Über Anerkennung, Sahnehäubchen und neue Ziele

Paralympics-Sieger Durst im Interview

Hans-Peter Durst, im vergangenen Jahr unterm Zuckerhut der älteste und auch erfolgreichste Athlet im deutschen Paralympics-Team, hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, weiterzufahren, neue Ziele anzupeilen, noch einmal anzugreifen.

DORTMUND

, 21.08.2017, 14:43 Uhr / Lesedauer: 3 min
06.02.2017 Dortmund City - Dortmunds Sportler des Jahres 2016 Durst im Fussballmuseum der Ruhr Nachrichten u Radio 91.2 u Mercedes Benz  Foto Stephan Schuetze

06.02.2017 Dortmund City - Dortmunds Sportler des Jahres 2016 Durst im Fussballmuseum der Ruhr Nachrichten u Radio 91.2 u Mercedes Benz Foto Stephan Schuetze

Interviewtermin am Dortmunder Phoenixsee, dem Trainingsrevier des zweifachen Paralympics-Siegers von Rio 2016. Sein in farbenfroher Lackierung gestaltetes Erfolgs-Dreirad steht hinter ihm – mit frisch beklebter Hinterrad-Felge: South Africa World Championship 2017. Das Handy in der Jacke vibriert. "Entschuldigung", sagt Hans-Peter Durst und schaut aufs Display. "Alles gut, wir können weiterreden. Ich dachte, es wäre der Dopingkontrolleur gewesen". So ist es, das Leben eines Leistungssportlers.

Das neue Motto: „Konnichiwa Tokyo 2020 – Machikirenai!!!‘ (deutsch: „Hallo Tokyo 2020 – Ich kann es kaum erwarten“) steht auf seinem kleinen Transporter, so soll es sein. Auf dem langen Weg nach Japan liegt die Weltmeisterschaft Ende August in Südafrika – und der 59-Jährige ist bereit.

Neue Erkenntnisse

Es hat sich viel getan seit den Tagen von Rio. Ein Jahr voller Euphorie, voller Erlebnisse, voller Begegnungen und Erkenntnisse. Die wichtigste: „Ich mache nach Rücksprache mit meiner Familie, meinem Trainer- und Betreuerteam weiter und freue mich total auf das, was kommt“, sagt der Dortmunder, der bei einem schweren Autounfall 1994 seinen Gleichgewichtssinn verlor und seither ohne Hilfsmittel nicht gehen kann. Sein Sehfeld auf beiden Augen ist nach links eingeschränkt, sein Reaktionsvermögen vermindert.

Was vor über 20 Jahren als Reha-Maßnahme mit einem einfachen Dreirad begann, nennt Hans-Peter Durst nach unzähligen Weltmeister-Titeln und drei Paralympics-Medaillen auf seinem Spezial-Rennrad inzwischen „Faszination Dreiradsport“.

Das Doppel-Gold von Rio hat den Team-Senior sichtlich entspannter gemacht, ruhiger, irgendwie befreiter. „Ich bin immer noch ehrgeizig im Wettkampf, aber die Verbissenheit, das Überehrgeizige, das ist seit Rio weg. Ich habe einen Zufriedenheits-Grad erreicht, dass alles, was jetzt noch kommt, ein Sahnehäubchen für mich ist“, sagt Durst und gewährt einen weiteren Einblick in sein Innerstes: „Ich habe keine Angst mehr, wenn es nicht fürs Podium reicht. Verlieren tut nicht mehr weh.“

Als Mutmacher gefragt

Erfüllung findet der frühere Brauerei-Manager nun auch abseits der Welt- und Europacup-Wettkämpfe, die ihn in diesem Jahr bereits mehrere Wochen nach Italien, Belgien, Frankreich und die Niederlande führten. Durst ist inzwischen als Motivator gefragt, als Mutmacher, er hält Vorträge in einer Dortmunder Reha-Klinik, gibt Patienten wertvolle Ratschläge und radelt mit Gleichgesinnten für gute Zwecke wie die Vor-Tour der Hoffnung oder „Inklusion braucht Aktion“.

„Meine Prioritäten haben sich verschoben. Das Thema Inklusion ist präsenter, wobei ich das englische Wort 'equality' schöner finde: Gleichwertigkeit, das ist das, wofür ich kämpfe.“ Die Wahrnehmung behinderter Sportler in der Öffentlichkeit, vor allem in den Medien, habe seit den Paralympics in London 2012 deutlich zugenommen, „wir sind auf einem guten Weg, es geht in die richtige Richtung“, findet der gebürtige Bayer, der sich auch über die gewachsene Wertschätzung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) freut. Erste behinderte Sportler wie Rekord-Weitspringer Markus Rehm wurden erstmals in die Sportförderung der Bundeswehr aufgenommen („Das haben wir uns verdient. Zuvor gab es da viel Ungerechtigkeit, die so heute nicht mehr geht“).

Mehr Geld im Behindertensport

Und seit der Leistungssportreform fließt auch mehr Geld in den Behindertensport. „Wir waren so unterfinanziert, da gab es deutlichen Nachholbedarf“, findet Durst und erzählt eine kleine Kuriosität: Für seine Goldmedaillen von Rio gab´s die vom DOSB ausgelobten 20 000 Euro Prämie (übrigens genau so viel wie für die Nicht-Behinderten), ausgezahlt in zwölftel Beträgen – quasi wie ein monatliches Gehalt über ein Jahr. Dazu gab´s einen Obolus von der NRW-Sportstiftung. Da der Para-Radsportler allerdings Unfallrente von der Berufsgenossenschaft (BG) bezieht, darf er von Gesetzes wegen kein Einkommen haben. Das Dortmunder Finanzamt brütet gerade über diesem speziellen Fall. Übrigens hat auch die BG längst die Zeichen der Zeit erkannt, finanziert ihrem Mandanten das teure Spezialrad und nutzt Dursts Eloquenz und seine besondere „Niemals-Aufgeben-Geschichte“ werbewirksam.

Der Behindertensportverband hat Hans-Peter Durst ins „Topteam Tokio 2020“ berufen, der sieht das als schöne Anerkennung und Ansporn, weitere Erfolge folgen zu lassen. Am liebsten schon Ende August, bei der Weltmeisterschaft im südafrikanischen Petermaritzburg. Schließlich gewann er fünf Mal in Serie den WM-Kampf gegen die Uhr und drei Mal das Straßen-Rennen. Und da scheint er am Ende eines langen Gesprächs am Phoenixsee wieder durch, Dursts alter Erfolgshunger, als er sich mit den Worten verabschiedet: „Ich habe berechtigte Hoffnungen, dass da was geht im Zeitfahren.“

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