 in Atlanta gewann das Prestigeboot Silber, 1992 in Barcelona Bronze. Auf dem Weg nach Rio absolviert das Team Deutschlandachter drei Trainingslager in Portugal, Italien und Spanien, vom 6. bis 8. Mai ist die Europameisterschaft in Brandenburg, es folgen die Weltcups in Luzern und Posen im Mai und Juni. Die olympische Ruderregatta findet vom 6. bis 13. August 2016 in Rio de Janeiro statt.

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