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Wie ein Dortmunder vom Familienvater und Workaholic zum Marathon-Helden wurde

rnMarathon

Thomas Mehrer hat Frau, Kinder, einen guten Job - will aber mehr. Heute gehört er zu wenigen Menschen, die die sechs weltgrößten Marathons gelaufen sind - trotz Unwetter, Verletzungen und Terrorangst.

Dortmund

, 13.06.2019 / Lesedauer: 7 min

Der amerikanische Wetterdienst hatte „sintflutartigen Regen“ für Boston vorhergesagt - und hatte Recht behalten. Irgendwo 30 Kilometer außerhalb von Boston ist Thomas Mehrer draußen auf der Straße und versucht, gegen den Regen, der waagerecht von vorne auf ihn einprescht, anzulaufen.

Wie ein Dortmunder vom Familienvater und Workaholic zum Marathon-Helden wurde

Thomas Mehrer mit seinen Medaillen, links die Six-Star-Finisher-Medaille. © Brand

Die Temperatur liegt irgendwo um den Gefrierpunkt, links und rechts am Straßenrand liegt noch der Schnee, der am vorherigen Tag über Boston heruntergekommen ist. Aber Thomas Mehrer läuft weiter. In seinen Knochen stecken zu diesem Zeitpunkt schon ein Knöchelbruch mit Knorpelschaden, ein Achillessehnenriss, ein Muskelfaserriss und und ein Ermüdungsbruch im Fuß. Aber Thomas Mehrer läuft weiter.

Läufer müssen wegen Unterkühlung aufgeben

Ein Gedanke kreist dem 50-Jährigen immer wieder durch den Kopf: Einfach an den Straßenrand setzen, in eine warme Decke wickeln und ein heißes Getränk schlürfen. Aber Thomas Mehrer läuft weiter gegen den Regen an. Über 30 Kilometer liegen noch vor ihm. Links und rechts bleiben Leute stehen und geben auf, später stellt sich heraus, dass die meisten von ihnen an Unterkühlung litten - aber Thomas Mehrer läuft immer weiter.

Im Video Ausschnitte von den Wetterbedingungen beim Boston-Marathon 2018:

Was sich nach einem dramatischen Endzeit-Actionfilm anhört, hat sich im Jahr 2018 im Leben eines ganz normalen Dortmunder Familienvaters abgespielt. Wie viele Dortmunder wohnt Mehrer schon immer in der einstigen Bierhauptstadt der Welt. Wie viele Dortmunder geht Mehrer regelmäßig zum BVB. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, fährt jeden Morgen zur Arbeit. Kurz gesagt - wie fast jeder Dortmunder ist der 50-jährige Thomas Mehrer ein ganz normaler „Dortmunder Junge“.

„Ist das schon alles gewesen?“

Aber wie kam es da zu den dramatischen Szenen in Boston? Mehrer selbst würde den Grund als „positive Midlife-Crisis“ beschreiben. Mit 44, das war im Jahr 2013, hat Thomas Mehrer alles erreicht, was die Gesellschaft vom Durchschnittsbürger erwartet: Er hat eine Ehefrau, zwei Kinder, ein Haus, Erfolg im Job. Mehrer stellt sich die Frage, die sich wohl - Hand auf’s Herz - jeder Mensch früher oder später ein Mal im Leben stellt: „Ist das schon alles gewesen?“

„Ich habe gelernt, meine Grenzen zu verschieben.“
Thomas Mehrer

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen beantwortet der Dortmunder die Frage mit nein. Und der noch größere Unterschied zu vielen anderen: Thomas Mehrer tut auch etwas. Er schnürt die Schuhe und fängt an zu laufen. Nicht, dass er sein ganzes Leben lang unsportlich gewesen wäre, Mehrer hat schon immer ein bisschen was gemacht, aber: „Wenn man älter wird und sich um Familie und Beruf kümmert, da rückt der Sport so ein bisschen in den Hintergrund“, sagt Mehrer.

Zufall bringt Thomas Mehrer zu seinem ersten großen Marathon

Trotz bereits lädierter Knochen setzt sich Mehrer das Ziel, Anfang 2014 einen Halbmarathon in Oberhof mitzulaufen. Morgens klingelt der Wecker vor der Arbeit früher, der Sonntag startet schon um 6 Uhr morgens. Mehrer achtet auf seine Ernährung, trainiert und wird immer besser. Irgendwann fragt er sich: „Warum eigentlich nur ein Halbmarathon?“ Der Dortmunder ist so gut drauf, dass er sich mich seiner Frau nach internationalen Marathons umschaut - und fündig wird. Vancouver im Mai 2014 soll es sein, dort verbrachten die Mehrers schon ihre Flitterwochen.

Wie ein Dortmunder vom Familienvater und Workaholic zum Marathon-Helden wurde

Im September 2016 ist Thomas Mehrer beim Chicago-Marathon gestartet. © Privat

Freunde und Familie trauen ihm nicht zu, den gesamten Marathon zu schaffen -aber Mehrer schafft es. 3 Stunden und 43 Minuten braucht er damals. Er ist zufrieden mit sich, als sich der Zufall - oder das Schicksal - in sein Leben einmischt. In Vancouver bekommt er eine Wildcard für den Berlin-Marathon. Eigentlich wollte Thomas Mehrer nur einen Marathon laufen, es sich selbst beweisen. Das hat er auch getan. Aber er hat Blut geleckt - und läuft auch den Berlin Marathon im September 2014.

Berlin, Boston, Cicago, New York, Tokio, London

Und wieder schlägt das Schicksal zu: Mehrer erfährt in Berlin von der Six-Star-Finisher-Medaille. Das einzigartige Edelmetall bekommt ein Läufer, wenn er an den sechs größten Marathon-Wettbewerben der Welt teilnimmt. Berlin, New York, Chicago, Boston, Tokio und London. Thomas Mehrer denkt nach, überlegt und kommt zu dem Schluss, dass es „ziemlich cool“ wäre, jedes Jahr einen der Marathons zu laufen. Die Entscheidung steht. Das war im September 2014.

Knapp fünf Jahre später hält Thomas Mehrer, ein ganz normaler Dortmunder Junge, die Six-Star-Finisher-Medaille in den Händen. Den Stolz kann man ihm an seinem Lächeln ansehen, das Blitzen in seinen Augen verrät, was für den heute 50-Jährigen hinter der Medaille steckt. „Das Ganze hat mir gezeigt, dass ich nicht nur an meine Grenzen gehen, sondern sie auch verschieben kann“, erklärt Mehrer.

Verletzungen, Rückschläge und Angst überwunden

„Nach dem Berlin Marathon habe ich gerechnet. Wenn ich jedes Jahr einen der großen Sechs laufe, bin ich 50, dann habe ich es geschafft“, sagt der 50-Jährige.

Das hat Thomas Mehrer. Aber vom September 2014 bis ins Jahr 2019, von der „Midlife-Crisis“ bis zur Six-Star-Medaille in den Händen, ist Einiges passiert. Ein Spaziergang war das ganze nämlich nicht.

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Thomas Mehrer mit seiner Startnummer beim Tokio-Marathon. © Privat

Er habe in den vergangenen fünf Jahren „grenzwertige Erfahrungen gemacht“, sagt Mehrer. Es sind Dinge passiert, die eigentlich darauf hindeuteten, dass er sein Ziel nicht erreichen sollte. Drei Monate vor dem New York Marathon bekommt Mehrer die Diagnose Ermüdungsbruch im Mittelfuß. Der Orthopäde ordnet absolute Ruhe an. Drei Monate später, im November 2015, hält Mehrer die Medaille des New York-Marathons in der Hand, ein offizielles Go vom Arzt gab es nie. „Mit viel Glauben, Schonung und Fahrrad-Fahren habe ich es geschafft“, erklärt Mehrer die unglaubliche Geschichte.

Grenzen verschieben. Das hat Mehrer auch vor Chicago wieder gemacht. Sechs Wochen vor dem Start hat er einen Muskelfaserriss. Sechs Wochen später, im September 2016, hält Mehrer die Chicago-Medaille in der Hand. Ein Jahr später läuft Mehrer in Tokio, holt sich die vierte Medaille. Zwei fehlen noch. Die Verletzungen halten sich seit 2017 in Grenzen, aber etwas anderes lässt Mehrer im Stich: Das Glück verlässt ihn.

Thomas Mehrer hatte auch Losglück

Die bisherigen Startplätze hatte er im Losverfahren ergattert. In Tokio wurden 5.000 der 50.000 Startplätze über das Losverfahren vergeben, etwa 15 Deutsche werden gezogen, einer davon war Thomas Mehrer. In Boston hat er 2018 kein Glück, muss sich den Startplatz über einen Veranstalter erkaufen. Mehrer reist mit der ganzen Familie in die USA, das Wetter ist gut, 15 Grad und Sonnenschein. Nach dem Rennen will die Familie Sightseeing machen.

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Thomas Mehrer ist für die Marathon-Challenge durch die ganze Welt gereist - war 2017 in Tokio. © Privat

Dann, am Tag vor dem Marathon, gibt es einen Wettersturz. Noch nie ist das Wetter beim ältesten Marathon der Six Stars so schlecht gewesen, wie im Jahr 2018. Zehn Prozent aller Teilnehmer schieden wegen Unterkühlung aus, Spitzenläufer gaben wegen der schlechten Bedingungen auf, die Zeiten waren unterirdisch.

Thomas Mehrer läuft trotzdem bis ins Ziel, braucht knapp 4 Stunden und 25 Minuten. Er überwindet den Schweinehund für die fünfte Medaille. „Obwohl der eigentlich schon im Training überwunden wird“, sagt Mehrer. Etwa vier Monate vor einem Marathon achtet der Dortmunder penibel auf die Ernährung, trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr, läuft am Wochenende zehn Runden um den Phoenixsee oder 25 Kilometer mit 600 Höhenmetern an der Hohensyburg.

Erinnerungen an den Boston-Marathon von 2013

In Boston läuft übrigens nicht nur der Schweinehund, sondern auch die Angst mit. Zu schlimm die Erinnerungen an den Bombenanschlag von 2013. Mehrers Frau will zuerst nicht, dass ihr Mann teilnimmt. Aber nach einigen Diskussionen gibt es das Ok von der Familie.

Auch beim letzten Marathon in London, im April 2019, reist Mehrers ganze Familie mit - zusammen mit der Angst, die es mittlerweile bei jeder Großveranstaltung gibt. „Wir haben dann zusammen auch Vereinbarungen getroffen, zum Beispiel, dass man immer zusammenbleibt“, erklärt Mehrer.

Wie ein Dortmunder vom Familienvater und Workaholic zum Marathon-Helden wurde

Die Six-Star-Finisher-Medaille von Thomas Mehrer. © Bargel

Es geht alles gut, der 50-Jährige holt sich vergangenen April die London-Medaille und - viel wichtiger - die Six-Star-Finisher-Medaille, die ihm in einer kleinen Zeremonie überreicht wird. 2014, als Mehrer den Berlin Marathon lief, hatten erst etwa 200 Läufer diese Medaille. Nach dem London-Marathon 2019 waren es schon über 5.000. Einer davon ist der Dortmunder Thomas Mehrer.

Vom Workaholic zum Leistungssportler

Dass ein 50-Jähriger das innerhalb von sechs Jahren schafft, ist nicht selbstverständlich. „Das Wichtigste war, dass meine Familie mitgezogen hat“, sagt Mehrer. Und natürlich die Disziplin. Morgens früh aufstehen, laufen gehen, 90 Minuten nach Köln zur Arbeit fahren, arbeiten, nach Hause fahren, Zeit mit der Familie verbringen.

„Es geht alles“, sagt Mehrer, der früher immer der war, der auf der Arbeit als Letzter das Licht ausgemacht hat. Das ist jetzt nicht mehr so. „Man muss da auch mal an sich selbst denken“, erklärt der Familienvater.

Thomas Mehrer hat bewiesen, dass jeder seine Grenzen verschieben kann. „Man kann extrem viel erreichen, wenn man aus seiner Komfort-Zone herauskommt“, sagt er. Er hat sich selbst auch bewiesen, dass er eben noch nicht alles im Leben erreicht hatte. Und Thomas Mehrer beantwortet sich die Frage, ob das jetzt schon alles gewesen sei, immer noch mit nein.

Mehrer hat sich schon die nächsten Ziele gesteckt

Im September wird er an einem olympischen Triathlon auf Norderney teilnehmen, dann will er sich neue Herausforderungen beim Schwimmen suchen. „Vielleicht durschschwimme ich nochmal die ein oder andere Meerenge“, sagt Mehrer. Dann fällt sein Blick wieder auf die Six-Star-Finisher-Medaille.

Aus der soll eventuell bald eine Eight-Stars-Medaille werden - unter anderem ist der Marathon in Singapur im Gespräch. „Vielleicht könnte ich ja dann mit der erste sein, der sich diese neue Medaille holt“, sagt Mehrer.

Ob er sich wirklich nochmal einen Marathon antun will? „Das kann ich nicht sagen, es kommt im Leben alles so, wie es kommen soll“, sagt der Dortmunder. Eines kann er aber mit Gewissheit sagen: Das war immer noch lange nicht alles, was das Leben für ihn bereithält.

Thomas Mehrers Weg zur Six-Star-Finisher-Medaille: Berlin (September 2014), New York (November 2015), Chicago (September 2016), Tokio (Februar 2017), Boston (April 2018), London (April 2019)
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