Ring frei: Udo Saß trägt den Boxsport im Herzen

Serie: Herzblut

Viele Menschen opfern für ihren Sport und ihren Verein viel Zeit - oftmals, ohne dafür auch nur einen müden Cent zu erhalten. Ehrenamtler stecken ihr ganzes "Herzblut" in ihr Hobby. Und ohne sie geht es meist gar nicht mehr. In unserer neuen Serie stellen wir einige dieser Menschen vor. Heute: Ex-Boxer und Kampfrichter Udo Saß.

DORTMUND

, 17.06.2017 / Lesedauer: 4 min
Ring frei: Udo Saß trägt den Boxsport im Herzen

Udo Saß hat eine ganze Sammlung von Pokalen, Medaillen und Fotos aus 60 Jahren als Boxer und Ringrichter.

In den vergangenen sechs Jahrzehnten hat Udo Saß fast alles erlebt, was der Boxsport zu bieten hat. Und vieles davon sogar hautnah. Saß stand im Ring, am Ring, hing aber – mit einer einzigen Ausnahme – nie in den Seilen. Als Ring- und Punktrichter hat der 75-Jährige auf nationaler und internationaler Bühne mehr als 1000 Kämpfe absolviert, Trainer-Legende Ulli Wegner in Rage und die Klitschko-Brüder schon vor ihrem Durchbruch erlebt. Seine größten Momente sind allerdings ganz andere.

Etliche Erinnerungsstücke

In einem kleinen Kellerraum hat Udo Saß – laut eigener Aussage der „dienst- und gesichtsälteste Ringrichter weit und breit“ – ein ganzes Sammelsurium an Erinnerungsstücken angehäuft. Etliche Fotos zieren die Wände, Auszeichnungen, Medaillen und Pokale sind ordentlich nebeneinander gereiht. Auch mehrere Orden sind dabei, die der 75-Jährige allerdings nie trägt. Er sei schließlich eher der „Typ Lederjacke“. Und dazu passten derartige Anhängsel nun einmal nicht.

Saß brüstet sich ohnehin nicht gerne mit seinen Verdiensten. Etwas näher bei sich hätte er die Erinnerungsstücke allerdings schon gerne, zum Beispiel eine Etage höher, im Wohnzimmer. „Das hat mir meine Frau allerdings nicht erlaubt“, sagt Saß grinsend: „Aber irgendwann setze ich mich schon noch durch“.

Vom Konfirmandenunterricht in den Ring

Sein Durchsetzungsvermögen hat der Rentner über Jahrzehnte immer wieder unter Beweis gestellt. Schon als aktiver Boxer in jungen Jahren. Mit 14 trat Saß der Boxabteilung des TuS Eving-Lindenhorst bei, nachdem er beim Konfirmandenunterricht, wie er sagt, „was auf die Nase bekommen“ hatte.

Jetzt lesen

60 Kämpfe später, von denen er lediglich einen durch K.o. verloren hatte, ging Saß zur Bundeswehr. „Ich ging als Halbmittelgewichtler und kam als Schwergewichtler wieder“, erinnert er sich. Zum Boxen habe er sich damals zu schwer gefühlt und auch die Gier sei nicht mehr wirklich da gewesen. Dass der Boxsport dennoch über Jahrzehnte Teil seines Lebens blieb, war letztlich der Situation bei seinem damaligen Klub geschuldet. Saß wurde erst in den Vorstand zitiert und sollte anschließend zudem als Ringrichter aushelfen. Und das tat Saß dann auch. Erst auf Bezirksebene, dann auf Verbandsebene, daraufhin deutschlandweit und schließlich – seit gut 30 Jahren – sogar auf internationaler Bühne. Dass er in dieser Zeit nie einen Profikampf geleitet hat, bedauert Saß überhaupt nicht. Denn dem Profigeschäft steht er ohnehin äußerst kritisch gegenüber.

Spektakel auf Kosten der Gesundheit

„Ich rege mich immer noch auf, wenn ich einen Profikampf sehe und der Ringrichter den Kampf nicht abbricht, obwohl ein Boxer schwer taumelt“, sagt Saß, der seine Kollegen allerdings in Schutz nimmt: „Es geht im Profisport um das große Geld – und die Leute wollen einen K.o. sehen. Darauf werden natürlich auch die Ringrichter hingewiesen.“ Viele Kämpfe müssten seiner Meinung nach dennoch viel früher abgebrochen werden. Die Gesundheit müsse schließlich im Vordergrund stehen. Das weiß Saß nicht erst, seitdem ihm einer seiner Boxer vor vielen Jahren trotz Kampfabbruchs mit einer Gehirnblutung im Ring zusammengebrochen war.

Saß hat dieses grausame Szenario genauso hautnah miterlebt wie viele andere positive, spektakuläre Situationen. Dazu gehören für den 75-Jährigen aber keinesfalls nur die Momente, in denen er beispielsweise Ulli Wegner, „dem wohl lautesten und fanatischsten Trainer überhaupt“, gegenüberstand. Der Bundesliga-Kampf in Halle zu seinem 60. Geburtstag sei für ihn viel wichtiger gewesen, sagt Saß. Oder auch ein Kampf mit Zeljko Mavrovic, der letztlich per Los entschieden werden musste.

Bei Ali gerät Saß ins Schwärmen

Henry Maske habe damals die Losfee gespielt – noch so ein bekannter Name, neben den Klitschko-Brüdern, bei deren Kämpfen sich Saß fast schon langweilte: „Die waren doch in den 90ern schon allen überlegen. Schon zu Amateurzeiten wurden extra Gegner aus Kuba und anderen Ländern für sie eingeflogen. Aber das hat auch nicht viel geändert.“ Nach einer Klitschko-Rechten habe man als Ringrichter gar nicht bis zehn zählen müssen, sondern direkt Feierabend machen können: „Da ist sowieso kein Gegner mehr aufgestanden. Warum hätte ich als Richter also eine große Show machen sollen?“ Die Klitschkos stehen bei dem 75-Jährigen nicht besonders hoch im Kurs. Stattdessen hängt in seinem Keller ein riesiges Ali-Poster. „Der war ein perfekter Techniker. Er hatte einfach alles. Was aber fast noch wichtiger ist: Als Ringrichter hattest du mit ihm keine Arbeit. Er hat unglaublich sauber geboxt. Kein Klammern, keine Unsportlichkeit“, schwärmt Saß.

Jetzt lesen

Fairness ist für den Rentner, der sich inzwischen von der Bundesligabühne verabschiedet hat, aber nach wie vor bei den NRW-Meisterschaften mitmischt, ein hohes Gut. Und das ist kaum verwunderlich, wenn Saß von den Besonderheiten seines Sports erzählt. „Man bekommt als Ringrichter viel Anerkennung – aber nur, wenn man gerecht ist“, sagt er. Das gelte natürlich auch für die Rolle des Punktrichters, wenngleich die erforderliche Beweglichkeit und Fitness hierbei natürlich nicht so ausschlaggebend sei.

Radfahren auf Mallorca, Intervalltraining im Keller

Gerade auf seine Fitness legt Saß jedoch großen Wert. Wenn er nicht gerade durch das Münsterland oder auf Mallorca mit dem Rad unterwegs ist, dann ist Intervalltraining im Keller angesagt. Der 75-Jährige will seine Aufgaben im und am Ring schließlich noch mindestes zwei weitere Jahre erfüllen. Er will sich weiter durchsetzen – vielleicht auch in den heimischen vier Wänden, um doch noch ein paar Schmuckstücke aus seinem kleinen Keller ins Wohnzimmer stellen zu können.

Jetzt lesen

Zuvor gilt es jedoch noch, ein ganz anderes Problem zu lösen: Das neue Auto will Saß mit einem Aufkleber seines aktuellen Vereins Dortmunder Boxsport 20/50 verzieren – was bei der Gattin ebenfalls nicht gerade zu Freudensprüngen führt.

Lesen Sie jetzt