Beim Sparkassen Chess-Meeting trifft sich regelmäßig die Weltelite des Schachsports in Dortmund. Von einer „Schach-Hochburg“ ist hier sogar die Rede. Doch die Sportart hat Probleme.

Dortmund

, 23.07.2018, 14:07 Uhr / Lesedauer: 4 min

c2 auf c4. Wladimir Kramnik wählt im Duell mit dem polnischen Newcomer Jan-Krzysztof Duda die Englische Eröffnung, und der 43-jährige Superstar zeigt bereits mit seinem ersten Zug einen großen Teil der Faszination, die Schach als Sportart ausmachen kann. Die Englische Eröffnung, so heißt es, sei ein Mittel des Stärkeren. Das wissen Schachexperten, und vermutlich auch all diejenigen, die in den vergangenen Tagen in das Dortmunder Orchesterzentrum gekommen sind, um einigen der besten Spieler der Welt beim Sparkassen Chess-Meeting zuzuschauen. Wer dagegen etwas weniger von der Materie versteht, blickt, zumindest im Spitzenschach, oft ratlos auf das Geschehen.

Spannender als ein Elfmeterschießen im Champions-League-Finale

„Es ist als Zuschauer-Sportart wohl die spannendste, die es gibt“, sagt Christian Goldschmidt, der Vorsitzender der Schachgemeinschaft Dortmund ist. „Selbst ein Elfmeterschießen im Champions-League-Finale kann oft nicht den Spannungsgrad erzeugen, den eine Schachpartie in der Hochphase erzeugt.“ Vorausgesetzt: Der Zuschauer kann genau das nachvollziehen, was da gerade auf den 64 Feldern passiert. Für alle anderen ist das „Spiel der Könige“ dagegen nicht viel mehr als das Hin- und Herschieben von ein paar Figuren, die Dame, Bauer oder Turm heißen.

In Dortmund trafen sich nun einige der Besten. Der Niederländer Anish Giri, Nummer zehn der Welt, war zu Gast. Ebenso der Europameister von 2010, Ian Nepomniachtchi, oder Titelverteidiger Radoslaw Wojtaszek aus Polen. Und eben Kramnik. Der Dortmunder Rekordsieger (zehn Titel) ist der 14. Weltmeister der Schachgeschichte und hat seine ersten drei Partien nur remis gespielt.

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Wladimir Kramnik (r.) siegte zwar gegen den jungen Polen Jan-Krzysztof Duda im direkten Duell. In der Turnierwertung aber lag Duda weit vor dem Russen. © Souleidis

Gegen den 20 Jahren alten Youngster Duda steht er also unter Druck. Doch nach der Englischen Eröffnung und zwölf Zügen steht Kramnik mit dem weißen Läuferpaar und Druck gegen den zentralen schwarzen Bauern auf d5 besser.

Nach nur drei Stunden gewinnt er schließlich souverän - Partien können sonst auch schon einmal bis zu sieben Stunden dauern. „Mein Gegner hat wohl irgendwas verwechselt in der Eröffnung. Die Stellung gibt es sogar mit dem Turm auf e8 für Schwarz, aber mit dem Turm auf f8 muss es noch besser sein für Weiß“, sagt Kramnik, der mit einer Elo-Zahl von 2792 die Nummer vier der Weltrangliste ist, und wieder dürfte es so manchem Nicht-Experten schwerfallen, hier zu folgen.

Schach-Großmeister denken bis zu zehn Züge im Voraus

Schach, sagt Turnier-Direktor Stefan Koth, sei so reizvoll, weil es so viele unterschiedliche Facetten biete. Die einen wählen einen wissenschaftlichen Ansatz, „die sagen, Schach sei Mathematik“, erklärt Koth. Andere kämen dagegen eher über den taktischen Weg. Großmeister zum Beispiel denken bis zu zehn Züge im Voraus. Und wieder andere gingen „total unorthodox vor und bringen andere Spieler durcheinander, indem sie aus bekannten Schemen ausbrechen“. Auch Koth sagt, man müsse das Spiel, die Details verstehen, um die Faszination greifbar zu machen.

Dabei wird Schach hierzulande fast überall gespielt. Mehr als 90.000 Mitglieder in 2400 Vereinen zählt der Deutsche Schachbund (DSB). In Dortmund verteilen sich derzeit knapp 850 Mitglieder auf 17 Vereine. „Wir sind hier so etwas wie eine Schach-Hochburg“, sagt Christian Goldschmidt. Mit dem SC Hansa gibt es sogar ein Team, das in der 2. Bundesliga spielt. Dennoch sieht Goldschmidt Probleme auf Schach zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung zukommen. Die Sportart habe generell einen schweren Stand.

Die Sportart Schach hat einen schweren Stand

„Schach fehlt es an Sponsoren und läuft nicht im Fernsehen, weil man es nur schwer vermitteln kann“, sagt der 51-Jährige. Mehr Beachtung findet der Sport dagegen im Internet, wo die Menschen selbst aktiv werden und mitspielen können. Das sei zwar einerseits schön für das Internet, so Goldschmidt, „andererseits ist es aber schlecht für die Vereine, weil die Leute, die gerne mal eine Partie Schach spielen wollen, nicht mehr ins Vereinsheim gehen, sondern eben von zu Hause aus online spielen.“ Hinzu kommt: Das Bundesinnenministerium kappte den Schachathleten vor ein paar Jahren wegen „beim Denksport nicht vorliegender eigenmotorischer Aktivität“ die Spitzensportförderung, damals immerhin 130.000 Euro.

„Wenn man heute Weltklasse-Schach selbst zelebrieren will, wie die Spieler beim Chess-Meeting, dann muss man auch körperlich fit sein, um den Spannungsbogen im Kopf möglichst lange zu halten“, sagt Gerd Kolbe, Veranstaltungsleiter des Chess-Meetings.

Pähtz: „Schachspieler kommen ins Schwitzen“

Deutschlands beste Schachspielerin Elisabeth Pähtz sagt, sie verliere während einer Partie „ein-, zweihundert Gramm oder vielleicht sogar etwas mehr“ an Gewicht. Deshalb sei Sport, entgegen anderer Vorurteile auch ein Sport im klassischen Sinne. „Schachspieler kommen ins Schwitzen, weil sie eben eine extreme Konzentration über einen längeren Zeitraum halten müssen.“

Beim Chess-Meeting in Dortmund fungiert die Junioren-Weltmeisterin von 2005, wie auch die Großmeisterin Melanie Lubbe, an der Seite des deutschen Großmeisters Klaus Bischoff als Kommentatorin.

Es ist das erste Mal in der 46 Jahre währenden Geschichte des Turniers, dass Frauen die Spiele kommentieren, und es zeigt, dass der Schachsport noch immer eine Männerdomäne ist. Bundesweit beträgt der Frauen-Anteil gerade einmal 8,4 Prozent. In Dortmund ist er noch geringer, hier sind lediglich 6,6 Prozent der Mitglieder weiblich.

Frauen haben beim Schach einen schweren Stand

„Schach ist eine Männer geprägte Sportart, und man merkt immer noch, dass wir an einigen Stellen diskriminiert werden“, sagt Elisabeth Pähtz. Auch in Deutschland werde „viel mehr“ für das Männer-Schach unternommen als für das Frauen-Schach. Bestes Beispiel, so die 33-Jährige, sei das Chess-Meeting in Dortmund.

Während hier gleich zwei deutsche Schachspieler die Möglichkeit erhalten, gegen einige der besten Spieler der Welt anzutreten, gebe es ein vergleichbares Turnier für Frauen nicht. „Das ist für mich traurig. Wenn ich die Chance hätte, gegen die Top Ten der Frauen jedes Jahr aufs Neue spielen zu können, würde das dem Frauen-Schach schon sehr helfen.“

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Elisabeth Pähtz kommentierte als erste Frau die Partien beim Chess-Meeting. © imago

Gleichzeitig liegt es Pähtz aber auch fern, diesen Umstand als Ungerechtigkeit zu beklagen. „Ich kann da weder meinem Verband noch irgendwem anderes einen Vorwurf machen“, sagt sie.

Es liege ganz allein an den Sponsoren, die sich fast ausschließlich auf die besten Schachspieler der Welt konzentrierten. „Die haben eben mehr Interesse, einen Kramnik zu sehen als eine Hou Yifan, die wohl beste Spielerin der Welt derzeit.“

Es gilt die „Tiefe des Spiels“ zu verstehen

Die Idee, eine Kommentatorin beim Chess-Meeting zu installieren, sei im vergangenen Jahr entstanden, sagt Stefan Koth. „Wir wollten neue Impulse setzen, um vielleicht auch neue Zielgruppen anzusprechen, und das wird auch sehr gut angenommen.“ Ohnehin dürfte Frauen-Schach nicht minder spannend sein als das der Männer.

Jede Partie sei einzigartig, sagt Elisabeth Pähtz. In jeder Partie müsse man neue Pläne, neue Strategien entwickeln. Aber auch die 33-Jährige sagt: „Das Spiel ist wahrscheinlich für jemanden, der sich nicht damit auskennt, nicht so interessant, weil er die Tiefe des Spiels nicht versteht.“ Und so kämpft Schach weiter mit dem Problem, dass wohl nicht alle die Faszination dieser Sportart auf den ersten Blick erkennen.

Der „unaussprechliche“ Schachkönig
In souveräner Manier gewann der russische Großmeister Ian Nepomniachtchi das diesjährige Sparkassen Chess-Meeting in Dortmund mit 5,0 Punkten vor dem Niederländer Arish Giri, dem Weißrussen Vladimir Kovalev und dem Polen Jan-Krzysztof Duda. Enttäuschend verlief es für Altmeister Wladimir Kramnik, den Vorjahressieger Radoslaw Wojtaszek und Deutschlands Nr. 1 Liviu-Dieter Nisipeanu, die auf den letzten drei Plätzen einliefen.
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