OB Sierau zu Olympischen Spielen: Wir wissen, wie es geht - Eröffnungsfeier in Dortmund?

rnDortmunds OB im Interview

Dortmunds OB Ullrich Sierau hält Olympische Spiele an Rhein und Ruhr für realistisch. Er habe „keinen Anlass, daran zu zweifeln“. Sogar eine Eröffnungsfeier im Signal Iduna Park sei denkbar.

Dortmund

, 10.12.2019, 18:09 Uhr / Lesedauer: 8 min

Das Werben um Olympische Spiele an Rhein und Ruhr wird intensiver. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und der Sportmanager Michael Mronz treiben die Pläne gemeinsam mit den Bürgermeistern der Region weiter voran. In Dortmund blickt man zuversichtlich auf eine mögliche Bewerbung für die Spiele 2032.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau sagt: „Wir spucken in die Hände, krempeln die Ärmel hoch, haken uns unter und rocken das Ding.“ Oliver Brand hat mit ihm über eine mögliche Bewerbung, den Nutzen für die Stadt und die Rolle der Bevölkerung sowie die Finanzierung gesprochen.

Herr Sierau, die Region, aber auch Dortmund träumt von den Olympischen Spielen 2032. Wie kann eine solche Veranstaltung der Stadt helfen?

Sowohl die Sportstätten- als auch die Verkehrsinfrastruktur würden nachhaltig profitieren. Das haben wir, um einmal in Deutschland zu bleiben, 1972 in München gesehen. Aber auch in vielen anderen Städten, ob das nun Los Angeles ist, Melbourne oder aktuell Paris. Und letztendlich ist das Projekt ja auch als große Marketing-Kampagne zu betrachten, wir können den Menschen die Region hier näher bringen.

Sie argumentieren im Zuge einer möglichen Bewerbung generell damit, dass bereits heute relativ viel Infrastruktur vorhanden ist...

Das ist richtig, nur müsste das, was vorhanden ist, eben auch weiter qualifiziert werden. Bei den Sportstätten wäre das beispielsweise im Bereich der technischen Ausstattung. Aber auch der sonstigen Infrastruktur würden Olympische Spiele sicherlich nutzen.

Woran denken Sie dabei?

An die Hotelsituation zum Beispiel. Wir arbeiten daran, weitere Kapazitäten zu generieren, weil Investoren Dortmund mittlerweile als Veranstaltungsstadt ausgemacht haben. Es hätte also mit hoher Wahrscheinlichkeit positive Auswirkungen auf den Vier- oder Fünf-Sterne-Bereich. Und dieser Bereich ermöglicht es uns, auch Geld zu verdienen. Aber ich sehe dabei nicht nur Dortmund. Am Ende würde die gesamte Rhein-Ruhr-Metropole ihren Nutzen daraus ziehen. Nur müssen diese Dinge eben auch mal angegangen werden.

„Deswegen müssen auch vom Bund aus entsprechende Gelder fließen beziehungsweise zugesagt werden.“

Was meinen Sie damit?

Wir brauchen einen Masterplan, der vonseiten des Landes mit den Kommunen entwickelt wird – in Abstimmung mit den jeweiligen Sportverbänden und dem DOSB. Aber eben auch mit dem Bund. Denn eine Bewerbung für Olympische Spiele ist letztendlich immer ein nationales Projekt und nie ein rein lokales oder regionales. Deswegen müssen auch vom Bund aus entsprechende Gelder fließen beziehungsweise zugesagt werden. Das hat bei der Hamburger Bewerbung beispielsweise nicht funktioniert.

Warum nicht?

Unter anderem hat der damalige Innenminister, Thomas de Maizière, in einem Interview kurz vor der Abstimmung in Hamburg betont, dass eine gesicherte Finanzierung durch den Bund nicht garantiert werden könnte. Das hatte dann – wenig überraschend – entsprechende Auswirkungen auf das Abstimmungsergebnis. Die Hamburger Bevölkerung hatte infolge dessen die Befürchtung, alles aus eigener Tasche bezahlen zu müssen. Da muss der Bund sich diesmal also klar positionieren.

Wird er das tun?

Ich bin da optimistisch. Der derzeitige Innenminister, Horst Seehofer, hat sich dahingehend ja auch bereits positiv geäußert, als er vor etwa einem dreiviertel Jahr in Düsseldorf erklärt hat, dass er Olympische Spiele in Deutschland begrüßen würde.

Reicht das aktuelle Vorgehen von Michael Mronz, der das Projekt ja angestoßen hat, und von der Landpolitik aus?

Michael Mronz hat bislang einen herausragend guten Job gemacht, seitdem er diese private Initiative angeschoben hat. Die neue Regierung in Person von Ministerpräsident Armin Laschet hat ja zudem deutlich gemacht, dass man in diesem Projekt große Chancen sehe. Insofern war auch der Termin mit Armin Laschet, Michael Mronz und den Vertretern der Kommunen in Berlin vor Kurzem sehr hilfreich, um das Thema auch in der Hauptstadt präsent zu machen. Es musste gegenüber dem Bund jetzt auch mal adressiert werden, dass sich das Land NRW dieses Projekt zu eigenmacht.

Dennoch ist noch Luft nach oben…

Natürlich haben alle, auch wir hier in Dortmund, die Erwartung, dass die Dinge jetzt weiter beschrieben werden, dass Fragen wie Finanzierung, wie Infrastruktur-Ausbau, wie Sicherheit nicht nur aufgerufen, sondern auch kleingearbeitet werden. Da sehen wir uns als Kommune mit im Boot. Aber erst einmal muss vom Land, aber auch vom Bund der Rahmen geschaffen werden.

Was wäre der nächste Schritt?

NRW muss nach diesem Berlin-Termin stärker daran arbeiten, die verschiedenen Themen anzugehen und das ganze Projekt zu koordinieren. Wichtig wäre es aus meiner Sicht, wenn man dieser Aufgabe ein operatives Gesicht gibt. Beispielsweise aus einem Unterstützerkreis, der sich aus ehemaligen Olympiasiegern oder -teilnehmern aus der Region zusammensetzt.

„Ich trete definitiv dafür ein, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen.“

Braucht es auch wirtschaftliche Unterstützung?

Aus Unternehmerkreisen sicherlich, wobei ich hier sehr zuversichtlich bin, dass wir diese Unterstützung erhalten würden. Es braucht insgesamt ein starkes Bündnis. Zumal Berlin, das ja auch als möglicher Bewerber gilt, mit den Finals zuletzt gezeigt hat, dass es nicht nur über eine gute Infrastruktur verfügt, sondern auch organisatorisch so etwas auf die Beine stellen und auch Zuschauer mobilisieren kann. Deswegen müssen wir das, wie gesagt, hier jetzt angehen.

Braucht es einer Abstimmung in der Bevölkerung?

Ich trete definitiv dafür ein, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Nicht nur hinsichtlich einer Planung, sondern auch einer Konzeptentwicklung. In Dortmund haben wir damit bereits gute Erfahrungen gemacht im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mit unterschiedlichen Mitmachformaten. Da sind wir gut beraten, auch auf die Sportvereine zuzugehen, auf die Verbände, und mit ihnen gemeinsam Erwartungen und Zielsetzungen zu formulieren.

Was stimmt Sie denn zuversichtlich, dass nach den fehlgeschlagenen Bevölkerungsvotings in München und Hamburg die Menschen in NRW Olympischen Spielen in der Region positiver gegenüberstehen?

Ich glaube, die Abstimmungsergebnisse von Hamburg oder München sind stark auf eine mangelnde Einbindung der Menschen vor Ort zurückzuführen. Es haben sich zwar kompetente Leute zusammengesetzt, allerdings waren es eher abgeschlossene Abstimmungsprozesse. So ein bisschen wie bei Stuttgart 21. Dort wurde beschlossen, beschlossen, beschlossen, und dann war man plötzlich überrascht, dass es den Baubeschluss gab und die Stadtgesellschaft gar nicht darauf vorbereitet war.

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Was kann NRW daraus lernen?

Das wir es hier anders machen müssen. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir das hinbekommen. Die ganze Region hier ist nicht nur fußball- sondern sportbegeistert. Schauen Sie sich allein Dortmund an. Hier trainiert der Deutschlandachter, die Leichtathletik ist stark. Wir haben Boxen, Ringen, Schwimmen. Und auch im Para-Sport sind wir gut aufgestellt.

Und wie überzeugen Sie die Menschen?

Wenn wir die Olympischen Spiele wirklich hierher holen wollen, sollten wir für drei Dinge eintreten: Es müssen saubere Spiele sein, also ohne Doping. Zweitens: Die Spiele sollten dem Sport huldigen und nicht dem Kommerz. Und drittens, und das ist auch ein Appell an das Olympische Komitee sowie an die höheren Funktionäre: Man sollte Klarheit schaffen, dass diese Spiele für die Sportlerinnen und Sportler und die Zuschauerinnen und Zuschauer gemacht sind und nicht für die Funktionäre. Der Sport muss im Vordergrund stehen, das friedliche Miteinander. Dann bin ich davon überzeugt, dass es eine positive Einstellung gibt aufseiten der Bevölkerung.

„Die Spiele hätten einen Effekt, aber keinen, der die Struktur quasi durch einen Fingerschnipp komplett über den Haufen werfen würde.“

Besteht nicht auch die Gefahr, dass die Stadtentwicklung unter möglichen Spielen leidet? Beispielsweise, dass die Mieten und Preise im Zuge ansteigen, wie es bei Spielen in anderen Städten der Fall war.

Wenn man München heute betrachtet, muss man sicherlich sagen, dass eine solche Sorge nicht grundsätzlich unangebracht ist. Dort haben die Spiele 1972 mit dazu beigetragen, München imagemäßig aufzuwerten, was zu einer entsprechenden Entwicklung beigetragen hat, aber...

Aber?

Aber dort haben auch die Siemens-Ansiedlung nach dem zweiten Weltkrieg und die Nähe zu den Alpen sowie viele andere Dinge auch noch eine Rolle gespielt. Daher kann man auch keine Monokausalität herstellen. Wenn es so sein wird, dass wir durch Olympische Spiele eine Verbesserung der Infrastruktur, eine Verbesserung des Images, eine Verbesserung der Sportstätten haben werden, dann wird das auch zu positiven Effekten führen, die den Strukturwandel weiter voranbringen.

Mit welcher Konsequenz?

Dass Geld in die Region kommen wird - durch neue Arbeitsplätze, durch höhere Löhne, wovon letztlich die Bevölkerung profitiert. Die Menschen können sich mehr leisten, zum Beispiel im Bereich des Wohnens oder der Kultur – diesen Zusammenhang sollte man nicht außen vor lassen. Insofern glaube ich auch nicht, dass man die Sorge haben muss, die Stadt nach den Spielen nicht mehr wieder zu erkennen. Da gibt es andere Städte auf der Welt, die durch andere Prozesse „auf links gedreht“ worden sind.

Wen meinen Sie?

Seattle zum Beispiel. Dort ist durch Microsoft und Amazon eine Stadt innerhalb von zehn, zwanzig Jahren völlig verändert worden mit einem Gentrifzierungsprozess, der viele Leute in die Obdachlosigkeit getrieben hat. So etwas muss man hier für die Region nicht befürchten. Dafür sind wir zu robust. Die Spiele hätten einen Effekt, aber keinen, der die Struktur quasi durch einen Fingerschnipp komplett über den Haufen werfen würde.

Ein großes Thema in diesem Zusammenhang wird auch die Mobilität sein. Wie sehen Sie Dortmund, aber auch das Ruhrgebiet aufgestellt?

Ich gehe davon aus, dass wir bis dahin unsere Schieneninfrastruktur wesentlich verbessert haben. Stichwort Bahnhofsumbau, Stichwort RRX, Stichwort Thalys. Zudem sind wir aktuell dabei, unser Stadtbahnsystem zu optimieren. Wir werden dann schauen müssen, was in der dann noch verbliebenen Zeit nach einer Entscheidung bis zu den Spielen, also zwischen 2025 und 2032, im Bereich der Schieneninfrastruktur weiter getan werden muss. Sowohl lokal als auch regional. Genauso in Hinblick auf die Digitalisierung, auf Elektromobilität, E-Bikes, auf das Radverkehrssystem – in all diesen Dingen sind wir aktuell unterwegs und haben noch einiges vor.

Zum Sportlichen: In den Planungen werden Dortmund derzeit die Sportarten Fußball, Ringen, Schießen und Skateboarden sowie Straßenradrennen zugeordnet. Wie zufrieden sind Sie mit dieser Auswahl?

Auf den ersten Blick kommen wir sicherlich nicht schlecht weg. Nun wird man mal sehen, ob das, was da auf andere Standorte verteilt worden ist, dort auch wirklich zum Tragen kommt oder ob nicht vielleicht doch noch Sportarten frei werden, die wir hier vielleicht in Dortmund austragen könnten. Mit der umgestalteten Körnig-Halle und der geplante Großsporthalle verbessern wir unsere Sportstätten-Infrastruktur ja weiter. Und damit können wir werben, zumal es ja nicht nur um Wettkampfstätten geht, sondern auch um Trainingsstandorte. Aber wissen Sie, was mir noch gut gefallen hat?

Was?

Dass Michael Mronz in seiner Planung die Auftakt- und die Abschlussveranstaltung im Signal Iduna Park verortet hat. In diesen Zusammenhang sind ja auch Diskussionen über einen möglichen Stadion-Neubau entstanden. Die Idee ist, meine ich, im Rheinland entstanden.

„Wir spucken in die Hände, krempeln die Ärmel hoch, haken uns unter und rocken das Ding.“

Was halten Sie von dieser Idee?

So etwas gehört zu einem solchen Prozess dazu, dass solche Ideen geboren werden. Aber so etwas muss man dann eben auch finanziell hinterlegen. Und wenn wir sagen, dass wir die Infrastruktur, die vorhanden ist, nutzen wollen, dann bietet sich der Signal Iduna Park allemal an. Ich denke, in einem solchen Prozess wird man am Ende auch mit einem gewissen Pragmatismus zu Werke gehen müssen, um die Komplexität zu reduzieren. Und da muss man sagen: Einerseits haben wir hier in Dortmund die Strukturen, und wir haben hier viele große Veranstaltungen erfolgreich durchgeführt, sei es die Loveparade, Stillleben, die Double-Feier 2012, Pokemon Go.

Das heißt?

Dass wir wissen, wie es geht! Dass wir nicht nur die Hardware besitzen, sondern auch die Software plus die richtige Kooperationsmentalität mit beteiligten Institutionen wie Polizei und Feuerwehr. Wir spucken in die Hände, krempeln die Ärmel hoch, haken uns unter und rocken das Ding. Wenn das Land jetzt Strukturen und Konzepte entwickelt, die Finanzierung gesichert ist, dann werden wir in der Lage sein, hier in Dortmund viel für die Region zu tun und einen Beitrag dazu leisten zu können, dass die Olympischen Spiele 2032 hier in guten Händen sind und ein einzigartiges Erlebnis werden.

Sie haben das Thema Stadion-Neubau angesprochen. Ein Leichtathletik-Stadion gibt es in der Region keines mehr. Könnte Dortmund eins gebrauchen?

Es gibt, nicht weit weg von hier, die Lohrheide in Bochum-Wattenscheid. Wir wissen, dass unsere Freunde in Bochum das weiterentwickeln wollen – und das unterstützen wir entsprechend. Ich würde es begrüßen, wenn man dort mit einer ertüchtigten Sportstätte mit im Olympia-Boot sitzen würde. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und da sollten wir uns nicht gegenseitig das Wasser abgraben.

Würde die Lohrheide für eine solche Veranstaltung ausreichen?

Sie würde natürlich noch deutlich ertüchtig werden müssen, sodass sie auch in der Lage ist, die Zuschauerzahlen bei Olympischen Spielen entsprechend aufzunehmen. Das muss allerdings dort konzipiert und entschieden werden. Wenn sie es also angehen, muss es sicherlich auch olympiatauglich sein.

Die Westfalenhallen haben einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Werden diese den bis 2032 weiter gestiegenen Anforderungen genügen?

Daran arbeiten wir. Der Auftakt ist gemacht mit dem Eingang und der Erschließung. Es gibt konkrete Pläne, das weiter voranzutreiben. Die Westfalenhalle verfügt über ein tolles Pressezentrum, das für die WM 2006 gebaut worden ist. Auch das ist ja noch eine Frage, die geklärt werden muss. Infrastrukturell kann die Westfalenhalle ein Rückgrat für die Olympischen Spiele sein. Mindestens für unsere Region, wenn nicht auch für den Gesamtzusammenhang.

Wie viel Mitspracherecht haben die Kommunen bei der Planung?

Rechte sind nicht einklagbar. Aber bisher war alles sehr partnerschaftlich. Es hängt vom eigenen Engagement und den eigenen Ideen ab.

Sollte sich Rhein-Ruhr City gegen den möglichen Mitbewerber Berlin durchsetzen: Wie sehen Sie die internationale Konkurrenz?

Man muss abwarten, wie sich andere Kandidaten positionieren. Brisbane in Australien zum Beispiel. Nord- und Südkorea sind ja auch im Gespräch. Wenn die beiden Länder es als großes Friedensprojekt globalen Ausmaßes verkaufen, dann wird es sehr schwierig, sportpolitisch zu argumentieren. Gut möglich, dass das IOC dann sagen wird, sich dem nicht verschließen zu können. Wir müssen daher auf allen Ebenen einen Konsens finden. Alle müssen mitziehen. Es braucht eine Steuerung, die funktioniert, und da hoffe ich darauf, dass dies auch sichtbar wird. Am Start erkennt man den Sieger, sagt man ja im Sport.

Abschließend: Wird es Olympische Spiele 2032 an Rhein und Ruhr geben und wo werden wir Sie dann sehen?

Ich habe im Moment keinen Anlass, daran zu zweifeln. Und ich werde dann mitten drin sein. Mindestens als Zuschauer.

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