Westfalia Wickede feiert: Das hat noch kein Dortmunder Klub geschafft

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Westfalia Wickede feiert in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum, das es so bei den heimischen Vereinen noch nicht gab - und hat auch schon einen Plan, falls die Feier ausfallen muss.

Dortmund

, 02.06.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Schon in der kommenden Woche, wenn der Verbandstag des FLVW endgültig die Entscheidung über den Saisonabbruch treffen wird, könnte Westfalia Wickede den Klassenerhalt feiern - aber nicht nur den.

Sie waren gekommen, um zu bleiben. Und sie blieben – bis heute. Zehn Jahre ist es her, da stieg einer der emotionalsten Klubs der Stadt in die Westfalenliga auf. Westfalia Wickede hatte einen steilen Aufstieg aus der Bezirksliga hinter sich. Seitdem hält sich der Verein aus dem Dortmunder Osten auf einer Hochebene des Dortmunder Amateurfußball-Bergs. Die Westfalenliga kann nicht ohne Westfalia. Und Westfalia kann nicht ohne seine Urgesteine. Drei davon erinnern sich.

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Um die Geschichte und den Stellenwert des Vereins für den Vorort, aber auch für den gesamten Dortmunder Amateurfußball in voller Kraft zu würdigen, müssten eigentlich hunderte Menschen zu Wort kommen. Was wäre dieser Verein ohne die vielen Helfer? „Unser größter Sponsor ist das Ehrenamt“, hatte der damalige Vorsitzende Hans-Walter von Oppenkowski immer wieder gerne gesagt. „Rückblickend“, sagt der heutige Vorstandsbevollmächtigte der Dortmunder Löwen aus Brackel „war es eine sehr schöne Zeit“. Er, der während seiner 23 Jahre im Wickeder Vorstand sein Leitmotiv „Ohne Information keine Motivation“ lebte, nahm die vielen Fleißigen immer mit auf den Westfalia-Weg.

Er redete mit ihnen, setzte auf Transparenz und erntete dafür eine enorme Hilfsbereitschaft. „Wir entwickelten uns ja nicht nur sportlich weiter. „Aller Unkenrufe zum Trotz erwies sich unser Umzug 2007 aus dem Wickeder Ortskern an den Fränkischen Friedhof als Glücksgriff.“ Die Westfalia-Familie zog mit um. Und sie feierte drei Jahre später das 100-Jahr-Jubiläum und den größten Erfolg ihrer Geschichte, den Durchmarsch aus der Bezirksliga, den Aufstieg in die Westfalenliga. Welch ein Jahr!

„Wenn wir 2020 nicht feiern dürfen, streichen wir die Null und machen eine Eins daraus“

Von Oppenkowski ging 2015. „Mein Wickeder Herz ist aber geblieben.“ Das sagen fast alle, die im Zeichen des Westfalia-Pferdes aktiv waren. „Damals hatten wir natürlich auch eine tolle Mannschaft.“ Für die Zusammenstellung und die gute Stimmung in ihr war der damalige Sportliche Leiter Klaus-Dieter Friers zuständig. So vorteilhaft Corona für den voraussichtlichen Verbleib der im zehnten Jahr hoch abstiegsgefährdeten Westfalia ist, so schädlich ist das Virus für die in Wickede noch immer beliebten Gemeinschaftserlebnisse. „Ich wollte die Feier organisieren. Dass sie ausfällt, ist sehr schade“, sagt Friers. „Ja, wir waren ein tolles Team mit tollen Spielern. Viele sind lange zusammengeblieben. Sie haben das Wickede-Gefühl immer gelebt. Eine traumhafte Zeit“, sagt Friers, der beim FC Brünninghausen heute Geschäftsführer ist.

Kopf der Mannschaft war Marko Schott – der ewige Marko Schott, der von 2006 bis 2017 Spielertrainer und Trainer war – und jetzt, da der Verein einen wie ihn brauchte, zu seinem Kindheits- und Jugendverein zurückkehrte. „Wir sind Wickeder. Wenn wir 2020 nicht feiern dürfen, streichen wir die Null und machen eine Eins daraus. Dann lassen wir es 2021 elf Jahre nach dem Aufstieg krachen.“ Genauso verfahren auch die Sportfreunde Oestrich, mit denen Schott 25 Jahre Oberliga-Aufstieg gefeiert hätte.

Marko Schott hat mit Westfalia Wickede schon so einiges erlebt.

Marko Schott hat mit Westfalia Wickede schon so einiges erlebt. © Stephan Schuetze

Da die Reise durch die vergangenen zehn Jahre nun nicht in der Vereinskneipe erfolgen darf, nehmen wir die drei Ur-Wickeder hier mit. Das Jahr 2010 begann mit einem Freitag und endete mit einem Freitag. Passender hätte es für einen Einstieg nicht sein können. Denn in Freitagabendspielen kulminierte das, was sich beim Emporkömmling aus Wickede während der Wochen zusammengebraut hatte: „Die Spieler auf dem Platz fuhren besonders dann hoch, wenn das Flutlicht anging. Und das Publikum zog mit, schaffte eine einmalige Fußballatmosphäre, die es später im Vereinsheim mit lauten „Wickede, Wickede“-Rufen krönte. Hier feierten alle gemeinsam, später gerne noch im „Alten Hellweg“.

Westfalia Wickedes Aufstieg mit einem „Berg an Bierkästen in der Kabine“

Der 30. Mai, der Tag des größten Wickeder Triumphes, war allerdings ein Sonntag. Es goss in Hamm-Heessen aus Kübeln. Die mit vier Bussen angereiste Wickeder Partygemeinde aber ließ sich nicht bremsen: „Es war ja ein denkbar knappes Titelrennen gegen den TuS Eving. Als wir 2:0 im Fernduell führten, brachen alle Dämme. Der Regen störte keinen, wir hatten schon in Getränken gebadet. Nass waren wir alle sowieso“, erinnert sich Marko Schott. Innen nass, außen nass – rund um das Pappelstadion feierte ganz Wickede die Westfalia, diese Mischung aus starken routinierten Fußballern und Talenten. Sie konnten es auch sonntags.

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Klaus-Dieter Friers kommt zuerst „der Berg an Bierkisten in der Kabine“ in die Erinnerung, wenn er an damals denkt. „Und dann der Empfang in Wickede. Ja, wir waren eine tolle Gemeinschaft. Und wir hatten super Spieler. Leute wie Roman Schmanietz, Sebastian Didion, Dominic Seelig waren echte Typen. Das machte alles enorm viel Spaß.“ Und Hans-Walter von Oppenkowski genoss es, dass „so viele Menschen Anteil an unserem Erfolg nahmen“.

Nun war es eine bemerkenswerte Leistung, Umzug, Durchmarsch und Jubiläumsfeier zu „wuppen“. Dies zu veredeln und das Erreichte dauerhaft aufrechtzuerhalten oder sogar auszubauen, ist, wie in allen Bereichen des Lebens, aber oft schwieriger. Von Oppenkowski behielt immer das Wohl des Vereins im Auge. Und er nahm, das sollte später zu einem Qualitätsmerkmal werden, auch die im Leben nicht so privilegierten jungen Menschen mit auf den Westfalia-Weg. Der Verein erhielt mehrere Auszeichnungen für Projekte, Flüchtlingskinder und den Nachwuchs aus sozial schwachen Familien spielerisch auf das Leben vorzubereiten.

Bei der Westfalia werden Neuzugänge zu echten Wickedern

Menschlich stimmte es. Für die erste Mannschaft hießen die Garanten dafür Friers und Schott. „Aber ich möchte ausdrücklich das gesamte Trainerteam loben. Damals waren Alexander Gocke, Martin Wiercimok und Martin Kalwa enorm wichtig. Später wurden andere zu wertvollen Stützen“, sagt Schott. Alle hatten gemein, den Neuen das Westfalia-Gen einzuimpfen. „Wir waren dem, was den Fußball von früher ausmachte, am nächsten“, beschreibt Schott Wickede sehr anschaulich.

„Das sind wir auch heute noch, selbst wenn es auch anders ist als vor zehn Jahren. Aber wir hatten immer gute Spieler, verlässliche Routiniers und ambitionierte Junge – und vielleicht auch gute Trainer.“ Im Pappelstadion erfuhren Besucher lange noch, was viele Jüngere nur aus schwärmerischen Erzählungen der Alten kannten. „Ich war ja am Ende nicht mehr dabei. Aber ich denke, dass der Zusammenhalt der Garant dafür war, dass Wickede immer die Liga hielt“, sagt auch Friers. „Ich spüre das noch heute. Fast alle meine Freunde sind Westfalia-Mitglieder.“

Klaus-Dieter Friers ist heute Geschäftsführer des FC Brünninghausen. Davor gehörte sein Herz Westfalia Wickede.

Klaus-Dieter Friers ist heute Geschäftsführer des FC Brünninghausen. Davor gehörte sein Herz Westfalia Wickede. © Foltynowicz

Neue wurden zu Wickedern. Ein Beispiel ist der heutige Kapitän Anil Konya, der vom Evinger Rivalen zum Eckpfeiler der heutigen Westfalia avancierte. Schott erinnert sich an den Tag, „als ich vor zweieinhalb Jahren meine Familie verließ. Der Schritt zu Westfalia Rhynern wäre gut für mich gewesen. Aber es sollte eben so sein, dass ich dann in Bausenhagen, bei mir praktisch vor der Haustür, etwas kürzer trat.“ Jedenfalls, erinnert sich Schott an den Tag der Trennung, Wickede hatte sportlich etwas an Glanz verloren, emotional aber nicht: „Anil, der ja ohnehin nah am Wasser gebaut war, heulte Rotz und Wasser. Er bekam seine Rede gar nicht zu Ende.“ Am Ende weinten alle. So wie sie 2015 geweint hatten, als sie in Recklinghausen die Relegation gegen den SV Schermbeck 0:3 verloren hatten. Am Ende war den Wickedern die Puste ausgegangen. Der Traum der Oberliga war ausgeträumt.

Marko Schott ist bei Westfalia Wickede wieder nach Hause gekommen

Nach dem verpassten Aufstieg verblasste der Glanz zunächst. „Wir hatten viele schöne Jahre in der Westfalenliga, dann zwei nicht mehr so gute“, resümiert Schott. Wickeder aber geben nicht auf. Im Sommer 2016 köpfte Sebastian Didion, eins dieser Urgesteine, die maßgeblich an den Erfolgen beteiligt gewesen waren, im letzten Saisonspiel gegen die Spielvereinigung Olpe in der Nachspielzeit das 1:1. Wieder Emotionen, diesmal welche der Erleichterung. Die Westfalia hatte das Foto-Finish im Abstiegskampf gegen die SG Finnentrop/Bamenohl im Keller gewonnen. Kurz schien es wie früher. Wickede ließ der Freude freien Lauf.

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Selbst wenn sportlich die große Zeit vorbei schien, schöpfte Wickede Kraft aus den eigenen alten Reihen. Gocke wurde Chef-Coach, Horst Linke, ein Ur-Wickeder, war jetzt wieder Vorsitzender. Sie taten alles dafür, um den Absturz zu verhindern. In diesem Jahr aber wäre es vielleicht passiert. Als Linke jetzt einen Nachfolger für Gocke suchte, musste er nicht lange überlegen: „Marko ist der Richtige!“ Seinem Verein nicht zu helfen, kam nicht in Frage: „Mein Herz schlug immer für die Westfalia. Als ich drei Jahre alt war, war ich immer am Platz. Meine Eltern bewirteten die Vereinsgaststätte. Wickede ist meine Heimat. Ich bin jetzt wieder nach Hause gekommen.“

Schott ist wieder da. Ähnlich wie vor 14 Jahren, als er das erste Mal zurückkehrte, ist die Zeit nicht leicht. „Schade, dass wir auf so viel verzichten müssen. Wir sind aber stolz auf das, was wir erreicht haben und auf diejenigen, die es erreicht haben“, erklärt Linke. „Wir machen daher natürlich weiter, sobald es geht.“ Die meisten in Wickede sind überzeugt: Marko Schott hätte es mit der Mannschaft bei nur einem Punkt Rückstand bei zwölf verbleibenden Spielen geschafft. „Vielleicht war der Umbruch vor der Saison doch zu groß. Ich war zwar noch nicht da, aber womöglich waren es doch zu viele junge Spieler. Gehen wir davon aus, dass der Verband uns nicht absteigen lässt, setzen wir jetzt auch wieder verstärkt auf Routiniers – und auf junge Leute“, sagt der ewige Marko Schott.

Wickede kehrt zum Erfolgsrezept, der passenden Mischung, zurück. Zusammen halten sie ohnehin, auch in der Krise. Ist das der Plan für zehn weitere Jahre Westfalenliga? Schott hätte nichts dagegen: „Das wäre doch schön!“ Ewiger Wickeder, ewiges Wickede…

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